Waiblingen

In St. Rambert ist Le Pen extrem stark

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Präsidentschaftswahl in St. Pierre d’Albigny: Bürgermeister Michel Bouvier (Zweiter von links) kontrolliert die Wahlurne. © Vallet-Sandre

Kernen/Korb. Gestern hatten die Franzosen nach dem aufregenden Wahlsonntag Zeit zum Innehalten. Der 8. Mai ist Feiertag. Frankreich gedenkt des Sieges über Nazi-Deutschland, und der gewählte Präsident Emmanuel Macron beteiligte sich an der Seite von Francois Hollande an den Feierlichkeiten auf den Champs-Elysees. Dabei war Macrons Sieg nicht überall so überwältigend klar, wie die 66,06 Prozent suggerieren. In der Kernener Partnerstadt St. Rambert d’Albon errang er nur 53,4 Prozent.

Der Blick auf die Wahlergebnisse in den drei französischen Partnergemeinden St. Pierre d’Albigny, St. Rambert d’Albon und Mansle belegt, was die französischen Medien gestern frankreichweit als Trend verkündeten. Emmanuel Macron ist mit 39 Jahren nicht nur der jüngste Präsident der fünften Republik, die Wahlbeteiligung erreichte im zweiten Durchgang der Präsidentschaftswahlen auch ein historisches Tief. 25,4 Prozent der Wahlberechtigten gingen nicht wählen, ein Rekord seit 1969. In St. Rambert d’Albon an der Rhône verschmähten sogar 27,83 Prozent den Gang an die Wahlurne, in St. Pierre d’Albigny waren es 21,33 Prozent, in Mansle 24,44 Prozent. Hinzu kommen die bewusst ungültig gemachten Stimmzettel als Ausdruck des Protests gegen die Alternative Macron/Le Pen. In St. Rambert verweigerten sich mit falsch beschrifteten oder beschädigten Wahlzetteln acht Prozent der Stimmbürger.

Der linke Bürgermeister Bourget mag weder Macron noch Le Pen

Die rechtsextreme Marine Le Pen fuhr an der Rhône ein extrem starkes Ergebnis ein: 46,6 Prozent. Das hat Gründe. Der linke Bürgermeister Vincent Bourget mochte sich, wie viele seiner Mitbürger, zwischen Pest und Cholera nicht entscheiden. „Der Sieg von Emmanuel Macron am Sonntag hat einer selten armseligen Kampagne ein Ende gesetzt“, klagte Bourget gestern. „Einige Kandidaten waren in Skandale verwickelt, darunter die Neo-Faschistin Marine Le Pen. Wenn man sich das Niveau der Konkurrenz ansieht, musste Monsieur Macron mangels Alternative gewinnen.“ Aber auch der neue Präsident Frankreichs ist nicht nach Bourgets Geschmack. „Dieser Vorsänger des Liberalismus, im Sold der Banken-Welt, ist eine Bedrohung für alle französischen Lohnempfänger. Dieser Ultra-Europäer muss schon in Kürze eine erste Herausforderung bestehen: eine Mehrheit finden, um zu regieren.“ Der Macron-kritische Bürgermeister meint die Parlamentswahlen im Juni und fügt ketzerisch an: „Mission impossible?“

Front National traditionell stark in St. Rambert d’Albon

Der rechtsextreme Front National ist traditionell stark in St. Rambert d’Albon. Marine Le Pen hatte schon im ersten Wahlgang gegen den Landestrend, wo sie frankreichweit als Zweitstärkste 21,3 Prozent einheimste, das Rennen gewonnen: mit 32,8 Prozent. Macron folgte hinter dem linksextremen Jean-Luc Mélenchon (19.9 Prozent) abgeschlagen auf Platz drei (13,8 Prozent. Für Irritationen sorgte vor der zweiten Wahlrunde dann aber Mélenchon, der linke Europaskeptiker der Bewegung „La France insoumise“, der ganz unüblich für Frankreich seiner linken Klientel keine Wahlempfehlung für die zweite Runde gab, wenngleich er für sich persönlich die Wahl von Le Pen ausschloss. Auch das hat zu der Verweigerungshaltung der extremen Linken, der hohen Zahl an Nichtwählern und ungültigen Stimmzetteln geführt, nicht nur in Saint-Rambert d’Albon.

Anders als 2002, als der rechte Präsidentschaftskandidat Jacques Chirac gegen Jean-Marie Le Pen dank linker Solidarität über 80 Prozent der Stimmen einfuhr, schwächelte die republikanische Front gegen Tochter Marine spürbar.

Bürgermeister Croizard freut sich über Macrons Wahlsieg

Ganz anders das mit Korb verschwisterte Mansle im Département Charente in Westfrankreich. Hier brachte es der neue Präsident Macron in der Stichwahl auf 61,98 Prozent. Allerdings liegt auch hier das Niveau der Nicht-Wähler (24,4 Prozent) und die Zahl der ungültigen Stimmzettel relativ hoch (über neun Prozent). Für Bürgermeister Christian Croizard war es ein guter Tag. „Das Ergebnis der Präsidentschaftswahlen hat bestätigt, dass die Franzosen den republikanischen Werten unserer Nation verbunden bleiben. Ich persönlich freue mich über das Ergebnis sehr“, teilt er der WKZ mit. „Auch bin ich glücklich darüber, dass wir Franzosen Europa und seinen Werten des Friedens und der Brüderlichkeit verbunden bleiben.“

Für den Bürgermeister von Mansle hat das Wahlergebnis ganz im Sinne des Sozialdemokraten Emmanuel Macron historische Bedeutung. Es sprenge die traditionell zementierte, fast unversöhnliche Kluft in der französischen Parteienlandschaft zwischen Links und Rechts. „Sozialdemokratisch“ ist für linke Franzosen ein Schimpfwort, Sozialpartnerschaft zwischen Kapital und Arbeit Verrat. „Ich konstatiere auch“, bekennt Christian Croizard zufrieden, „dass die Franzosen jetzt definitiv brechen wollen mit den traditionellen Parteien und ihren unüberwindlichen Gegensätzen, um sich neuen Perspektiven zu öffnen und neue Hoffnung zu schöpfen.“

Der linksextreme Mélenchon in St. Pierre d’Albigny gut im Rennen

Das Ergebnis in St. Pierre d’Albigny kam dem landesweiten am nächsten: Emmanuel Macron sammelte 63,44 Prozent der gültigen, abgegebenen Stimmen ein. Auch hier lag die Zahl der Nichtwähler und der ungültigen Wahlzettel bei über 30 Prozent. Marine Le Pen schnitt stärker ab als frankreichweit. Wie in St. Rambert d’Albon lag in St. Pierre beim ersten Durchgang der linksextreme Mélenchon relativ gut im Rennen: Er gewann über 20 Prozent.

Die Diagonale

Laut einem Editorial der französischen Tagszeitung Liberation verkörpert der Sieg Macrons nicht mehr die traditionelle ideologische Spaltung der Franzosen in Links und Rechts, sondern eine neue in Reich und Arm. Schon die Ergebnisse des ersten Wahlkampfs hätten eine Spaltung Frankreichs in zwei Regionen deutlich gemacht entsprechend einer Diagonalen zwischen Le Havre und Marseille. Der wohlhabende Westen Frankreichs habe Macron auf den Schild gehoben, der Norden, Osten und der Südosten Marine Le Pen. Es sei keine geografische, kulturelle, historische Trennlinie, sondern eine ökonomische.