Waiblingen

Haben wir wirklich einen Fachärztemangel?

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Die Wartezeit für einen Termin bei einem Augenarzt im Rems-Murr-Kreis beträgt rund vier Monate. © Klaus Rose

Waiblingen. Die Klagen sind laut und kommen immer wieder: starke Kreuzschmerzen, aber kein Orthopäde frei; das Herz spielt verrückt, aber die Kardiologen vertrösten aufs übernächste Quartal; die Augen sollten untersucht werden, aber die Praxen nehmen niemanden mehr auf. Haben wir einen Fachärztemangel – oder eine „Patientenschwemme“, wie Dr. Markus Schuler vermutet?

Fachärzte scheinen im Rems-Murr-Kreis eine seltene Spezies zu sein. Dabei gibt’s doch ziemlich viele Praxen. Was hat es mit dem Fachärztemangel auf sich? Wie kommt’s zu dieser Terminnot und den damit einhergehenden Aggressionen sowohl von Patienten- als auch von Ärzteseite? Was passiert denn tatsächlich?

Zum Beispiel diese Geschichte: Die Patientin war in der Krebsnachsorge. Unglücklicherweise hatte ihr Frauenarzt seine Tätigkeit altershalber aufgegeben und an eine Nachfolgerin übergeben. Mit dieser kam die Patientin einfach nicht zurecht. Doch die Suche nach einem anderen Gynäkologen gestaltete sich schwierig. Am Ende ging sie von Praxis zu Praxis, schilderte ihre Geschichte und bat um Betreuung. Sie musste einige Praxen abklappern.

„Tut uns leid. Neue Patienten werden nicht aufgenommen“

Fachärzte sind diskret. Auch wenn’s um ihre und ihrer Patienten Probleme geht. Wie zum Beispiel um Ärztemangel und Terminnot. Und so gab’s nur aus vier von elf angeschriebenen Facharzt-Praxen Rückmeldung. Die Fragen lauteten: Wie lange dauert es, bis ein Patient einen Termin bekommt? Was muss er haben oder wie muss er sich anmelden, dass er schnell einen Termin bekommt? Nehmen Sie noch neue Patienten auf? Wie schätzen Sie die Lage ein?

Die Lage, so scheint’s zumindest, ist angespannt. Vielerorts und bei den verschiedensten Spezialisten heißt es: Tut uns leid. Neue Patienten werden nicht mehr aufgenommen.

Ärztesprecher Markus Schuler: „Wir haben keine Ärzteschwemme ...“ (Archivbild: Büttner/ZVW)

Dr. Markus Schuler, Allgemeinmediziner – also Hausarzt – und Sprecher der Ärzteschaft im Kreis, erklärt: „Die Bedarfsplanung der Ärzte, die durch den damaligen Gesundheitsminister Seehofer Anfang der 90er Jahre (zur Zeit der sogenannten „Ärzteschwemme“) eingeführt wurde, gehört seit Jahren dringlich und gründlich reformiert.“

Im Raum Winnenden, schreibt Markus Schuler, bekommt ein Patient, „der direkt den Facharzt kontaktiert oder eine Routine-Überweisung hat“, etwa in diesen Fristen Termine:

  • beim Orthopäden in einer Woche,
  • beim Kardiologen in sechs Monaten,
  • beim Augenarzt in vier Monaten,
  • beim Hals-Nasen-Ohren-Arzt eine Woche
  • und beim Hautarzt in zwei Wochen bis sechs Monaten.

Unterversorgung, so Schuler, gibt es im Rems-Murr-Kreis bei den Fachärzten, die unter dem Begriff „Internist“ zusammengefasst werden. Es gebe keinen internistischen Rheumatologen, nur eine onkologische Praxis, zu wenig Lungenärzte.

Bedarf wird regionenweit geplant

Hier spielt wieder die Bedarfsplanung der Kassenärztlichen Vereinigung eine Rolle. Wobei die Kassenärztliche Vereinigung hier keinerlei eigenen Spielraum hat: Alles ist gesetzlich festgezurrt. Die von Schuler genannten Fachärzte fallen, wie auch zum Beispiel Kardiologen, in die Sparte „Internisten“, deren Bedarf nicht kreisweit, sondern regionenweit geplant wird, so Kai Sonntag, Pressesprecher der Kassenärztlichen Vereinigung. Das heißt für Patienten im Kreis: Die Fahrt zum Spezialisten kann weit sein. Und das ist von der Gesundheitspolitik so gewollt.

Andere Fachärzte, ganz gleich, ob Augenarzt, Urologe, Gynäkologe, Orthopäde, Kardiologe oder Chirurg, werden kreisweit beplant und sind der Statistik nach bestens repräsentiert. Die magische Zahl heißt „110“. 110 ist der Versorgungsgrad, ab dem die Kassenärztliche Vereinigung von Gesetzes wegen keinem Arzt mehr die Genehmigung erteilen darf, eine Praxis aufzumachen. Im Hinblick auf diese Zahl müssten Orthopäden im Kreis eigentlich Däumchen drehen, genauso wie die Kinderärzte.

  • Die Orthopäden haben, Stand Juli 2017, einen Versorgungsgrad von 132,7.
  • Die Kinderärzte liegen bei 142,5.
  • Auch bei den Chirurgen sieht’s echt gut aus: 121,3.
  • Die anderen Fachärzte liegen alle knapp über der 110er-Grenze.

Warum nur schreibt Markus Schuler dann: „Wir haben keine Ärzteschwemme, sondern eine Patientenschwemme“? Warum nur gibt es so viele Klagen, dass keine Termine zu bekommen sind?

„Das Thema ist in der Tat brisant ...“

Das Problem ist komplex. Die Entwicklungen in der Medizin sind segensreich, doch: Wo mehr Möglichkeiten, da mehr Arbeit. „Wir können vieles behandeln, was früher keine Arbeit machte, weil es keine Behandlungsmöglichkeiten gab“, schreibt Schuler. Hinzu kommt: „Die Menschen werden älter.“ Und: „Patienten mit chronischen Erkrankungen leben länger und sind dann länger chronisch krank.“ Die stets wachsende Bürokratie tut das ihrige zur Zeitnot der Mediziner dazu.

„Das Thema ist in der Tat brisant, so dass ich Ihnen sogar aus dem stürmischen Rügen, wo wir gerade unseren Urlaub verbringen, antworte“, schreibt Dr. Hartwig Hildebrand, Gynäkologe aus Welzheim. In seiner Praxis werden neue Patientinnen noch aufgenommen, „soweit sie in Welzheim und Umgebung wohnen“. In Waiblingen zum Beispiel ist das nicht überall mehr so. Auch in der Praxis des Neurologen Dr. Michael Schajor in Schorndorf sind Neupatienten „immer noch herzlich willkommen“.

In dringenden Fällen gibt es Notfalltermine

Jetzt sofort und auf der Stelle kann allerdings nur in ausdrücklichen Notsituationen jemand kommen. In der Regel, schreibt Hartwig Hildebrand, dauere die Wartezeit bis zum Termin vier bis sechs Wochen. „Für eine Krebsvorsorge bei einer beschwerdefreien Patientin aus meiner Sicht tolerabel.“ Bei Neurologe Schajor warten Patienten zwischen drei und sechs Wochen. „Bei dringenden Fällen haben wir Notfalltermine, die jedoch ausschließlich an die Hausärzte beziehungsweise überweisenden Fachärzte vergeben werden, da auch nur diese einschätzen können, ob es sich auch wirklich um einen Notfall handelt.“

Dazu weiß Markus Schuler wieder eine Anekdote zu erzählen: Eine junge Frau schreibt ihrer Freundin per WhatsApp, dass sie blutigen Schleim ausgespuckt habe. Diese schreibt zurück, dass dringend eine Magenspiegelung gemacht werden müsste – Magenblutung. Beim entsprechenden Facharzt gibt’s Ärger: Terminmangel. Der Hausarzt dann, den sie am Schluss aufsucht, stellt fest, dass die Frau Nasenbluten gehabt hat und der blutige Schleim daher gekommen ist. „Wenn alle Patienten die Lotsenfunktion des Hausarztes akzeptieren (die meisten tun es ja), können wir viel an vergeudeter Fehlversorgung einsparen“, schreibt Schuler. „Echte Notfälle werden immer versorgt. Vielleicht braucht es dazu einige Telefonate, aber das klappt immer. Das gilt auch für Schmerzpatienten.“

Mehr Ärzte kosten mehr Geld

Beim Hausarzt, erklärt Schuler, bekomme in der Regel jeder zeitnah einen Termin. Oft sogar noch am gleichen Tag. „Natürlich dann zu der Stunde, wo ein Termin frei ist.“ Das allerdings löst gerne mal Unmut bei potenziellen Patienten aus.

Mehr Ärzte könnten freilich dieses Gesamtpaket abfedern. Doch, schreibt Schuler, es gelte „noch die alte Seehoferregel: Jeder Arzt kostet viel Geld, vor allem durch seine Verordnungen. Ergo: weniger Ärzte, weniger Kosten.“ „Unsere Gesellschaft“, schreibt Schuler, „muss sich entscheiden, was sie will“: bessere Versorgung oder stabile Krankenkassenbeiträge?


Seehofers Erbe: Die Bedarfsplanung für Ärzte

Horst Seehofer, seinerzeit Bundesgesundheitsminister, führte mit dem damaligen Gesundheitsstrukturgesetz 1992 die Bedarfsplanung und Zulassungsbeschränkungen für Ärzte ein, die Kassenpatienten behandeln. Damals wurde festgelegt, wie viele Ärzte einer bestimmten Fachrichtung sich wo niederlassen dürfen. Ist der Sollwert erreicht, darf kein weiterer Arzt dort seine Arbeit aufnehmen. Auch nicht als Zusatzkraft in einer bereits existierenden Praxis.

Wer auf der Homepage der Kassenärztlichen Vereinigung nachguckt, stellt fest, dass im Rems-Murr-Kreis gerade noch ein einziger Hautarzt zusätzlich arbeiten könnte. Beim Rest heißt es durchgehend „gesperrt“.

Große Ausnahme: Kinder- und Jugendpsychiater. Diese allerdings werden nicht kreisweit, sondern regionenweit reglementiert. Der Rems-Murr-Kreis gehört mit zur Region Stuttgart. Und dort fehlen sie bitter. Wie im Übrigen im ganzen Rest des Landes auch.


Termin ist dringend – aber nicht freitags

Dr. Manfred Dilger, Hals-Nasen-Ohren-Spezialist in Waiblingen, kann seinen Ärger nicht verhehlen: Am Freitagmorgen würden die Patienten sich um Termine noch am Vormittag bemühen. Sie bekommen zu hören: Am Vormittag beträgt die Wartezeit mindestens eine Stunde. Am Nachmittag zwischen 16 und 17 Uhr seien aber noch Termine frei. „Ab zwölf Uhr“, schreibt Dilger, „war ich einer Dauerbeschimpfung wegen der Wartezeit ausgesetzt.“ Die Termine zwischen 16 und 17 Uhr aber „blieben, wie fast an jedem Freitag im Sommer, frei“.

Dilger hat noch eine Beobachtung gemacht, die ihn an der Dringlichkeit mancher Notfälle zweifeln lässt. Bis vor zwei Jahren führten die Hals-Nasen-Ohren-Ärzte die Wochenend-Notdienste in Eigenregie durch. Mit Einführung der Praxisgebühr auch am Wochenende sei die Zahl der Notfallpatienten um 70 bis 80 Prozent zurückgegangen. Zehn Euro – und der Schmerz lässt sich plötzlich aushalten?

Zu diesem Phänomen passt auch, dass nicht nur Dilger, sondern auch andere Fachärzte beklagen, dass täglich mehrere vergebene Termine einfach nicht wahrgenommen werden. Ohne Absage. Das sind Termine, über die sich andere Patienten gefreut hätten.