Waiblingen

Häusliche Gewalt: Die Spirale durchbrechen

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Hinterher behauptet sie vielleicht, sie sei die Treppe hinuntergefallen. © Zürn/ZVW

Waiblingen. Stille Nacht, Heilige Nacht – und dann hat’s gekracht: An Feiertagen brechen häufiger als sonst Aggressionen durch. Familien sitzen eng aufeinander, jeder startet mit anderen Erwartungen ins lange Festwochenende. Alkohol spielt eine Rolle. Im Rems-Murr-Kreis hat der Runde Tisch „Häusliche Gewalt“ ein dichtes Hilfenetzwerk geknüpft.

„Wer schlägt, der geht!“: Der Paritätische Wohlfahrtsverband Baden-Württemberg verweist mit dieser plakativen Überschrift auf den Wohnungsverweis, den das seit 15 Jahren gültige Gewaltschutzgesetz vorsieht. Davor blieb den Opfern – meist sind es Frauen – nur die Flucht aus der Wohnung, um einem gewalttätigen Partner oder Ehemann zu entkommen. Die Polizei kann seit 2002 umgekehrt den Schläger für mehrere Tage aus der Wohnung verweisen. Sofern das Opfer einen Antrag stellt, kann ein Familiengericht zudem verfügen, dass das Opfer weitere sechs Monate in der Wohnung bleiben kann, selbst dann, wenn die Frau nicht Mieterin ist. Das Gericht kann dem Schläger außerdem verbieten, Kontakt zur (Ex-)Partnerin aufzunehmen oder sich ihr auch nur zu nähern.

Bis zu 8000 Einsätze jedes Jahr

Jährlich zählt die Polizei in Baden-Württemberg laut Paritätischem Wohlfahrtsverband zwischen 7000 und 8000 Einsätze nach häuslicher Gewalt. In der Regel seien Frauen die Leidtragenden. Bei circa jedem dritten Einsatz spreche die Polizei einen mehrtägigen Wohnungsverweis aus. 2016 fanden im Rems-Murr-Kreis 345 Polizeieinsätze aufgrund häuslicher Gewalt statt, heißt es in der Mitteilung weiter. Jeder dritte Einsatz führte zu einem Wohnungsverweis.

„Durch den polizeilichen Wohnungsverweis und das Gewaltschutzgesetz stellt häusliche Gewalt kein persönliches Schicksal mehr dar, sondern ein Unrecht. Damit hat sich die Rechtsstellung der Opfer in der Bundesrepublik deutlich verbessert. Doch um häusliche Gewalt langfristig zu beenden, bedarf es neben den Eingriffsbefugnissen der Behörden der psycho-sozialen Beratung für Opfer, Täter und der mitbetroffenen Kinder“, bilanziert Ursel Wolfgramm, Vorstandsvorsitzende des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Baden-Württemberg. Sie fordert flächendeckend Unterstützungsangebote auch für Kinder – und für die Gewaltausübenden. Nur so könne verhindert werden, dass häusliche Gewalt von Generation zu Generation weitergegeben wird.

Hilfenetz für Betroffene

Was solche Hilfsangebote angeht, ist der Rems-Murr-Kreis vorne dabei. Für Opfer gibt es ein Hilfenetz gegen häusliche Gewalt mit spezialisierter Beratung und Betreuung. Polizei und Beratungsstellen arbeiten eng zusammen. „Von häuslicher Gewalt betroffene Frauen und Männer können in der Opferberatung über die Gewaltgeschehnisse sprechen. Sie erhalten zeitnah Unterstützung in der Krise, bei der Verarbeitung der Gewaltgeschehnisse, rechtliche Informationen und bei Bedarf Begleitung zu Behörden. Denn nur wer seine Rechte kennt und den Belastungen eines Gerichtsverfahrens gewachsen ist, kann das Gewaltschutzgesetz nutzen“, erläutert Sonja Lupfer-Rieg vom Kreisdiakonieverband Rems-Murr, Sprecherin des Arbeitskreises Opferberatung bei häuslicher Gewalt im Rems-Murr-Kreis. „Häusliche Gewalt geschieht im privaten Raum und ist dennoch keine Privatsache. Hinschauen, Schutz bieten, die Gewaltspirale durchbrechen, gewaltfreie Lebensmöglichkeiten eröffnen, das ist das erklärte Ziel des Netzwerkes“, so Sonja Lupfer-Rieg.

Krisendienst für betroffene Kinder

Ein Krisen- und Beratungsdienst begleitet Kinder, die von Gewalt in Familien betroffen sind. Die Polizei stellt die Kontakte her. Die Angebote sind laut Sonja Lupfer-Rieg den fünf Polizeirevieren zugeordnet. Betroffene können sich auch selbst an die entsprechenden Stellen wenden. „Männer und in wenigen Fällen auch Frauen, die Täter und Täterinnen werden, haben die Möglichkeit, spezielle Beratung, Begleitung und Gewaltsensibilisierungstrainings zu erhalten“, ergänzt Sonja Lupfer-Rieg.

Hilfenetzwerk: Die Ansprechpartner

Ständige Mitglieder des Runden Tisches „Häusliche Gewalt“ im Rems-Murr-Kreis sind laut einer Mitteilung „Vertreter und Vertreterinnen von Institutionen, die in Fällen von häuslicher Gewalt tangiert sind und auf eine Optimierung der Strukturen hinwirken, insbesondere sind dies Vertreter der Polizei, Ordnungsämter, Landratsamt, Beratungsstellen, Justizbehörden und Gleichstellungsbeauftragte“.

Der Runde Tisch hat im Jahr 2004 die Arbeit aufgenommen.

Ansprechpartner im Hilfenetz gegen häusliche Gewalt im Rems-Murr-Kreis sind:

Polizeirevier Fellbach/Kernen
Beratung für weibliche Opfer: 0 71 51/9 59 19-22, Beratung für männliche Opfer: 0 71 51/98 224-89 40, Beratung für Täter und Täterinnen: 0 71 51/166 89 82, Krisen- und Beratungsdienst für Kinder: 0 71 51/17 24-28.

Polizeirevier Schorndorf
Beratung für weibliche Opfer: 0 71 81/6 16 14, Beratung für männliche Opfer: 0 71 51/9 82 24-89 40, Beratung für Täter und Täterinnen: 0 71 51/1 66 89 82, Krisen- und Beratungsdienst für Kinder: 0 71 81/9 38 89-50 39.

Polizeirevier Waiblingen
Beratung für weibliche Opfer: 0 71 51/9 82 24-89 40, Beratung für männliche Opfer: 0 71 51/9 82 24-89 40, Beratung für Täter und Täterinnen: 0 71 51/1 66 89 82, Krisen- und Beratungsdienst für Kinder: 0 71 51/17 24-28.

Polizeirevier Winnenden
Beratung für weibliche Opfer: 0 71 51/17 24-28, Beratung für männliche Opfer: 0 71 51/9 82 24-89 40, Beratung für Täter und Täterinnen: 0 71 51/1 66 89 82, Krisen- und Beratungsdienst für Kinder: 0 71 91/8 95-40 39.

Polizeirevier Backnang
Beratung für weibliche Opfer: 0 71 91/9 11 56 10, Beratung für männliche Opfer: 0 71 51/9 82 24-89 40, Beratung für Täter und Täterinnen: 0 71 51/1 66 89 82, Krisen- und Beratungsdienst für Kinder: 0 71 91/8 95-40 39.