Waiblingen

Hagelflieger starten in die Saison

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Die Hagelkörner werden vom Silberjodid, das durch das Acetat entzündet wird, zum Schmelzen gebracht. © Ramona Adolf
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Pilot Frank Kasparek. © Ramona Adolf
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Markus Duwe. Links von ihm: Das Anti-Hagel-Fixgerät. © Ramona Adolf

Leinfelden-Echterdingen/Waiblingen. Der Beirat hatte den Wunsch, die Hagelflieger aus der Nähe zu betrachten. Am Mittwoch bekamen die Mitglieder des Gremiums, darunter fünf Kreistagsmitglieder und Landrat Richard Sigel, auf dem Flughafen Stuttgart zum Saisonstart die Gelegenheit dazu. Am Ende blieb der Eindruck: Einfache Technik, aber mit scheinbar großer Wirkung.

Video: Frank Kasparek, Pilot, erklärt wie die Hagelabwehr funktioniert.

Einmal im Jahr tagt der Beirat Hagelabwehr. Diesmal in einem Konferenzraum mit Aussicht. Mitglieder des Gremiums, die die Aufsicht über die Jahreskosten von 325 000 Euro haben, sind neben Vertretern der Kreistagsfraktionen unter anderem die Fellbacher Weingärtner sowie der Kreisverband der Obst- und Gartenbauvereine Waiblingen. Ihr Blick fällt während ihrer Jahressitzung durch die großflächigen Schallschutzfenster auf die Start- und Landebahn des Stuttgarter Flughafens, auf der am Mittwochvormittag einiges geboten ist. Rechts der Piste liegt ein Parkplatz für Kleinflugzeuge, wie sie Hobbyflieger haben. Dazwischen parken die drei Hagelflieger – seit der vergangenen Woche bereit für die Saison 2017. Zusammen waren diese Maschinen, von denen eine für die Württembergische Gemeindeversicherung (WGV) unterwegs ist, im vergangenen Jahr rund 115 Stunden in der Luft, um über einer Landfläche von 2200 Quadratmetern Gewitterwolken zu impfen.

Die Wolken "erfolgreich geimpft"

Insbesondere im Juli und August hatte schwerer Hagel gedroht. Die Wolken seien jedoch „alle erfolgreich geimpft worden“, wie es im Jahresbericht heißt. Das heißt, statt dicker Hagelkörner kamen durch den Einsatz von Silberjodidacetat lediglich fette, aber harmlose Regentropfen auf dem Boden an. Allerdings wurden nicht immer Schäden verhindert: Am 11. Juli hat es Meldungen aus Kaisersbach gegeben, am 13. Juli und 28. August aus Fellbach. Mit insgesamt sieben Meldungen war 2016 aber keine schlechte Hagelabwehrsaison. Inzwischen gibt es in vier Regionen im Land Hagelabwehren mit insgesamt sechs Maschinen. Die Abwehrtechnik scheint sich im Aufwind zu befinden, obwohl immer noch Meteorologen hartnäckig der Meinung sind, solche Injektionen seien sinnlos.

Nun wollen sich die 14 Beiratsmitglieder und ihr Vorsitzender, Landrat Richard Sigl, persönlich von Experten die Wundertechnik erklären lassen. Markus Duwe ist einer der Piloten, der die Besucher übers verregnete Flugfeld zu den Hagelfliegern führt. An den äußeren Enden der Tragflächen hängt an diesen jeweils ein Zylinder, der am hinteren Ende spitz zuläuft. Der Zylinder könnte an eine Luft-Boden-Rakete erinnern, sähe das Flugzeug selbst nicht durch und durch zivil aus.

Technik simpel, Konstruktion kompliziert

„Die Technik ist eigentlich ganz simpel“, stellt der Pilot fest und entfernt den Mantel der Röhre, wodurch lediglich ein Kompressor zum Vorschein kommt. Es ist ein Rauchgasgenerator. Kompliziert ist die Konstruktion nicht. Steigt die Maschine auf, wird das chemische Gemisch unterhalb einer Gewitterwolke freigesetzt. Durch den Aufwärtssog, der dort herrscht, wird das Gemisch quasi von der Wolke eingesaugt. Letztlich impft sie sich selbst. Die Hagelkörner werden vom Silberjodid, das durch das Acetat entzündet wird, zum Schmelzen gebracht.

Kleine Ursache, große Wirkung

In manchen Gegenden wird die Maschine vom Piloten direkt in die Wolken geflogen, wo die gefährlichen Hagelkörner entstehen, erläutert der zweite Pilot, Frank Kasparek. Er begründet, warum er und seine Kollegen lieber unter den Wolken bleiben: „Um in die Wolke fliegen zu können, braucht man ein viel stabileres Flugzeug, mit Druckausgleich. Und solche sind viel teurer.“ Letztlich, sagt er, ist es eine Frage des Budgets und keine Frage, wie mutig der Pilot ist.

Pilot Duwe wird gebeten zu demonstrieren, was passiert, wenn der Pilot auf den Auslöser für eine Silberjodidacetat-Injektion drückt. Die Bodenübung verpufft weitgehend. Ein gasförmiges Gemisch wabert aus der Düse. Es gibt einen kleinen Knall, und das war’s. „Kleine Ursache, große Wirkung“, stellt ein Besucher anerkennend fest, ohne sich tatsächlich vorstellen zu können, was da oben in der Gewitterwolke passiert, wenn Silber auf Eis trifft.

Daten & Fakten

Geld für den Einsatz der Hagelflieger kommt von der Kreisverwaltung und zehn Kommunen aus dem Rems-Murr-Kreis. Weitere Finanzierungspartner sind die Städte Stuttgart und Heilbronn, neu dabei die Landkreise Ludwigsburg und Heilbronn. Außerdem zahlen 80 Weingärtnergenossenschaften und Weingüter einen Beitrag. Auch Versicherungen und Unternehmen beteiligen sich an der Finanzierung, so auch der Daimler-Konzern.

Ein Einsatzflug ist erforderlich, wenn der meteorologische Dienst eine Hagelgefahr voraussagt. Die Piloten erhalten Warnmails mit den Wind-, Intensitäts- und Zugrichtungsinformationen