Waiblingen

Hitze-Hotspot Postplatz: So verändert der Klimawandel Waiblingen

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„Hotspot“ im wahrsten Sinn des Wortes: Der Hitze-Schwerpunkt Postplatz. © Büttner

35 Grad im Schatten: Die Hitzewelle lässt Städterinnen und Städter den Klimawandel am eigenen Leib spüren. Die Dürre, die er mit sich bringt, kommt nicht irgendwann, sagt der Waiblinger Biologe Dr. Björn Schäfer. Sie ist bereits da - mit sichtbaren, irreversiblen Folgen für Pflanzen und Bewohner. Der durchwachsene Sommer 2021 war die Ausnahme, der extrem trockene Sommer 2022 kommt der neuen Normalität viel näher.

Bei den Daten, die er bei verschiedenen Instituten und Behörden gesammelt hat, irritiert zwar, dass die Niederschlagsmenge sich über die Jahre kaum zu reduzieren scheint, das Problem liegt allerdings woanders: Der Regen fällt an weniger Tagen, dafür stärker und in größerer Menge. So schlagartig nämlich, dass die weithin versiegelten Böden ihn nicht richtig aufnehmen können. Das Wasser, das bei solchen Starkregen-Ereignissen nicht aufgefangen werden kann, ist danach weg und hilft für die nächste Dürreperiode nichts.

Gießen mit Trinkwasser bald verboten?

Wasserliebende Pflanzen wie etwa Weiden sind dabei, aus der Stadt zu verschwinden, sagt der Chef-Botaniker der Wilhelma Stuttgart. Leichter haben es Paulownien, Götterbäume und Feigen, die eigentlich in Mitteleuropa nicht heimisch sind. Fremdländische Arten, die mit Trockenheit besser zurechtkommen, übernehmen - ein Beispiel für eine Paulownie findet sich am Beinsteiner Tor. „Wir müssen uns von den einheimischen Pflanzen als innerstädtischem Grün verabschieden“, sagt der Beinsteiner, der einst über invasive Arten forschte, die lange verteufelt wurden. Aus heutiger Sicht sagt er illusionslos: „Lieber 20 Paulownien oder Götterbäume, die man nicht gießen muss, als Robinien in der Bahnhofstraße, für die ein Wasserwagen fahren muss.“

2021 war ein Ausnahmejahr

Letzterer wird in Zukunft angesichts wachsender Trockenheit kaum vertretbar sein. Denn in nicht allzuferner Zukunft, womöglich schon in diesem Sommer, könne das Trinkwasser dergestalt rationiert werden, dass das Gießen mit Leitungswasser im heimischen Garten verboten werden könnte. Für diesen Sommer beurteilt er die Wahrscheinlichkeit als „fifty-fifty“. Innerhalb der nächsten zehn Jahre aber werde es ganz sicher dazu kommen. Spätestens dann, wenn auch im Bodensee, unserem größten Trinkwasserspeicher, der Pegel sinkt.

Vor recht genau einem Jahr hat der Biologe seine Forschungsergebnisse für Waiblingen bei einem Vortrag im Bürgerzentrum geschildert. Damals in einem kalten, verregneten Juli. Das Wetter damals war wiederum Folge des Phänomens namens Polarwirbel-Split, das für Kälte in Europa und Hitze in Amerika sorgte. Für die Folgejahre zeigte er verschiedene Szenarien mit Hitze und Dürre auf - eingetreten ist aus heutiger Sicht der „Worst Case“, der schlimmste Fall.

Dächer begrünen, Zisternen anlegen

Die Stadt und ihre Bewohner tun gut daran, der Realität ins Auge zu blicken und sich dem Klima anzupassen. Indem sie planerisch und praktisch versuchen, für Abkühlung zu sorgen. Dachbegrünung etwa werde zwar oft belächelt, wirke aber erstaunlich effektiv: Auf einem konventionellen Flachdach könnten an einem heißen Sommertag Temperaturen von 70 Grad herrschen, auf einem begrünten Dach zur gleichen Zeit 30 Grad. In Zeiten sinkenden Grundwassers seien Zisternen eine gute Alternative, aufgefangenes Regenwasser zu speichern und zu nutzen. Was Fassadenbegrünung bringt, spürt jeder, der sich im Vergleich vor eine nackte Betonwand und eine mit wildem Wein überwucherte Mauer stellt. Die Feuchtigkeit der Pflanzen verdunstet und kühlt dadurch. Aufgeheizter Beton und Asphalt aber halten die Wärme sogar über Nacht und verhindern die Abkühlung.

Hitze-Schwerpunkt Postplatz

Ein echter Hotspot ist der Postplatz: Spärlich bepflanzt, großflächig mit Asphalt versiegelt, kaum durchlüftet. Die eng bebaute Innenstadt bietet kaum Möglichkeiten für das, was klimatisch notwendig wäre: Parkflächen mit südländischen Arten wie Platanen oder Maulbeerbäumen. Die kühlere Luft dort könnte helfen, die Hitze an Schwerpunkten wie dem Postplatz zu lindern. Und nicht nur in der Altstadt kollidierten Erfordernisse des Klimaschutzes mit dem Druck, Wohnraum zu schaffen. Bauen auf der grünen Wiese bedeutet weitere Versiegelung - und Nachverdichtung im Innern gefährdet unter Umständen die Frischluftzufuhr.

Fellbach übrigens liegt topografisch weit ungünstiger. Die Trockenheit wird durch zwei „Drainagen“ in Richtung Remstal und Neckar begünstigt. Selbst monatelanger Regen im Jahr 2021 reichte nicht, um das Grundwasser wieder aufzufüllen.

35 Grad im Schatten: Die Hitzewelle lässt Städterinnen und Städter den Klimawandel am eigenen Leib spüren. Die Dürre, die er mit sich bringt, kommt nicht irgendwann, sagt der Waiblinger Biologe Dr. Björn Schäfer. Sie ist bereits da - mit sichtbaren, irreversiblen Folgen für Pflanzen und Bewohner. Der durchwachsene Sommer 2021 war die Ausnahme, der extrem trockene Sommer 2022 kommt der neuen Normalität viel näher.

Bei den Daten, die er bei verschiedenen Instituten und Behörden

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