Waiblingen

Heimatverein Waiblingen beackert Geschichte der Industrialisierung

Heimatverein
Zweite Vorsitzende Beate Mayer, Vorsitzender Karl Hussinger und Digitalisierungsbeauftragter Tom Becker. © Gabriel Habermann

Aus heutiger Sicht kaum zu glauben, aber wahr: Die Bahnhofstraße war einst die vornehmste Adresse in Waiblingen. Hier bauten die Reichen ihre Villen, hier gab es die schönsten Geschäfte. Die Remsbahn und die Seidenstoffweberei brachten die Industrialisierung in die Stadt. Mit diesen und noch mehr Themen aus der nicht allzu fernen Vergangenheit beackert der Heimatverein im neuen Jahr das weite Feld der Stadtgeschichte.

Seit Oktober betreibt der Heimatverein einen kleinen Laden in den Räumen des sozial orientierten Hilfsvereins „K 20 Spagat WN“ in der Kurzen Straße gegenüber vom Quaderhaus, nur wenige Schritte vom Marktplatz entfernt. Geöffnet ist er immer zu den üblichen Marktzeiten. Er dient als Anlaufstelle für Leute, die historische Dokumente oder Erinnerungsstücke in gute Hände geben möchten – ein Angebot, das durchaus genutzt wird. Eine kleine Waiblingen-Bibliothek lädt zum Studieren ein. Der gemütliche Laden bietet gerade genug Raum für kleine interne Sitzungen oder um die durch Corona etwas ins Hintertreffen geratene Geselligkeit bald wieder aufleben zu lassen. Und: in nicht allzu ferner, hoffentlich postpandemischer Zukunft auch für Veranstaltungen wie die Reihe „Bieder & Mayer“ mit Wein und Gedichten des Waiblinger Biedermeier-Dichters Karl Mayer.

Distanz zur alten Historiker-Garde

Im Amt des Vorsitzenden hat Karl Hussinger Wolfgang Wiedenhöfer beerbt. Mit ihm an der Spitze hat sich der Beirat entschieden, seinen Fokus auf die jüngere Geschichte der Stadt zu legen. Nicht auf die Zeit der (Staufer-) Kaiser und Könige, nicht auf die heute in der Fachwelt kaum noch beachteten Werke älterer Historiker wie Hansmartin Decker-Hauff oder Sönke Lorenz. Sondern auf eine nähere Vergangenheit, die greifbarer erscheint, die unsere heute Zeit geprägt hat und an deren Nachwirkungen oder bauliche Überreste sich die Ältesten vielleicht sogar noch erinnern können.

  • Seide aus Waiblingen als Luxusgut und Mode für alle: Über den Aufstieg der Mechanischen Seidenweberei Waiblingen GmbH im Zeitalter von Massenkonsum und Globalisierung von 1860 bis 1960 spricht Wirtschaftshistorikerin Prof. Dr. Stefanie van de Kerkhof, die am Historischen Institut der Universität Mannheim lehrt, am 22. September.
  • Mit der Eröffnung der Remsbahn 1860 verringern sich die Transportkosten dramatisch, der Handel und das Gewerbe blühen auf. Mit Autor und Verleger Uwe Siedentop hat der Heimatverein einen profunden Kenner der Eisenbahngeschichte Ost-Württembergs gewonnen. Termin: 20. Oktober.
  • Vom Jahr 1851 verzeichnen die Chronisten in Waiblingen katastrophale Missernten. Die Bevölkerung hungert und wird von seuchenartigen Krankheiten heimgesucht. Um „Auswanderung aus Waiblingen bis 1900“ geht’s am 4. Mai mit Andreas Okonnek, Leiter des Stadtarchivs.
  • Über die „vornehme“ Waiblinger Bahnhofstraße referiert Kristina Kraemer, Leiterin des Hauses der Stadtgeschichte, am 8. Dezember.

Protest gegen die Altstadtsanierung

Der 66-jährige Karl Hussinger entdeckte sein Interesse für die Stadtgeschichte laut eigenem Bekunden in jungen Jahren in seiner Zeit als „So nicht“-Sanierer im Kampf gegen eine Zerstörung der Altstadt durch allzu forsche Modernisierung. Die Altstadt - damals ging es noch wesentlich um preisgünstiges Wohnen – ließ ihn nicht wieder los. Als einem, der sich oppositionell mit dem Rathaus anlegte, verwehrte ihm die ältere Generation damals den Beitritt, erinnert er sich. Ironischerweise ist er heute also selbst der Vorsitzende.

Nicht nur mit der Vergangenheit beschäftigt sich der Heimatverein – auch mit der Zukunft: Tom Becker, Ruheständler aus medientechnischem Beruf, treibt die Digitalisierung weiter voran. So gibt es die vereinseigene Schriftenreihe „Waiblingen in Vergangenheit und Gegenwart“ digital und mit Suchfunktion. Die neue Kindergruppe trifft sich zum Brotbacken und Äpfelpressen mit historischen Geräten. Eine Jury des Vereins verleiht einen Schülerpreis für Geschichtsarbeiten.

Aus heutiger Sicht kaum zu glauben, aber wahr: Die Bahnhofstraße war einst die vornehmste Adresse in Waiblingen. Hier bauten die Reichen ihre Villen, hier gab es die schönsten Geschäfte. Die Remsbahn und die Seidenstoffweberei brachten die Industrialisierung in die Stadt. Mit diesen und noch mehr Themen aus der nicht allzu fernen Vergangenheit beackert der Heimatverein im neuen Jahr das weite Feld der Stadtgeschichte.

Seit Oktober betreibt der Heimatverein einen kleinen Laden in den

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