Waiblingen

Hier werden Lebensmittel vor der Mülltonne gerettet

Kühlschrank
Iris Förster und Herco Pankonin. © ZVW/Benjamin Büttner

Waiblingen. Mal gibt es Marmelade im Überfluss, mal Milch oder Möhren, Zucker oder Zucchini: Im Foyer des evangelischen Jakob-Andreä-Hauses steht ein großer Kühlschrank, in dem Lebensmittel landen, die sonst weggeworfen werden würden. Den Kühlschrank füllen und Lebensmittel mitnehmen darf jeder. Denn anders als in den Tafelläden geht es nicht darum, Bedürftigen zu helfen, sondern Lebensmittel zu retten, die sonst vernichtet worden wären.

Angebrochenes, Angeknabbertes, Abgelaufenes: In Deutschland landen jährlich fast 13 Millionen Tonnen Lebensmittel im Abfall. Im Schnitt werfen die Menschen laut einer Studie der Uni Stuttgart pro Jahr durchschnittlich 85,2 Kilogramm Essen in die Tonne. Viel zu viel, finden die Mitglieder von Foodsharing, die sich das Retten und Teilen von Lebensmitteln auf die Fahnen geschrieben haben.

Vor zwei Jahren wurde in Kooperation mit der evangelischen Kirchengemeinde im Jakob-Andreä-Gemeindehaus ein großer Kühlschrank aufgestellt, der seitdem als „Fair-Teiler“ dient: Mitglieder von Foodsharing – sogenannte Foodsaver – holen in Bioläden, Supermärkten und Bäckereien übrig gebliebene Lebensmittel ab, behalten das, was sie selbst verbrauchen können, und stellen den Rest in den Kühlschrank oder auf den daneben stehenden Tisch.

Jeder darf Sachen aus dem Kühlschrank mitnehmen

Über eine Whatsapp-Gruppe, zu der knapp 40 Personen rund um Waiblingen gehören, werden die Mitglieder über neu hinzugekommene Lebensmittel im Kühlschrank informiert. Die Sachen mitnehmen dürfen aber nicht nur Foodsharing-Mitglieder, sondern jeder, der daran vorbeigeht.

„Unsere Arbeit hat nichts mit Bedürftigkeit zu tun“, erklärt Mitorganisatorin und Koordinatorin Iris Förster. „Das Essen würde sonst in der Mülltonne landen.“ So sind die Essensretter überzeugt davon, dass sie den Tafeln, die Bedürftige versorgen, keine Konkurrenz machen: Lebensmittel mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum dürften die Tafeln ohnehin nicht abgeben, und vieles - zum Beispiel Backwaren – gebe es in so großen Mengen, dass es sogar noch für die Tafelläden zu viel sei.

„Es ist grauenhaft, was weggeworfen wird“, sagt Iris Förster. Genau deshalb findet sie den Kühlschrank im Jakob-Andreä-Haus bestens platziert, weil das Haus mit seinen vielen Gruppen belebt sei und deshalb viele Lebensmittel Verwendung finden.

Brot und Brötchen seien oft im Überfluss vorhanden

Knapp zehn Betriebe im Rems-Murr-Kreis – Bäckereien, Bioläden und Supermärkte – stellen ihre übrig gebliebenen Lebensmittel den Abholern zur Verfügung. Eine, die bei ihnen und auch in Stuttgarter Geschäften regelmäßig die Runde macht, ist Jasmin. Die Studentin der Umweltschutztechnik lebt in Waiblingen und studiert in Stuttgart-Vaihingen. Den Weg zur Uni und zurück nutzt sie in zehn bis 15 Läden für die Rettung von Lebensmitteln. „Mich treibt die Lebensmittelverschwendung an“, sagt sie.

Andererseits profitiere sie auch selbst davon: „Lebensmittel“, sagt sie, „habe ich schon lange nicht mehr eingekauft.“ An diesem Abend hat Jasmin übrig gebliebene Zitronen und Pflücksalat mitgebracht. In einem großen Behälter neben dem Kühlschrank warten außerdem Backwaren darauf, mitgenommen zu werden. Überhaupt seien Brot und Brötchen oft im Überfluss vorhanden, vor allem seit die Backwaren eines Waiblinger Bäckers auch direkt bei Iris Förster abgegeben werden und sie diese dann übers Andreä-Haus weiter verteilt. Der Kühlschrank ist an manchen Tagen dagegen leer und wird vom Hausmeister dann abgestellt, um Strom zu sparen.

Ob Gemüse oder Milch, Kuchen, Salat oder auch mal gähnende Leere im Kühlschrank: „Man weiß nie, wer was bringt“, sagt Herco Pankonin. Aber das Foodsharing funktioniere. Er selbst sorgt einmal in der Woche dafür, dass der von der Alternativen Liste gespendete Kühlschrank sauber bleibt.


4077 Kilo gerettet

  • foodsharing.de ist eine Plattform, bei der Menschen mitmachen können, die Lebensmittel vor der Vernichtung retten wollen.
  • Im Rems-Murr-Kreis gibt es derzeit 201 registrierte Foodsaver, die in knapp zehn Betrieben – Bäckereien, Bioläden und Supermärkten – übrig gebliebene Lebensmittel abholen, die sonst in die Mülltonne kämen.
  • Nach Angaben der Organisatorin Iris Förster wurden in 607 Einsätzen 4077 Kilogramm Lebensmittel gerettet.