Waiblingen

Goya in der Galerie Stihl

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Francisco de Goya, die neue Ausstellung in der Galerie Stihl Waiblingen. © Gabriel Habermann
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Francisco de Goya, die neue Ausstellung in der Galerie Stihl Waiblingen. © Gabriel Habermann
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Francisco de Goya, die neue Ausstellung in der Galerie Stihl Waiblingen. © Gabriel Habermann
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Francisco de Goya, die neue Ausstellung in der Galerie Stihl Waiblingen. © Gabriel Habermann
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Francisco de Goya, die neue Ausstellung in der Galerie Stihl Waiblingen. © Gabriel Habermann
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Francisco de Goya, die neue Ausstellung in der Galerie Stihl Waiblingen. © Gabriel Habermann
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Francisco de Goya, die neue Ausstellung in der Galerie Stihl Waiblingen. © Gabriel Habermann
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Francisco de Goya, die neue Ausstellung in der Galerie Stihl Waiblingen. © Gabriel Habermann
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Francisco de Goya, die neue Ausstellung in der Galerie Stihl Waiblingen. © Gabriel Habermann
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Francisco de Goya, die neue Ausstellung in der Galerie Stihl Waiblingen. © Gabriel Habermann
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Francisco de Goya, die neue Ausstellung in der Galerie Stihl Waiblingen. © Gabriel Habermann
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Francisco de Goya, die neue Ausstellung in der Galerie Stihl Waiblingen. © Gabriel Habermann
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Francisco de Goya, die neue Ausstellung in der Galerie Stihl Waiblingen. © Gabriel Habermann
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Francisco de Goya, die neue Ausstellung in der Galerie Stihl Waiblingen. © Gabriel Habermann
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Francisco de Goya, die neue Ausstellung in der Galerie Stihl Waiblingen. © Gabriel Habermann

Waiblingen. Er also wieder. Francisco José de Goya Lucientes wird gezeigt in der Galerie Stihl Waiblingen. Goya, der gerade mit seinem grafischen Werk so oft geschaute, zu jeder Zeit und gesellschaftlichen Lage neu hergenommene und gedeutete Vorzeichner der Moderne, das Vorbild für die persönliche Unabhängigkeitserklärung von allen Auftraggebern, von Hof und Kirche. Goya also gilt es wiederum neu zu entdecken. Und bietet weiter ein Fest der Erkenntnis.

Die Waiblinger Ausstellungsmacherinnen haben sich für eine Schau im Schauraum entschieden, für einen Kasten im White Cube. Mit verschiedenen Eingängen, so dass der Goya-Gänger seinen je eigenen Zugang wählen kann, außen angespielt durch ins Große gezogene Szenen, durch Biografisches zur Person und kluge minimale Anreicherungen mit Zitaten aus spanischen Zeitungen und Passagen der Literatur. Dort, wo Schlaglichter etwas anticken, was innen dann intensiv geschaut werden will. Unter vier Kapiteln und geschätzt 125 verschiedenen Aspekten. So wird der Freund der Druckgrafik, der Kaltnadelradierung oder Aquatinta, anders draufschauen als der Liebhaber von Satiren, der zu allen Zeiten den zu Macht Gekommenen die Maske heruntergerissen haben will. Die Theoretiker und Praktiker des Allzumenschlichen werden sich an Goya selbst erkennen, bis es schmerzt und nur durch Ablachen erträglich bleibt. Die Friedensfreunde und strikten Waffengegner werden reingehen, um zu sagen, sie haben es schon immer gesagt. Und die Geschichtspessimisten und Streiter wider die menschliche Natur werden mit Goya und seinem wohl berühmtesten Blatt ausrufen: „Die Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer“.

Keine Tiefenanalyse ohne Goya

Goya ist für alle da, wird es dabei aber nie zum Freund dumpfer Massen schaffen. Tief schauen freilich sollte man schon. Nahe rangehen, Nähe zu erträumten, oft traumatisch zugespitzen Szenen zulassen. Und dabei bedenken, der Mann, praktizierend ohne Couch, der Hofmaler und Prado-Chef Goya, hatte noch keinen Sigmund Freud und dessen tiefenanalytisches Besteck zur Hand. Aber es würde einen schon wundern, wenn der Wiener Seelendoktor zu seiner Zeit nicht auch seinen Goya geschaut hat.

Die beiden Triebkräfte des Menschen, Tod und Eros, wo bitte anders denn als bei diesem Meister so vieler Klassen sollen sich denn die Seelendeuter bildlich bedient haben? Also! Und schaue der, dem Augen gegeben sind.

Neben einem Tor im Trutzburg-Kasten hängt das Selbstbildnis von Goya. Das Profil, mit dem er seinen Los-Caprichos-Zyklus starten ließ. Dazu hat die Galerieleiterin Silke Schuck, die oft über die Literatur den Zugang zur Kunst findet, eine Goya-Figurbeschreibung von Lion Feuchtwanger gestellt aus dessen sehr freier Künstler-Biografie „Goya oder der arge Weg der Erkenntnis“, wir schreiben das Jahr 1951. Da heißt es:

Er war nicht groß. Unter schweren Lidern lagen tief die Augen. Die Unterlippe war voll und gewalttätig vorgeschoben, die Nase kam gerade, fleischig und flach aus der Stirn heraus, der Kopf hatte etwas Löwenhaftes.

Ja, von dem Mann war etwas zu erwarten. Es brauchte schon löwenhaften Mut, an der Inquisition vorbei und unter der Gefahr des Liebesentzugs durch seinen Schutzherrn Karl IV. zu einer solchen Klarheit zu kommen in der Kritik der Zustände – dies zu Beginn des vorvorigen Jahrhunderts.

Wiederum ein groß gezogenes Bild an der Außenwand des Kastens zeigt einen Esel beim Betrachten eines Buches. Da zeige sich erneut, sagt Silke Schuck, „Goyas Spiel mit Verstellungen, Zerrbildern und Trugbildern“. Es ist der Adel, dem er hier die entlarvende Esels-Maske aufsetzt. Der zweite Blick geht zum Buch. Wir sehen kleine Esel in ewiger Abfolge, das vom Zeichner verlachte Adelsgeschlecht kennt ja auch keine andere Erbauung als die der ewigen Erbfolge. In den Caprichos sieht die Waiblinger Ausstellungsmacherin „viel Stoff für das Lächerliche“. Dabei erkenne man noch in jedem Blatt den Grundzug in der Bildschöpfung bei Goya: „Die genaue Betrachtung der Realität in Verbindung mit der Fantasie und der Kritik an der Gesellschaft.“

Jede Szene lässt einen inneren Film ablaufen

Kaum ein Thema, das bei ihm nicht zu einer Verdichtung fand auf kleinem Format. Dabei oft angelegt wie die Szenenaufnahmen aus einem Film. Etwa beim Stierkampf-Zyklus, wo in uns, wenn wir die Szene von links nach rechts lesen, ein innerer Film abläuft samt dramatisch wechselnder Beleuchtung und Aktion aus der Bewegung heraus. Noch ein Gedankenklick mehr, und der aufs Horn genommene Stierkämpfer liegt im Staub.

Es kann aber auch das Thema Erziehung sein und der Brauch, dass ein fremder, verkleideter Mann zur Familie kommt, um den Kindern Ehrfurcht durch Schrecken einzujagen. Und wieder sollten wir aufs Formale schauen, das eben so viel dazutut zur Erkenntnis. In welchem Winkel sich der mit dem ganzen Leib aufschreiende Kinderkörper wegpfeilt von der Umfassung durch die Mutter. Oder dann, in der nicht fehlen dürfenden Folge „Los Desastres de la Guerra“, wovon acht Blätter in Waiblingen zu sehen sind, wie die gewalttätig zu Tode gekommene Mutter sich in einer Zackenlinie ein letztes Mal aufbäumt, die Stoßrichtung geht gegen das Kind, das allein zurückbleibt.

Die „Schrecken des Krieges“ gelten für alle Kriege

In diesen Momenten wird die Ausstellungsmacherin aktuell und kommentiert unseren Umgang mit Bildern. Die Schrecken des Krieges heute werden eng getaktet uns auf die Bildschirme gedrückt, wo wir auch gehen oder stehen. Einmal innehalten und dann des allzeitig gültig Geschauten und Gefühlten gewahr werden zum Thema, das geht mit niemandem so gut wie mit Goya.

Und das, obwohl er nie in unserem Sinne Kriegsreporter mit dem Zeichenstift war. Er hat sich die Szenen der Ungeheuerlichkeiten schildern lassen und dann in seinem Atelier zu Form gefasst. Es muss Einbildungskraft hinzukommen. Etwas Visionäres, was das nur betrachtende Auge gar nicht erfassen kann.

Schuck nennt das Fantasie. So betrachtet hatte dieser Mann schon eine fantastische Fantasiebegabung. Eben dass wir ihn immer wieder sehen können. Neu, erschreckend neu.

Groteske, Karneval

Eröffnet wird die Ausstellung „Goya, Groteske und Karneval“ am Freitag, 29. Januar, um 19 Uhr in der benachbarten Kunstschule Unteres Remstal, Weingärtner Vorstadt 14. Zu sehen ist die Schau mit über 100 Radierungen aus dem umfassenden Bestand des Morat-Instituts für Kunst und Kunstwissenschaft in Freiburg bis zum 1. Mai. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag von 11 bis 18 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr.

Wiederum ist ein umfangreiches Begleitprogramm aufgelegt. Ein Höhepunkt: der Flamenco-Tanz von Gisa Michelon frei nach Goya am Donnerstag, 4. Februar, 20 Uhr, im Waiblinger Kulturhaus Schwanen.

Das Programm für die Kunstvermittlung ist wiederum zweigeteilt. Für Kindergartenkinder sogar ab drei Jahren, sowie für Schüler. Ein Höhepunkt hieraus: der Workshop eines Grafikrestaurators, der Kopien von Goya anfertigt.

Viermal Goya

Gezeigt werden alle 80 Blatt des Zyklus Los Caprichos. Die Radierungen vermitteln mit karnevalesk anmutenden, launigen Einfällen das Welttheater des menschlichen Daseins.

Zwischen 1808 und 1814 entstanden die 80 Platten zu der Folge Los Desastres de la Guerra. Sie vergegenwärtigen jene unaussprechlichen Schrecken des Krieges, die Spanien durch Napoleons Soldaten in den Bann zogen. Die Direktheit in der künstlerischen Darstellung setzt den Grausamkeiten, zu denen Menschen im Krieg fähig sind, ein neues Maß.

Ab 1814 radierte Goya eine rätselhaft bleibende Folge von 22 Blatt unter dem Stichwort Disparates. Fliegende Wesen, Hexen und riesenhafte Gestalten greifen die Auseinandersetzung mit den geflügelten Nachtgestalten in den Caprichos auf.

1816 veröffentlichte Goya La Tauromaquia, ein Zyklus, der in 33 Szenen Stierkämpfe in den Arenen zeigt.