Waiblingen

Gunter Sachs in der Galerie Stihl Waiblingen: Frauenfeindlich oder Kunst?

FotoAusstellung
Neue Ausstellung über Gunter Sachs als Fotokünstler. © Alexandra Palmizi

Gunter Sachs war in den sechziger und siebziger Jahren ein Promi erster Güte: Der deutsch-schweizerische Industriellenerbe war als Gentleman und Playboy die Inkarnation des internationalen Jetsets von Saint-Tropez und Sankt Moritz. Aber nicht nur das: Zugleich war er Kunstsammler, Mäzen, Filmemacher und Fotograf mit eigenständigem Kunst-Anspruch. Die Galerie Stihl Waiblingen zeigt jetzt einen Überblick über sein fotokünstlerisches Schaffen, das durch technische Raffinesse beeindruckt – und mit seinem Frauenbild potenziell für Diskussionsstoff sorgt.

Zu sehen sind in der Galerie Stihl nicht nur Fotos von Gunter Sachs, sondern auch Werke von Andy Warhol sowie der Surrealisten Yves Tanguy und René Magritte, mit denen sich der Fotograf künstlerisch auseinandersetzte. Und von Yves Klein, der für seine „Anthropometrie“ ein mit blauer Farbe bemaltes Aktmodell sich als „weiblicher Pinsel“ über auf dem Boden liegendes Papier wälzen ließ. Gunter Sachs greift die Happening-Idee auf und lässt blaue Farbe auf den Körper einer ausgestreckt liegenden Nackten klatschen – und hält genau den Augenblick vor dem Aufprall des Blau-Schwalls fest, die Farbe im Sturz. In Zeiten von Photoshop mag manches leicht erscheinen, was Gunter Sachs mit enormem technischen Aufwand realisierte.

„Eine ,Me too’-Debatte hätte es um ihn garantiert nicht gegeben“

Andy Warhol vervielfältigte das Porträt seines Freundes Gunter Sachs in seiner berühmten Siebdruck-Technik. Dieser wiederum tat’s ihm gleich mit dem Antlitz seines Lieblingsmodels Claudia Schiffer, die dabei frappierende Ähnlichkeit hat mit einer anderen Ikone der Sechziger: Brigitte Bardot. Seine kurzlebige Ehe mit ihr elektrisierte den Boulevard. Gunter Sachs war es, der Andy Warhol in Europa erst bekanntmachte. Einer Anekdote zufolge verkauften sich die Bilder des Pop-Art-Helden bei einer Ausstellung in Hamburg quasi überhaupt nicht. Was tat Sachs? Unter die Hälfte der Bilder befestigte er den roten Aufkleber und berichtete: Die Hälfte ist schon verkauft. Von wem, das verriet er nicht. Geld hatte er jedenfalls genug. Die Schiffer stand auch Modell für eins der mächtigsten Werke dieser Ausstellung: In „Vier Jahreszeiten“ erscheint sie mit Make-up und Kopfschmuck als eine Göttin des Frühlings, Sommers, Herbsts und des Winters.

Schöne Frauen im Mittelpunkt, viel nackte Haut: Damals bekümmerte das nur die Spießbürger, heute stellt sich die Frage: Ist das frauenfeindlich? Nach dem Kulturwissenschaftler und Sachs-Experten Dr. Otto Letze vom Institut für Kulturaustausch in Tübingen hat die Pop-Art das Phänomen „Sex sells“ aus der Warenästhetik des Kapitalismus übernommen und kolportierend auf die Spitze getrieben. Die Fotomodels, die mit Gunter Sachs arbeiteten, äußerten sich voller Respekt über den Künstler: über seine Professionalität, über seine Liebe zum Schönen und seinen tadellosen Umgang. Der Jetset-Fotograf nahm sich schon 2011 im Angesicht einer Alzheimer-Erkrankung das Leben, Otto Letze ist sich aber sicher: „Eine ,Me too’-Debatte hätte es über ihn garantiert nie gegeben.“

Galerie-Leiterin: "Werk aus seiner Zeit heraus verstehen"

Galerie-Leiterin Dr. Anja Gerdemann und ihr Team haben sich vorab viele Gedanken gemacht über die Ausstellung, viel diskutiert – und sich dafür entschieden. Und: „Er ist nicht der erste Künstler, der sich von nackten Körpern inspirieren ließ – die Kunstgeschichte ist voll von nackten Frauen.“ Es geht um die Kunst, um den Prozess der Auseinandersetzung des Fotografen mit der Kunstsammlung. Von „Cancel Culture“ hält sie daher nichts, die Kunst von Gunter Sachs habe klar ihre Daseinsberechtigung. Geprägt von der sexuellen Revolution, müsse sie aus ihrer Zeit heraus verstanden werden - und heute, da vieles prüder gesehen werde, offen diskutiert werden. „Als gestandene Frau würde ich hier nicht Modell stehen, und ich würde jüngeren Frauen kein solches rückständiges Frauenbild mit auf den Weg geben wollen.“ Aber es handle sich auch nicht um eine Aktausstellung, gezeigt werde die ganze Bandbreite des Werks.

Vernissage und Begleitprogramm

Die Vernissage zu „Gunter Sachs. Kamerakunst“ beginnt am Freitag, 18. Februar, um 19 Uhr in der Kunstschule Unteres Remstal. Ein Link zum Livestream ist unter www.waiblingen.de abrufbar. Die Ausstellung in der Galerie Stihl Waiblingen ist bis zum 15. Mai zu sehen. Am 22. März spricht Prof. Dr. Alexandra Karentzos über „Schaulust, Körperpolitik und Fotografie“. Die Kunstschule bietet ein Kunstvermittlungsprogramm für Kinder und Jugendliche.

Gunter Sachs war in den sechziger und siebziger Jahren ein Promi erster Güte: Der deutsch-schweizerische Industriellenerbe war als Gentleman und Playboy die Inkarnation des internationalen Jetsets von Saint-Tropez und Sankt Moritz. Aber nicht nur das: Zugleich war er Kunstsammler, Mäzen, Filmemacher und Fotograf mit eigenständigem Kunst-Anspruch. Die Galerie Stihl Waiblingen zeigt jetzt einen Überblick über sein fotokünstlerisches Schaffen, das durch technische Raffinesse beeindruckt – und

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