Waiblingen

Impfungen: Die Ärmsten fallen durchs Raster

Obdachlos
In Baden-Württemberg gelten 11 421 Menschen als obdachlos. © pixabay

Bei den Impfungen gegen das Coronavirus fällt eine Gruppe von Menschen durchs Raster, die besonders gefährdet ist: Obdachlose. Das beklagt der Waiblinger Armutsexperte Frieder Claus: „Es ist die besonders gefährdete Gruppe der Menschen ohne jegliche Unterkunft, die in Kälte, Dreck und Regen und damit ohne den Schutz eigener Häuslichkeit leben.“

Prinzipiell gehören Obdachlose bei der Impf-Reihenfolge in Baden-Württemberg zum Personenkreis mit „hoher Priorität“, wie zum Beispiel auch Lehrer, Erzieherinnen, Polizisten oder nicht medizinisches Krankenhaus-Personal. Aber nur unter der Voraussetzung, dass diese Obdachlosen in Unterkünften leben. Dass das Sozialministerium die Impfberechtigung für die Wohnungslosenhilfe auf die Kategorie zwei hochgestuft habe, sei grundsätzlich zu begrüßen, sagt Frieder Claus vom Esslinger Verein Heimstatt auf Anfrage. Jedoch führe die Verknüpfung mit den Unterkünften zu „sinnwidrigen Regelungslücken“.

Ausgerechnet die Schwächsten

Ausgerechnet die vulnerabelsten Gruppen würden so von den Impfungen ausgeschlossen. Also die Menschen ohne jegliche Unterkunft und damit ohne den Schutz eigener Häuslichkeit. Anspruchsberechtigt sind laut Impf-Ordnung nur die Personen, die in Einrichtungen „untergebracht oder tätig“ sind. Die Menschen ohne jede Unterkunft sind nach Einschätzung des Armutsexperten viel ungeschützter als die große Masse der „Untergebrachten“ in gesicherten Wohnformen. Die Altersbeschränkung für den Impfstoff Astrazeneca auf 65 Jahre ist zwar diese Woche aufgehoben worden, aber die Ärmsten der Armen ohne jegliches Dach über dem Kopf bleiben weiter ausgeschlossen. Die aktuelle Liga-Stichtagserhebung für Baden-Württemberg über „Frauen und Männer in sozialer Ausgrenzung und Wohnungsnot“ wies nach Angaben des Armutsexperten zum September 2020 insgesamt 11 421 Personen aus. Die allermeisten davon leben nicht gänzlich auf der Straße, sondern in Unterkünften. 770 Personen aber, also 6,7 Prozent, waren völlig ohne Unterkunft. 979 Personen, und damit 8,6 Prozent, fanden Unterschlupf bei Bekannten und waren im Sinne der Verordnung damit auch nicht in einer Einrichtung untergebracht – sie sind somit ebenfalls von der bevorzugten Impfung ausgeschlossen. 2041 Betroffene waren 60 Jahre oder älter – und damit tendenziell krankheitsanfälliger.

Armut als chronische Krankheit

Insgesamt habe die Corona-Pandemie die Kluft zwischen Arm und Reich vergrößert, konstatiert der 69-jährige Frieder Claus. Die „armutspolitische Ignoranz der maßgeblichen Akteure“ habe dazu entscheidend beigetragen. „Die Pandemie hat die soziale Spaltung als chronische Erkrankung unserer Gesellschaft offengelegt, die nicht durch Virologen gelöst werden kann.“

Der Waiblinger Frieder Claus hat bis zum Ruhestand das Referat „Wohnungslosenhilfe und Armut“ beim Diakonischen Werk Württemberg geleitet. 2019 führte er im Dietrich-Bonhoeffer-Haus seine „Bettler’s Oper“ mit Songs und Szenen nach Bertolt Brechts „Dreigroschenoper“ auf.

Bei den Impfungen gegen das Coronavirus fällt eine Gruppe von Menschen durchs Raster, die besonders gefährdet ist: Obdachlose. Das beklagt der Waiblinger Armutsexperte Frieder Claus: „Es ist die besonders gefährdete Gruppe der Menschen ohne jegliche Unterkunft, die in Kälte, Dreck und Regen und damit ohne den Schutz eigener Häuslichkeit leben.“

Prinzipiell gehören Obdachlose bei der Impf-Reihenfolge in Baden-Württemberg zum Personenkreis mit „hoher Priorität“, wie zum Beispiel auch

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