Waiblingen

Integration geht nicht ohne Konflikte

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Berät die niedersächsische Landesregierung in Integrationsfragen: Prof. Hannes Schammann aus Stuttgart. © Ellwanger / ZVW

Stuttgart/Waiblingen. In offenen Gesellschaften sind Flüchtlingsströme nicht so einfach zu kontrollieren. Politischen Spielraum gibt es trotzdem, gerade für Kreise und Kommunen, meint Migrationsforscher Hannes Schammann.

Seit im vergangenen Sommer die Flüchtlingszahlen sprunghaft anstiegen, ist Hannes Schammann zu einem gefragten Mann geworden. Der Stuttgarter war in den Tagesthemen, wurde von Spiegel und FAZ interviewt, sprach im WDR – und beriet jüngst die niedersächsische Landesregierung in Fragen der Integration. Vor seiner Hochschul-Tätigkeit war der 34-Jährige lange Jahre in der Praxis tätig, hat zahlreiche Integrations-Projekte konzipiert und begleitet, zuletzt bei der Robert-Bosch-Stiftung. Doch seit letztem Sommer beschäftigt den Integrations-Experten vor allem die Asylpolitik.

Das BAMF wollte mehr Stellen, doch das Innenministerium widersprach

Überraschend kam der Anstieg für Schammann nicht. Auch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) habe ihn schon vor Jahren kommen sehen. Flüchtlingsbewegungen verliefen immer in Wellen. Frühzeitig habe das BAMF beim Innenministerium daher mehr Stellen angefragt. Auch bei den heute dringend benötigten Entscheidern. „Doch das Innenministerium hat dem Wunsch nicht entsprochen.“

Nicht erst aus heutiger Sicht ein klarer Fehler, findet Schammann. Als die Zahlen Ende des letzten Jahrzehnts zurückgingen, habe man sich nicht ausreichend auf das vorbereitet, was unvermeidlich kommen musste: der erneute Anstieg der Zahlen. Nun sei nicht nur das BAMF überfordert, das ganze System agiere im „Katastrophenmodus“. Gefragt seien vielmehr flexible Konzepte. Schwankungen müsse man einplanen – auch in den Stellenplänen.

Als Positivbeispiel nennt Schammann die Stadt Hildesheim. Dort werden Sammelunterkünfte etwa nicht vom Sicherheitsdienst, sondern von einem sozialpädagogisch orientierten Träger überwacht. Und dort kommen Flüchtlinge nach der Gemeinschaftsunterkunft möglichst schnell in eigene, zunächst von der Stadt angemietete Wohnungen. Das sei integrationsfördernd und meist auch kostengünstiger. Die von Landrat Sigel verfolgte Linie „keine Zeltstädte“ sei natürlich verständlich. „Die Frage muss aber sein, wie sich große Unterkünfte davon noch unterscheiden.“

Dass alle politischen Ebenen bei der Flüchtlingspolitik mitreden, mache die Sache nicht unbedingt leichter. Da sei es ganz leicht, die Verantwortung auf die jeweils anderen Ebenen abzuwälzen. Prinzipiell hätten Kreise und Kommunen aber enorme Spielräume bei der Ausgestaltung der Flüchtlingspolitik. Spielräume bestehen vor allem bei der Unterbringung. Auch bei der Frage, ob Sach- oder Geldleistungen gewährt werden. Oder bei der Gesundheitsversorgung: Kommunen und Kreise könnten etwa selbst mit den Krankenkassen eine Gesundheitskarte vereinbaren. An den Leistungen würde sich dadurch nichts ändern. Doch der bürokratische Aufwand sinke – und damit auch die Kosten.

„Es reicht nicht, das Ehrenamt zu loben, man muss es unterstützen“

Die Kommunen sollten sich ihrer Gestaltungsräume bewusst sein und diese auch offen kommunizieren. Sich dabei aber nicht auf eine Seite stellen, sondern Zweifel ernst nehmen und klarmachen, „dass das Schwanken zwischen offenen und geschlossenen Grenzen elementarer Bestandteil unserer Gesellschaft ist“. Einerseits fördere die Wirtschaft nämlich eine Öffnung. Gleichzeitig gebe es aus innenpolitischer Sicht für reiche Staaten Gründe zur Abschottung. Doch würden die Grenzen wirklich geschlossen, wäre im selben Moment auch die liberale Gesellschaft am Ende. „Zweifeln und diskutieren ist daher wichtig“, sagt Hannes Schammann. „Aber es gibt keine einfachen Lösungen.“ Es sei naiv, zu glauben, man könne die Grenzen schließen. „Das klappt nicht.“

Dem Austausch vor Ort – vor allem zwischen Behörden und Freiwilligen – komme daher eine entscheidende Rolle zu. „Das ist das, was das System momentan am Laufen hält.“ Informelle Runde Tische hätten sich hier bewährt. „Es reicht nicht, das Ehrenamt zu loben, man muss es auch unterstützen“, sagt Schammann. Etwa durch Weiterbildungsangebote des Landkreises zum Asylrecht. Oder spezielle Ansprechpartner bei den Verwaltungen.

Denn die allermeisten Flüchtlinge, darunter rund eine halbe Million Syrer, werden erst mal bleiben – und wenn sie ihren Lebensunterhalt selbst beschreiten können, auch Familienmitglieder nachholen. Deutsch lernen, eine Wohnung und dann eine Arbeit zu finden, seien die ersten Schritte zur Integration. Das werde sicher nicht reibungslos ablaufen. „Integration funktioniert nun mal immer über Konflikte“, sagt Schammann.

Über die Religion dürfe man da auf keinen Fall hinwegschauen. Den Fehler habe man bereits in Frankreich gemacht. Man müsse streiten – auch und gerade mit konservativen Muslimen. „Wir müssen darüber reden, was unsere Gesellschaft zusammenhält.“ Bei aller Verunsicherung auf beiden Seiten sieht Schammann in den deutschen muslimischen Gemeinden daher auch eine große Chance. Religion könne durchaus helfen bei der Integration. Am wichtigsten sei aber die gesellschaftliche Teilhabe. Sonst drohe ein Rückzug in die Religion. Und das wäre für beide Seiten nicht gut.

Zur Person

Hannes Schammann ist Juniorprofessor für Migrationspolitik an der Universität Hildesheim. Zuvor war er als Projektleiter für Migration und Integration bei der Robert-Bosch-Stiftung, als Referent für Grundsatzfragen der Integration beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) und als Koordinator für Integrationsprojekte bei der Bundesarbeitsgemeinschaft Evangelische Jugendsozialarbeit mit Sitz in Stuttgart tätig.

Schammann hat an der Uni Passau über Ethnomarketing und Integration promoviert. Studiert hat er „Sprachen, Wirtschafts- und Kulturraumstudien“ an den Universitäten Passau und Concepción (Chile). Der 34-Jährige lebt mit seiner Frau in Stuttgart.