Waiblingen

Glimpfliche Strafen für Kleindealer

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Das Amtsgericht in Waiblingen. © Ramona Adolf

Schwaikheim/Waiblingen. Der eine hat mit Dealen sein Taschengeld aufgebessert, der andere sein Arbeitslosengeld. Glimpflich davongekommen sind beide vor dem Schöffengericht. Justitia drückte zwar nicht beide Augen zu, entschied aber konsequent nach dem Grundsatz „Im Zweifel für den Angeklagten“. Im einen Fall kam dabei eine Haftstrafe von einem Jahr und drei Monaten auf Bewährung raus, im anderen, nach Jugendstrafrecht, wurden 60 gemeinnützige Arbeitsstunden verhängt.

Die Anklage war von über 80 Fällen ausgegangen, bei denen ein 20-jähriger Korber einem 21-Jährigen, der in Schwaikheim wohnt, aber ebenfalls in Korb aufgewachsen ist, Marihuana verkauft und dieser das „Gras“ dann weitervertickt haben soll, mit Gewinn freilich, ebenso wie der Korber die Droge günstiger einkaufte, als er sie an seinen Kunden weiterverkaufte. Das Ganze soll etwa zweimal die Woche stattgefunden haben, im Zeitraum Februar 2014 bis Juli 2015, wobei sich die Anklage dabei auf entsprechende Aussagen des Abnehmers bei der Vernehmung durch die Polizei stützte, die Zahl entsprechend hochrechnend.

„Kleinhändler“ legten ihre „Gewinnmargen“offen

Von dieser Zahl blieb in den beiden Verhandlungen gegen die Angeklagten allerdings nicht mehr viel übrig. Beide sagten übereinstimmend aus, dass es zwischen ihnen nur drei- bis höchstens fünfmal zu einem „Geschäft“ gekommen sei, und das nur im Zeitraum Mai bis Juli 2015. Die anderen Deals bei ihm seien aufs „Konto“ anderer Lieferanten gegangen, so der 21-Jährige nun, der, wie auch der Richter aus nachvollziehbaren Gründen des Selbstschutzes befand, diese allerdings nicht benennen wollte. Der Korber wiederum gab an, dass der 21-Jährige sein einziger „Abnehmer“ gewesen sei und er wiederum zwei Lieferanten habe, die auch er natürlich nicht nannte.

Immerhin legten die beiden „Kleinhändler“ ihre „Gewinnmargen“offen: Der Lieferant bekam das Zeug für sieben Euro das Gramm, verkaufte es für zehn weiter, sein Abnehmer für 12,50 Euro beziehungsweise 25 Euro für das Zwei-Gramm-Tütchen.

Im Zweifel für den Angeklagten

Bei diesem ging es allerdings nicht nur um „gewerbsmäßigen Handel“ mit Marihuana, sondern auch um eine versuchte Erpressung. Als er nämlich im Zuge einer Hausdurchsuchung aufgeflogen war, verlangte er umgehend von einem seiner „Kunden“ „Schadensersatz“. Was er selbst vor Gericht als „Kurzschlussreaktion“ bezeichnete. Wie fordernd oder gar drohend er dem Nachdruck verlieh, ließ sich vor Gericht aber nicht eindeutig klären, zumal das Opfer als Zeuge dazu keine klare Aussage machte. Also galt auch hier: im Zweifel für den Angeklagten.

Dies wandte das Gericht auch in Bezug auf die vermeintlich falsche Aussage gegenüber der Polizei an. Der Angeklagte erklärte sie mit „Druck“, unter dem er damals gestanden habe. Einer der ermittelnden Polizisten, der als Zeuge aussagte, betonte allerdings, dass gerade dieser Druck erfahrungsgemäß dazu führe, dass nervöse Beschuldigte eher die Wahrheit sagen: „Das, was sie zuerst sagen, stimmt in der Regel, weil sie es sich später anders überlegen, sie erhoffen sich Vorteile, es wird dann angeblich immer weniger, was sie angestellt haben.“

Richter lobt Geständnisse, kritisiert aber das „Rumgeeiere“

Beide Angeklagten waren, was den Weiterverkauf des Marihuanas, ihre Tätigkeit als Dealer anging, grundsätzlich durchaus geständig, „eierten“ aber in der Verhandlung, so der Richter missbilligend, bei der Häufigkeit und damit der Menge, die da letztlich zusammenkam, ziemlich herum. Der Ältere wurde nur für die 20 Fälle, die er eingeräumt hatte, verurteilt, der Jüngere für die drei Fälle, die er gestand. Mehr sei ihnen eben nicht wirklich nachzuweisen, so der Richter. Ob es tatsächlich nur die paar oder gar 100 Fälle gewesen waren, sei aber letztlich für das Strafmaß unerheblich. Juristisch ist jeder Fall eine Straftat, wobei aus allem ohnehin eine Gesamtstrafe gebildet wird, die allerdings bei einem Erwachsenen mindestens ein Jahr Freiheitsstrafe beträgt.

Auf einem guten Weg

Beim 21-Jährigen, der einen „gereiften“ Eindruck machte, entschied das Gericht nach Erwachsenenstrafrecht, räumte ihm allerdings Bewährung ein. Er hat, nach einer offenbar schwierigen Zeit mit der Trennung seiner Eltern, einer betriebsbedingten Kündigung und anschließenden Arbeitslosigkeit, beruflich mittlerweile wieder Fuß gefasst, wirbt für einen Automobilclub Mitglieder. Die Firma kennt seine „Geschichte“, sein Chef stützt ihn. Ebenfalls positiv wirkt sich aus, dass der Mann mittlerweile in einer stabilen Beziehung ist. Allerdings ist er seit der Drogengeschichte den Führerschein los, für einen, der beruflich viel unterwegs ist, ein Handicap, das richtig wehtut. Er bekam außerdem von Gericht auferlegt, sich mehreren Drogenscreenings zu unterziehen, um nachzuweisen, dass er wirklich „clean“ ist. Außerdem muss er 2000 Euro an eine gemeinnützige Einrichtung zahlen.

Der jüngere Angeklagte hatte das „Pech“ gehabt, dass er genau zu der Zeit beim anderen mit „Nachschub“ vorfuhr, als dort die Hausdurchsuchung stattfand. Die Polizei schaute sich darauf sofort auch sein Zuhause an, im Haus der Eltern, deren Begeisterung über den Besuch sich in Grenzen hielt, die, genau gesagt, aus allen Wolken fielen. In der Folgezeit hatte der Sprössling, der nach einer Lehre wieder zur Schule geht, um die Fachhochschulreife zu erlangen, daheim wenig zu lachen. Auch der Richter führte ihm vor Augen, was auf dem Spiel steht: Eine Haftstrafe, wenn auch auf Bewährung, wäre er nach Erwachsenenstrafrecht verurteilt worden.