Waiblingen

Inkassobetrüger drohen und lügen

1/2
dispokredit  zinsen  kontoauszug
Den Überblick verlieren – das ist schnell passiert. © VRD - Fotolia
2/2
_1
Warum Schuldner nicht zahlen. Manch einer kann nicht zahlen, manch einer will nicht.

Waiblingen. Job weg, Frau weg, krank: Das Leben meint es nicht mit jedem gut, und zu allem Übel erzeugt Pech noch mehr Pech. Droht Überschuldung, hauen Betrüger gern tief in die Kerbe und bedrängen Arglose auch noch mit haltlosen Forderungen. Inkassobüros genießen keinen guten Ruf. Unseriöse unter ihnen kreieren „Vernunftappellgebühren“ oder erdichten Schulden, die’s gar nie gab.

Das Wort „Inkasso“ weckt ungute Gefühle. Zu Recht. Inkasso, das klingt nach Druck und Zwang, nach rigider Eintreibung von Forderungen, die aus gutem Grund schon lange nicht beglichen sind.

Vielleicht sind die Forderungen frei erfunden. Die Verbraucherzentrale warnt vor unseriösen Inkassounternehmen, die ihre Opfer mit Mahnbescheiden und Drohungen traktieren – obwohl überhaupt keine echte Forderung besteht. Betrüger arbeiten mit Ängsten ihrer Opfer, beschimpfen sie, kündigen Lohnpfändungen oder Schufa-Einträge an. Laut Oliver Buttler, Abteilungsleiter Telekommunikation, Internet und Verbraucherrecht bei der Verbraucherzentrale in Stuttgart, sind gar „die meisten Inkassoschreiben auf jeden Fall angreifbar“. Buttler rät zur genauen Prüfung vor allem der in solchen Schreiben aufgelisteten Gebühren. „Der Fantasie sind hier keine Grenzen gesetzt“, weiß Oliver Buttler aus Erfahrung. „Vernunftappellgebühren“ versuchen manche abzurechnen – darauf muss man erst mal kommen. Die Dreisten unter den Unseriösen wenden sich direkt an den Arbeitgeber ihres Opfers und versuchen, dort eine schlicht erfundene Forderung einzutreiben. Ein solcher Fall rechtfertigt eine Anzeige, sagt Oliver Buttler. Die Verbraucherzentrale hat auf ihren Internetseiten Musterbriefe eingestellt, die Opfer solcher Inkasso-Haie nutzen können.

Doch allzu oft verfängt die Masche, und Empfänger dieser Drohbriefe zahlen fix in der Hoffnung, dann wieder in Frieden leben zu können.

Die Firmen sind verpflichtet, verständliche Infos zu liefern

Bei der Schuldnerberatung des Landratsamtes Rems-Murr gibt es keine konkreten Angaben dazu, wie oft es Klienten mit Inkassobüros zu tun haben. Sofern seriös arbeitende Unternehmen im Auftrag eines realen Gläubigers Geld eintreiben, ist dagegen nichts einzuwenden. „Preise und Konditionen sind sehr unterschiedlich“, heißt es beim Landratsamt. Dort appelliert man ebenfalls an Empfänger, genau zu prüfen und vorsichtig zu sein. Beispielsweise dürfe ein Büro nicht mal Inkassogebühren verlangen, sofern es nicht im Auftrag eines Gläubigers handelt, sondern auf eigene Rechnung. Das ist nicht ungewöhnlich, weil Inkassofirmen gern Forderungen aufkaufen, um sich hernach das Geld beim Schuldner zurückzuholen.

Rein gar nichts zahlt am besten, wer von der angeblich einzutreibenden Forderung nichts weiß und demzufolge mit dem angeblichen Gläubiger niemals einen Vertrag abgeschlossen hat. Etwas mehr Sicherheit herrscht in diesem Punkt seit November 2014: Inkassofirmen müssen seitdem klar und verständlich ihren Auftraggeber sowie den Forderungsgrund nennen, außerdem den Vertragsgegenstand und das Datum des Vertragsabschlusses, darauf weist die Verbraucherzentrale hin.

"Es gibt Abzocker in diesem Bereich"

Marco Weber zählt mutmaßlich zu den Guten. Der Pressesprecher des Bundesverbandes Deutscher Inkasso-Unternehmen (BDIU) beschönigt nichts: „Es gibt Abzocker in diesem Bereich.“ Von diesen Zeitgenossen grenzt sich der Verband ab; die Mitglieder unterziehen sich strengen Regularien und müssen bei Fehlverhalten mit einem Eintrag bei der Beschwerdestelle des Verbandes rechnen. Ferner weist Marco Weber auf die Seite www.rechtsdienstleistungsregister.de hin. Jedes Inkassobüro muss dort registriert sein. Wer ein Schreiben von solch einem Büro erhält, sollte unbedingt nachprüfen, ob diese Pflicht erfüllt ist.

Ferner rät der Verband, die Bankverbindung eines Inkassobüros zu prüfen. Bei einer ausländischen Kontoverbindung sei Vorsicht geboten. Zudem landen immer wieder gefälschte Inkassobriefe beim BDIU. Laut Verband mahnen Firmen darin oftmals angebliche Forderungen aus Gewinnspielen an. Liegt offensichtlich ein Betrugsversuch vor, rät Marco Weber, nicht auf die mutmaßlichen Betrüger zuzugehen. In diesen Fällen ist die Polizei der richtige Ansprechpartner.

Das klingt nun alles sehr bedrohlich. Doch meist läuft alles reibungslos, versichert Sprecher Marco Weber – und zeigt Verständnis für Menschen, die in finanzielle Schwierigkeiten geraten. Eine eigentlich solide Finanzierung gerät schnell ins Wanken, sofern sich die Lebensumstände unverhofft ändern. Und manch ein Verbraucher „fühlt sich überfordert mit der Finanzwelt insgesamt, die immer komplexer geworden ist“.


  • „Inkasso“ bezeichnet den geschäftsmäßigen Einzug fremder Forderungen. Nur registrierte Büros dürfen dieser Tätigkeit nachgehen.
  • Betreibern eines laut Verbraucherzentrale „wilden Inkassobüros“ droht ein Bußgeld bis zu 50 000 Euro.
  • Der Online-Handel gilt mittlerweile als bedeutendes Kunden-Segment von Inkassobüros.
  • „Der Branche insgesamt geht es gut“, sagt Marco Weber, Pressesprecher des Bundesverbandes Deutscher Inkasso-Unternehmen.
  • Der Verband beurteilte die Zahlungsmoral in Deutschland zum Jahresbeginn 2017 als „weiterhin gut“. Die private Zahlungsmoral sei besser als die gewerblicher Schuldner.
  • Laut Statistischem Bundesamt stand dem Gesamthaushalt überschuldeter Personen, die bei einer Schuldnerberatungsstelle Hilfe suchten, 2016 durchschnittlich ein Nettoeinkommen von 1274 Euro pro Monat zur Verfügung.