Waiblingen

Insulinmord: Der "Graumarkt" jenseits der Pflege

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Symbolbild. © ZVW/Danny Galm

Waiblingen/München.
Fälle wie der des Insulinmörders von München, der auch in Waiblingen einen Mordversuch unternahm, machen Angehörigen von Pflegebedürftigen Angst. Und sie werfen ein schlechtes Licht auf die ganze Branche. Zwar können kriminelle Energien prinzipiell überall lauern, doch ein Branchenkenner sieht außerdem strukturelle Probleme: Es handele sich um eine "krasse Auswirkung des Versagens in der Pflegepolitik". Mit professioneller Pflege habe der Fall "nullkommanichts" zu tun. Dafür mit dem "großen Graumarkt" haushaltsnaher Dienstleistungen, der sich weitgehend der Kontrolle entziehe.

Gute Pflege ist teuer

Angesichts der Kosten für stationäre Betreuung im Pflegeheim wählten viele Angehörige für Pflegebedürftige die ungleich kostengünstigere Alternative einer 24-Stunden-Betreuung durch meist osteuropäische Hilfskräfte. Das müsse nicht grundsätzlich falsch sein. Im Idealfall jedoch sollte diese Art der Haushaltshilfe durch einen professionellen Pflegedienst ergänzt werden, damit eine Fachkraft je nach Bedarf zwei- oder dreimal am Tag ins Haus kommt und sich um die medizinische Versorgung kümmert. Selbst wenn die Kinder des Patienten nicht in der Nähe wohnten, sei damit eine gewisse Kontrolle der Haushaltshilfe gewährleistet. Wer den "Graumarkt" ganz meidet und sich die Rund-um-die-Uhr-Betreuung zu Hause allein mit Fachkräften zusammenstellt, komme kostenmäßig fast an stationäre Pflegeheim heran.

Pflegerische Versorgung hat ihren Preis - diese Erkenntnis habe sich gesellschaftlich noch nicht durchgesetzt. Stattdessen würden einerseits die hohen Kosten für Altenheime, andererseits deren zu geringe Personalausstattung beklagt. 

Wer einen Dienst für pflegebedürftige Angehörige sucht, tut grundsätzlich gut daran, sich bei einem Pflegestützpunkt, den es in jedem Landkreis gibt, kostenlos und unabhängig von Krankenkassen oder bestimmten Anbietern beraten zu lassen. Der Experte, der im Zusammenhang mit dem Fall des Insulinmörders nicht genannt werden möchte, empfiehlt, sich im Zweifel für bekannte und bewährte Dienstleister aus der Region zu entscheiden und sich nicht auf "zwielichtige" Agenturen  zu verlassen.

Berichte über Behördenversagen

Die öffentliche Suche nach weiteren Opfern des Insulinmörders Grzegorz Stanislaw Wolsztajn dauert an. Im Zuge der Fahndung wurden 16 neue Aufenthalts- und Tätigkeitsorte bekannt, teilte die Polizei München am Donnerstagnachmittag mit. Der 36-jährige ungelernte Pflegehelfer hatte in Ottobrunn bei München einen von ihm betreuten Rentner ihm Schlaf eine Überdosis Insulin verabreicht, ohne dass für die Medikamentengabe ein medizinischer Grund bestand. In Waiblingen versuchte er am 21. Dezember, einen 82-Jährigen umzubringen. Die Münchner Polizei fand beim Verdächtigen Insulin-Ampullen, einen Insulin-Pen sowie zwei EC-Karten des Verstorbenen mit PIN und Bargeld in Höhe von 1210 Euro.

Seit Jahren war der Verdächtige als ungelernter Helfer an verschiedenen Orten in ganz Deutschland im Einsatz. Offenbar war Wolsztajn aber nie öfter als zweimal für die entsendenden, meistens polnischen und slowakischen Firmen beschäftigt. Vermittelt wurde er über in Deutschland ansässige Agenturen. Nach Recherchen des Bayerischen Rundfunks hätte der Mann schon vor Monaten aus dem Verkehr gezogen werden können. Doch nach dem Todesfall eines von Wolsztajn betreuten Rentners in Mülheim/Ruhr habe es "gravierende Behördenpannen" gegeben. Der Patient bekam Insulin und starb zwei Monate später in einer Klinik. Trotz Mordverdachts erging kein Haftbefehl, so der BR. 


Pflegestützpunkt im Rems-Murr-Kreis

Einen Pflegestützpunkt mit kostenloser Beratung gibt es in allen Landkreisen. Hier erhalten Pflegebedürftige sowie ihre Angehörigen trägerunabhängig Information rund um das Thema Pflege. Die Beraterinnen übernehmen dabei die Funktion von neutralen Lotsen durch ein großes Angebot von Hilfen und Unterstützung. Zudem ist der Pflegestützpunkt kompetenter Ansprechpartner für Selbsthilfegruppen und ehrenamtlich Tätige.

Die Träger des Pflegestützpunktes Rems- Murr- Kreis sind neben dem Landkreis die gesetzlichen Krankenkassen: die AOK Ludwigsburg/ Rems-Murr, die Ersatzkassen, die Betriebskrankenkassen, die IKK classic, die Knappschaft und die Landwirtschaftliche Sozialversicherung Baden-Württemberg (SVLFG).

Die Mitarbeiterinnen des Stützpunkts beraten sowohl präventiv - also vor der Entscheidung zur Pflege - als auch in Pflegesituationen. Der Pflegestützpunkt befindet sich im Landratsamt, Zimmer 136, 1. Stock, Alter Postplatz 10, 71332 Waiblingen. Telefon: 07151/ 501-1657.  E-Mail: pflegestuetzpunkt@rems-murr-kreis.de.