Waiblingen

Homöopathie gegen Herbstleiden

7edf25a3-4350-4545-a148-8e133560bb0c.jpg_0
Hansjörg Bieg von der Engel-Apotheke vor dem Regal mit den homöopathischen Globuli-Präparaten. © Büttner/ZVW

Waiblingen. Obwohl sich der Herbst derzeit von seiner goldenen Seite zeigt – die dunkleren Tage werden kommen. Mit Stürmen und Kälte sowie Schnupfen und Kopfschmerzen als Begleiterscheinungen für den Menschen. Muss als Gegenmittel immer gleich die chemische Keule her? Apotheker Hansjörg Bieg schwört auf Homöopathie.

Etwas bewirkt Homöopathie ganz sicher: klare Meinungen. Schon die Erwähnung des Begriffs macht Menschen wahlweise zu glühenden Verfechtern oder zu erbitterten Gegnern. Ein entschiedenes Sowohl-als-auch kommt seltener vor. Zu den Gegnern gehört Hansjörg Bieg, seit 1986 Chef der Engel-Apotheke am Danziger Platz, gewiss nicht, zum Allheilmittel will er die alternative Medizin nach Samuel Hahnemann dennoch ebenso wenig verklären. „Die Allopathie hat ihre Grenzen, die Homöopathie auch.“ Als Allopathie bezeichnen Homöopathen die von ihnen als schulmedizinisch definierte Methode der Bekämpfung von Symptomen. Im Alltag erlebt der Apotheker oft, wie die Begriffe verwechselt werden. Wenn Kunden „etwas Homöopathisches“ wünschen, dann meinen sie häufig etwas Pflanzliches – nicht zwingend die homöopathische Zubereitung. Die basiert zwar ebenso auf Pflanzen, den Unterschied macht die Dosis.

Zwiebel-Prinzip: Ähnliches mit Ähnlichem bekämpfen

Schnupfen: Was also tun, wenn der Herbstwind tobt und die Nase läuft? Die Denkweise der Homöopathie lässt sich hier einfach nachvollziehen: Die Mischung aus triefendem Schleim, brennenden Augen und anschwellenden Schleimhäuten kennt jeder vom Zwiebelschneiden. Die Homöopathie baut nun auf die Ähnlichkeit des (Krankheits-) Bildes und versucht, die Leiden genau mit dem Übel zu lindern. Das Mittel „Allium cepa“ gehört zu den Klassikern der homöopathischen Apotheke – und heißt ganz einfach nach dem lateinischen Wort für die Zwiebel, welche es beinhaltet.

Dutzende Arten von Kopfweh

Kopfschmerzen: Für viele Leute eine leidige Begleiterscheinung bei Wetterumschwüngen. Während die Werbung der Pharmaindustrie gegen Dutzende Arten von Kopfweh Hilfe durch ein und dasselbe Mittel verspricht, unterscheidet die Homöopathie viele verschiedene Erscheinungsbilder je nachdem, ob sich der Schmerz im Nacken oder an der Stirn manifestiert und welche Nebenerscheinungen wie Übelkeit auftreten. Gelsemium (Winterjasmin) kann laut Bieg bei Kopfschmerzen helfen, die sich vom Nacken ausbreiten, Spigelia (Brechnuss oder Wurmkraut) bei Beschwerden an Stirn und Schläfen. Bei anhaltenden Kopfschmerzen sollte ein Arzt konsultiert werden.

Lichtmangel drückt auf die Stimmung

Herbstdepression: Der Lichtmangel drückt auf die Stimmung und lässt bei empfindlichen Menschen alles düster erscheinen. In der Dosierung D 12 empfiehlt der Engel-Apotheker Hyperium perforatum (Johanniskraut) – „das nimmt den dunklen Schleier weg“. Es soll auch bei Verletzungen an nervenreichem Gewebe helfen. Die Dosierung spielt in der Homöopathie eine wichtige Rolle. „Der Wirkstoff wird nicht einfach verdünnt, als ob man eine Tasse Kaffee in den Bodensee kippen würde“, erläutert Bieg. Entscheidend sei ein langwieriger Prozess der „Dynamisierung“ und „Potenzierung“. Als Auszubildender arbeitete er selbst Stunde um Stunde mit dem Stößel, um die Stoffe gründlichst zu vermischen. Tatsächlich gehen die Wirkstoffanteile in die Millionstel.

„Etwas gegen Husten“

Husten: Jeder Kunde, der nach „etwas gegen Husten“ verlangt, wird in Apotheken normalerweise gefragt, ob es sich um trockenen Reizhusten oder um Schleimklumpen handelt. Schleimlöser wie ACC gegen trockenen Husten bringen nichts – da hilft am ehesten ein Hustenstopper. Der Homöopath empfiehlt gegen krampfartiges Husten bei trockenen Schleimhäuten, wenn schon die ganze Brustmuskulatur schmerzt, Bryonia (Zaunrübe). Hingegen zum Lösen von Schleim Produkte aus Efeu oder Thymian.

Bakterielle Entzündungen nicht mit Homöopathie behandelbar

Lungenentzündung: Spätestens hier stößt die Homöopathie an ihre Grenzen. „Eine Lungenentzündung ist bakteriell, die kann man nicht mit Homöopathie behandeln.“ Hier sind auf jeden Fall ärztlicher Rat und je nach Verordnung Antibiotika gefragt. Auch von Versuchen, schwere Krankheiten wie Krebs mit Homöopathie zu behandeln, hält Hansjörg Bieg nichts. Allenfalls könne man versuchen, die Nebenwirkungen einer Chemotherapie wie etwa Übelkeit zu lindern.

Kritik

Die Wirkung der Homöopathie ist umstritten. Das ARD-Magazin Plusminus etwa zitiert Jürgen Windeler, Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, der viele Studien zur Homöopathie ausgewertet hat. Sein Fazit: „Die einheitliche Einschätzung dieser unabhängigen Untersuchung ist, dass homöopathische Mittel keinen über einen Placebo-Effekt hinausgehenden Nutzen haben.“

Krankenkassen bieten Homöopathie als Zusatzleistung an. Kritiker begründen dies mit der Konkurrenz um gesundheitsbewusste Patienten.

60 Prozent der Deutschen nutzen homöopathische Arzneimittel in Form von Kügelchen, Tabletten, Kapseln oder Tropfen.