Waiblingen

Im Gespräch: Altlandrat Lässing über die Welt

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Waiblingen 2017: Horst Lässing daheim in vitaler Erzähl-Laune. © Habermann / ZVW
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In Brasilien mit Straßenkünstlern. © Lässing
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Mexiko 1941: Horst Lässing, vier Jahre alt, sitzt hinten auf dem Esel, davor sein Bruder. Den Zügel führt „El Viejito“, der Alte, ein Alteisen- und Lumpensammler. © Lässing

Waiblingen. Am Dienstag wird Altlandrat Horst Lässing 80 Jahre alt – aus diesem Anlass haben wir mit dem Weitgereisten ein Gespräch über ein einziges Thema geführt: die Welt.

Video: Der ehemalige Landrat Horst "Hotte" Lässing berichtet von einer seiner Weltreisen, die ihn unter anderem nach Buthan führte.
 

Herr Lässing, Sie haben in Ihrer Kindheit in Mexiko ...

(singt:) México, tierra bendita, tierra de mi alma! Ich liebe Mexiko. Vor allem die Mariachis, die Musikkapellen.

... und in Brasilien gelebt, weil Ihre Mutter dort geboren wurde. Sie sprechen spanisch, englisch, portugiesisch, französisch, haben als Tourist, als Vortragsredner für die Stiftung für Entwicklungshilfe und das Entwicklungshilfeministerium, als Seminarleiter für Kommunalpolitiker, als Wahlbeobachter auf dem Balkan oder in Georgien 40, 50 Länder bereist.

Vielleicht 85 oder 90. Im März geht es nach Isfahan, in den Iran.

Kurzum, Sie sind ein Weltbürger. Und deshalb ...

Den Begriff „Weltbürger“ mag ich gar nicht gern. Klingt mir zu abgehoben. Ich finde die Welt einfach wunderbar, man muss sie genießen. Ich bin neugierig, sie zu sehen, zu riechen, zu hören, mit den Sinnen zu erfassen: einen Siebentausender und Klosterfeste in Bhutan, sonnengereifte Früchte in Brasilien, in Indien die dreckigsten Straßen und schönsten Paläste. Fremde Kulturen kennenlernen, fremde Menschen.

Also gut, nicht Weltbürger. Sagen wir: Sie sind in der Welt zu Hause.

Teilweise.

Und deshalb die Frage: Ist die Welt aus den Fugen?

Ja. Leider. Der Krieg in Syrien: entsetzlich. Kriege, Hunger, Elend auf der ganzen Welt. Die Failed States in Afrika – ich könnte Ihnen auf Anhieb zehn aufzählen. Die Autokraten Putin, Erdogan, Trump. Erdogan: Nach dem Putschversuch landeten 40 000 Menschen in Gefängnissen, 100 000 Bedienstete wurden entlassen! Trump: unberechenbar. Gelegentlich lügt er – oder entsteht da eine neue Ideologie, in der die Realität durch Erdachtes ersetzt wird?

Und um die europäische Idee stand es auch schon mal besser.

Ich muss ehrlich sagen: In den 90er Jahren, nach dem Wegfall des Eisernen Vorhangs, hatte ich das Gefühl, die Welt würde friedfertiger. Deshalb habe ich für den Landkreis Partnerschaften geschlossen mit der Region Baranya in Ungarn, mit Dmitrow in Russland, Europa war für mich eine große Zukunftshoffnung, eine Herzensangelegenheit. Und jetzt? Populismus, Egoismen überall. Wenn Le Pen an die Macht kommt, probiert sie den Frexit. Was Orban in Ungarn anrichtet, ist auch gar nicht gut.

Über die Flüchtlinge hat er gesagt, sie seien kein europäisches Problem, sondern ein deutsches. Mitten in einem EU-Land demontiert er die Meinungsfreiheit und die Unabhängigkeit der Justiz.

Schockierend. Eigentlich sollten wir die Partnerschaft mit der Baranya mal ruhen lassen. Von Ungarn ging doch einmal ein Freiheitsfanal aus, sie etablierten im Ostblock als Erste eine Art Marktwirtschaft – ich erinnere mich an die Markthalle in Budapest, sie war voller Früchte. Die Ungarn haben 1989 als Erste den Grenzzaun geöffnet. Dass ausgerechnet sie so nationalistisch werden und keinerlei Solidarität zu Europa zeigen ... Zu Europa gehört doch Solidarität – gemeinsame Werte verwirklichen! Mit solchen Köpfen kannst du kein Europa schaffen.

Auch die Partnerschaft mit Dmitrow ist fragwürdig geworden.

Putin ist kein „lupenreiner Demokrat“. Eher wie Erdogan ein lupenreiner Machtmensch. Putin hat Journalisten ermorden lassen und Büros etabliert, die, wie man lesen kann, den Auftrag haben, in den USA und jetzt im Wahlkampf in Frankreich mit falschen Nachrichten, Social Bots und Cyberattacken destabilisierend zu wirken.

Wobei man ehrlicherweise sagen muss: Die Amerikaner haben sich auch oft genug böse in fremde Angelegenheiten gemischt.

Die Amerikaner, wohl die CIA, haben in Mittel- und Südamerika häufig Despoten gestützt, das ist richtig.

Es muss Sie getroffen haben, dass Trump eine Mauer gegen Mexiko bauen will, das „gesegnete Land, Land meiner Seele“, wie Sie vorhin gesungen haben.

Diese Idee hat mich geschockt. Und das arrogante Auftreten: „Die werden dafür bezahlen!“ Dieser Isolationismus ist doch Unsinn. Schauen Sie sich die vielen ausländischen Fachkräfte an, die zum Erfolg des Silicon Valley beigetragen haben, gehen Sie mal in Kalifornien in ein Restaurant oder in New York – da kommen Sie mit Spanisch weiter als mit Englisch. Die meisten Servicekräfte sind Lateinamerikaner. Es gibt eine weltweit arbeitsteilige Wirtschaft.

Hätten Sie so eine Entwicklung für möglich gehalten, diesen überall aufgärenden aggressiven Nationalismus?

Nein. Vielleicht bin ich zu alt und komme nicht mehr mit. Ich habe mich 2016 zweimal geirrt, mit dem Brexit und mit der Wahl von Trump. Ich gebe keine Prognosen mehr ab.

Warum brauchen wir die Europäische Union so dringend?

Europa in der Mitte, links oben Alaska, rechts am Rand Japan: Das ist unser Weltbild. Aber ich war mal in Singapur, in einer Landesplanungsbehörde, und dort im Sitzungsraum hing eine Weltkarte: Singapur im Mittelpunkt, Europa ganz klein links draußen, Amerika rechts. Eine Frau hielt einen Vortrag, sie sagte: Um 1900 lebten in Europa 30 Prozent der Weltbevölkerung – im Jahr 2030 werden es noch etwa acht Prozent sein. Da sind wir aber wohl heute schon angekommen.

Und Deutschland allein ist noch viel kleiner. Ein Prozent der Weltbevölkerung. Wir sind ein Tropfen in einer Flasche.

Was wollen wir denn auf der Welt erreichen, wenn wir keine Europäische Union haben, mit etwa 500 Millionen Einwohnern? Wenn wir nicht geeint, solidarisch auftreten? Europa hat uns vor allem Frieden und Wohlstand gebracht. Wenn das zerfällt ...

Aber Herr Lässing, der globalisierte Freihandel hat doch tatsächlich finstere Seiten, die zur Delegitimation der Idee beigetragen haben: Oft profitieren wenige auf Kosten der vielen. Neoliberale Auswüchse. Ausbeutung armer Länder. Banker, die mit Nahrungsmittelpreisen spekulieren und am Hunger verdienen.

Es gab einen Rausch in der Finanzbranche. Die haben doch gesponnen, haben windige Geschäfte gemacht. Oder die Textil-Fabriken in Bangladesh – das ist nicht fair: Hungerlöhne zahlen, Menschen nahezu wie Sklaven halten in baufälligen Gebäuden. Alles scheint auf Gewinnmaximierung ausgerichtet. Auf der Welt sollte es aber fair zugehen.

Die sogenannten westlichen Werte, Freihandel, Demokratie, Menschenrechte: Manchmal klingen sie wie Heuchelei.

Hohl. Leider hat Obama es nicht geschafft, Guantanamo zu schließen – das ist ein rechtsfreier Raum, die USA meinen: „Ich hab da in Kuba ein Territorium, da kann ich mit Menschen machen, was ich will.“ Und was die Kolonialherren früher alles getrieben haben, davon fange ich lieber nicht an. Was den Ureinwohnern Brasiliens angetan wurde, ist eine Schande. Der Reichtum Belgiens kam daher, dass sie den Kongo ausbeuteten. Die Europäer haben gemeint, in anderen Ländern kann man sich austoben.

Die Chinesen kontern deshalb westliche Vorwürfe lässig: „Und ihr wollt uns was über Menschenrechte beibringen?!“

Die Europäer haben China im 19. Jahrhundert zur Öffnung seiner Märkte und zur Duldung des Opiumhandels gezwungen, sie haben sich gewaltsam Zugang verschafft zur Verbotenen Stadt, der kaiserlichen Residenz in Peking. Die europäische Kolonialgeschichte kann man nicht schönreden.

Wir sprachen vorher über die dramatische Erosion demokratischer Werte in Ungarn – ist auch in Deutschland die Demokratie gefährdet?

Demokratie, Freiheit, Europa – all das ist uns allen so selbstverständlich geworden wie morgens das Frühstück. Aber Freiheit, Rechtsstaat und Demokratie sind nicht selbstverständlich! Sie müssen täglich bewusst gelebt werden. Demokratie heißt nicht nur, alle vier Jahre zu Wahlen zu gehen, Demokratie heißt auch aktive Bürgerbeteiligung, heißt, sich aktiv für sie zu engagieren. Freiheit sollte bewusst bejaht werden als wertvolles Gut. Die Leute denken: Wir haben sie doch. Durch diese Achtlosigkeit ist die Freiheit bedroht. Für mich ist der Rechtsstaat etwas Wertvolles, auch wenn ich weiß, wie merkwürdig Gesetze manchmal zustande kommen. Das wird innerlich nicht mehr bejaht. Regierung, Establishment, Kirchen, Presse, Polizei, alle stehen in der Kritik, gelten nicht mehr wie früher. Ich dachte, wir seien stabiler. Wir stehen auf schwankendem Boden.

All das wirft die Frage auf, wie wir das Wesen der Menschheitsgeschichte verstehen können – viele sagen, glauben, hoffen: Geschichte entwickle sich auf ein Ziel hin, vom Dunkel zum Licht, auch wenn es Rückschläge gibt auf diesem Weg.

Das ist Hegel: Der Weltgeist verwirklicht sich in der Geschichte. Nein, das glaube ich nicht. Ich sehe es eher wie Nietzsche: die ewige Wiederkehr desselben, Wellenbewegung, Berg und Tal, rauf und runter, hin und her, Ebbe und Flut. „Licht und Schatten muss es geben, soll das Bild vollendet sein“, wie es bei Goethe heißt. Der Mensch ist gut und schlecht. Ich brauche ja nur mich selber anzusehen. Er ist friedfertig und gewaltbereit.

Was auffällt, wenn Sie von Reisen erzählen, ist Ihre Neugier und Aufgeschlossenheit für alle möglichen Spielarten der Spiritualität. Vielfalt begeistert Sie?

Die verschiedenen Glaubensrichtungen kennenzulernen, das macht für mich den Reiz des Reisens aus: einen Shinto-Schrein in Japan zu besuchen, ein buddhistisches Kloster in Tibet, die Beschwörungsriten in Brasilien zu erleben, das Gebet in einer Moschee zu hören oder zwei Stunden in einem Tempel in Bali zu sitzen. Das Spirituelle. Energie spüren, erleben. Meine Auffassung ist, und da wird mir wohl jeder Pfarrer widersprechen: Gott weigert sich doch, allen kundzutun, dass nur eine Religion die richtige sei. Er lässt sie Christen, Moslems, Hinduisten, Buddhisten sein. Wenn er wirklich nur eine allein seligmachende Religion hätte haben wollen, dann hätte er als Allmächtiger dafür sorgen können. Als liebender Gott würde er doch nicht Milliarden Menschen im falschen Glauben lassen. Offensichtlich hat er nichts gegen die Vielfalt.