Waiblingen

Im Streit mit Alfonso Fazio  zerlegen die Grünen sich selbst: Iris Förster und Julia Papadopoulos verlassen die Fraktion

DemoCariati
Alfonso Fazio (hier bei einer Demo in Fellbach)  kandidiert für die Landtagswahl. Das zerrüttet die Fraktion im Gemeinderat. © Gaby Schneider

Es ist ein Paukenschlag für die Waiblinger Kommunalpolitik: Nach Alfonso Fazios Einzelkandidatur bei der Landtagswahl kommt es nicht nur zum Rauswurf bei den Grünen, sondern nun auch zum Bruch der „Agtif“-Fraktion im Waiblinger Gemeinderat: Im Zwist mit dem Vorsitzenden verlassen die Stadträtinnen Iris Förster und Julia Papadopoulos die Fraktion. Der Streit um die Landtagskandidatur und die folgenden Querelen brachten das Fass in einem schon länger schwelenden Konflikt zum Überlaufen.  

Auslöser war Fazios Kandidatur

Iris Förster und Julia Papadopoulos schließen sich der Gruppe „Grünt“ an. Die „Agtif“-Fraktion schnurrt plötzlich von fünf auf drei Gemeinderatssitze zusammen: Alfonso Fazio, Dagmar Metzger und Monika Winkler. Die „Grünt“ (Grüne Natur- und Tierfreunde), bestehend aus dem Männer-Duo Daniel Bok und Tobias Märtterer, bekommt plötzlich weiblichen Zuwachs – und den Fraktionsstatus, der erst ab der Mindestgröße von drei Ratsmitgliedern gilt. Politische Nähe, das zeigen die Sitzungen der vergangenen Jahre, ist zweifellos vorhanden, und das kommt nicht von ungefähr: Bei „Grünt“ handelt es sich selbst um eine Abspaltung von den Grünen.

Förster wäre Fazios Nachfolgerin geworden

Auslöser, zumindest in diesem Punkt sind sich alle Beteiligten einig, ist der Knatsch um den Alleingang von Alfonso Fazio bei der Landtagswahl. „Der Wechsel ist unabdingbar, weil das Vertrauensverhältnis innerhalb der Agtif-Fraktion nachhaltig gestört ist. Eine konstruktive und wertschätzende Zusammenarbeit ist für mich nicht mehr möglich“, erklärt Iris Förster. Bei der Kommunalwahl 2019 hatte die 52-Jährige an erster Stelle der Liste vor dem 64-Jährigen Alfonso Fazio gestanden. Ein Wechsel an der Fraktionsspitze war eigentlich nur noch eine Frage der Zeit – auch damit hat der jetzige Bruch zu tun.

Zunächst aber die Sache mit der Landtagswahl: Gerne hätte das kommunalpolitische Urgestein Alfonso Fazio seine Tochter Marilena als Kandidatin gesehen. Weil diese aber parteiintern knapp unterlag, fasste der für sein Temperament bekannte Italiener den Entschluss, selbst als Einzelkandidat anzutreten. Was, wie berichtet, fast unausweichlich und für einen alten Hasen wie Fazio nicht wirklich überraschend zum Rauswurf bei den Grünen führte. Jedenfalls entbrennt seitdem der Kampf um Stimmen, Fazio und die Grünen - auf einmal sind sie Konkurrenz –, und der Riss geht beziehungsweise ging durch die Fraktion. Beide Seiten werfen sich nunmehr mangelndes Demokratieverständnis vor.

Stimmen für die Tonne?

Iris Förster zeigt sich nach Wochen des Wahlkampfs überzeugt, dass Swantje Sperling die richtige Kandidatin ist. Und Alfonso Fazio echauffiert sich über einen Post in den sozialen Medien, wonach Stimmen für Einzelkandidaten und Kleinparteien – da mag wohl die vom Ex-Grünen und „Grünt“-Gründer Werner Winkler unterstützte Klimaliste gemeint sein – keinen Einfluss auf die Sitzverteilung im Landtag hätten und daher „für die Tonne“ seien. Jede Stimme sei eine demokratische Meinungsäußerung, postuliert Fazio.

Weder Iris Förster noch Alfonso Fazio verhehlen, dass der Riss tiefer geht und eine Vorgeschichte hat. Aber ohne Fazios Alleingang hätte die Agtif-Fraktion wohl noch fortbestanden, sagt Iris Förster.

OB-Kandidatin aus Waiblingen in Backnang

„Agtif“ – das seltsame Wortkonstrukt entstand nach der Kommunalwahl 2019 und führte Alternative Liste, Bündnis 90/Grüne und die in Person von Julia Papadopoulos neu im Gremium vertretene Tierschutzpartei zusammen. Die 36-Jährige hat bei der Oberbürgermeisterwahl in Backnang als eine von inzwischen zehn Bewerberinnen und Bewerbern ihren Hut in den Ring geworfen. Sie möchte Frank Nopper beerben. „Leider fand in jüngster Vergangenheit eine zunehmende Spaltung unserer Fraktion statt, die eine konstruktive Arbeit erheblich erschwerte“, erklärt sie nun aus Anlass ihres Übertritts zu „Grünt“.

„Agtif“ existiert ab sofort nicht mehr. Und die Alternative Liste, die „ALi“? Sie wird wieder als eigenständige Fraktion weiterarbeiten und „wieder ihren Eigennamen, der für viele Jahrzehnte guter Arbeit steht“, tragen. Für den Vorstand erklären Christina Schwarz, Melissa Nollert und Gernot Koch: „Experimente scheitern zuweilen, manchmal ist ein Schritt zurück hilfreich, um den eigenen Blick auf die wichtigen Dinge wieder zu schärfen.“

Jetzt wieder: „ALi“ statt „Agtif“

Die verbleibenden drei ALi-Räte Dagmar Metzger, Monika Winkler und Alfonso Fazio wollen sich in Zukunft zu dritt engagiert für eine alternative Gemeinderatspolitik einsetzen. Ganz ähnlich verlautbaren Daniel Bok und Tobias Märtterer: „Wir stehen für eine junge, innovative und respektvolle grüne Politik in Waiblingen und waren schon immer an einer Zusammenarbeit mit Gleichgesinnten interessiert. Mit Iris Förster und Julia Papadopoulos nehmen wir zwei starke Mitstreiterinnen mit denselben Werten und Zielen in unserer Mitte auf. Waiblingen grünt damit noch stärker!“

Alfonso Fazio kündigt an, er habe kein Problem damit, mit Iris Förster und „Grünt“ zusammenzuarbeiten und beispielsweise für deren Anträge zu stimmen, wenn die ALi inhaltlich gleicher Meinung sei. „Ich bin kompromissbereit“, sagt er – „außer beim Nordostring und bei Menschenrechten“. Da dürfte allerdings auch kein Dissens mit der erstarkten „Grünt“-Gruppe bestehen.

Es ist ein Paukenschlag für die Waiblinger Kommunalpolitik: Nach Alfonso Fazios Einzelkandidatur bei der Landtagswahl kommt es nicht nur zum Rauswurf bei den Grünen, sondern nun auch zum Bruch der „Agtif“-Fraktion im Waiblinger Gemeinderat: Im Zwist mit dem Vorsitzenden verlassen die Stadträtinnen Iris Förster und Julia Papadopoulos die Fraktion. Der Streit um die Landtagskandidatur und die folgenden Querelen brachten das Fass in einem schon länger schwelenden Konflikt zum

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