Waiblingen

Immer Stress mit Hausaufgaben: Es muss nicht gleich ADHS sein

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Nachgespielte Therapiesituation mit Sonja Hanselmann-Jüttner. © Büttner

Nach einem Sommer voller Spiel, Spaß und Urlaub wieder in aller Frühe aufzustehen und nach einem anstrengenden Schultag sich zu Hause wieder zu konzentrieren, zu lernen oder Hausaufgaben zu machen: Da ist eine Herausforderung für Kinder – und die sie dabei unterstützenden Eltern. Manchmal beginnen sie an der Aufmerksamkeitsfähigkeit ihres Kindes zu zweifeln. In besonders schwierigen Fällen kann die Pädagogisch-therapeutische Einrichtung PTE helfen.

Das Netz der PTE erstreckt sich rund 30 Jahre nach der Gründung bundesweit. Am Stammsitz Waiblingen sind derzeit rund 50 Kinder in Therapie wegen Konzentrationsproblemen, Lernschwierigkeiten, Lese-/Rechtschreibschwäche oder ADHS. Aufmerksamkeit hat bei vielen Kindern im Vergleich zu früher abgenommen – wenn auch nicht immer im Ausmaß, dass eine Diagnose gestellt werden müsse, sagt Sonja Hanselmann-Jüttner, die seit vielen Jahren bei der PTE tätig ist und die übergeordnete Leitung für die Einrichtungen in der Region hat.

Kinder haben zu wenig Freiräume

Viele Kinder ließen sich leicht ablenken und hätten Schwierigkeiten, sich über einen längeren Zeitraum auf eine Sache zu fokussieren. Die Gründe sind vielfältig: „Wir leben in einer Gesellschaft, die viel Reize bietet.“ Medienkonsum ist ein Teil des Problems. Hinzu kommt: Unverplante Freiräume, in denen Kinder ihren Nachmittag selbst organisieren, sind weitgehend verschwunden. Stattdessen gibt’s viele von Erwachsenen vorgegebene Angebote. Und die Erwachsenen leben vor, in schnellem Takt eine Sache nach der anderen anzugehen – oder gar per Multitasking mehrere gleichzeitig. Ein bisschen mehr Langeweile wäre hilfreich.

Geht ein Kind widerwillig und fahrig an die Hausaufgaben, deutet das nicht gleich auf Aufmerksamkeitsprobleme. Eltern dürfen nicht zu viel erwarten. In der Regel, sagt Expertin Sonja Hanselmann-Jüttner, können Grundschulkinder sich 20 bis 25 Minuten konzentrieren. Hausaufgaben-Situationen zu ritualisieren kann helfen. Nach einem langen Schultag mit Unterricht und im Pulk auf dem Pausenhof kommen Kinder an Grenzen.

Belohnungsanreize sind erlaubt

Hausaufgaben stünden in der Pädagogik immer wieder in der Diskussion. „Bisher ist es nicht gelungen, das Training dem schulischen Bereich vorzubehalten, so dass oft ein Rest für zu Hause bleibt.“ Zwar ungeliebt, sind sie eine Realität, die bewältig werden muss. Für Eltern, die selber einen stressigen Alltag haben, wird das Bewahren der eigenen Ruhe zu einer schwierigen Herausforderung. Sie hoffen, das Kind möge seine Aufgaben „jetzt endlich“ erledigen. Aber: „Lernen unter Druck funktioniert in der Regel nicht.“ Sie sollten eine angenehme Atmosphäre schaffen, vielleicht eine Tasse Tee machen, beim Lesen sich gegenseitig abwechseln und Aufgaben unterteilen. Auch kleine Belohnungsanreize sind erlaubt, nach dem Motto „Nachher spielen wir dein Lieblingsspiel“. Aus Sicht der Expertin dürfen sich Eltern trauen und den Notausgang nehmen: entweder unterbrechen oder eine Info an die Lehrerin geben, dass an diesem Tag nichts mehr ging. „Wenn die Situation eskaliert, funktionieren schon die einfachsten Aufgaben nicht mehr.“ Der Lernerfolg geht dann gleich Null und die Eltern-Kind-Beziehung ist für den Abend beeinträchtigt. „Ein Kind, das langsam arbeitet, braucht mehr Zeit – aber nicht mehr Druck.“

Lernen will gelernt sein

Der Erlernen der Sprache gelang noch so ganz nebenbei. In der Schule aber kommt zum Lernen das Müssen hinzu. Eltern können Kinder dabei unterstützen, das Lernen zu lernen, indem sie sie teilhaben lassen an der Lösung von Problemen: Wo haben wir den Autoschlüssel verlegt? An was müssen wir bei der Planung des Kindergeburtstags denken? Wie kommen wir an unser Urlaubsziel? Was muss für morgen in den Schulranzen? Solche Strategien sollten Eltern artikulieren, obwohl es Zeit kostet.

Viele Kinder haben Aufmerksamkeitsprobleme – aber deswegen nicht gleich Aufmerksamkeitsstörungen. In letzteren Fällen geht eine kurze Aufmerksamkeitsspanne einher mit extremer Unruhe – sowohl zu Hause wie in der Schule. „Wenn es in beiden Bereichen auftritt, würde ich es zumindest überprüfen lassen.“ Eindeutige Indikatoren gibt es nicht, eine Diagnose ähnelt dem Sammeln von Puzzlestücken. Ein ADHS-Kind kann unter Umständen Dutzende von Dinosaurier-Arten aufsagen, aber kein zweizeiliges Gedicht – weil es stark abhängig ist von seiner Motivation, seine Aufmerksamkeit nicht steuern kann. Wer den Verdacht hat, sollte sich zunächst an die Lehrerin wenden und sich erkundigen, wie leicht oder schwer sich das Kind im Unterricht mit der Konzentration tut.

Nach einem Sommer voller Spiel, Spaß und Urlaub wieder in aller Frühe aufzustehen und nach einem anstrengenden Schultag sich zu Hause wieder zu konzentrieren, zu lernen oder Hausaufgaben zu machen: Da ist eine Herausforderung für Kinder – und die sie dabei unterstützenden Eltern. Manchmal beginnen sie an der Aufmerksamkeitsfähigkeit ihres Kindes zu zweifeln. In besonders schwierigen Fällen kann die Pädagogisch-therapeutische Einrichtung PTE helfen.

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