Waiblingen

Integration nach Plan

integration-1364673_1920_0
Symbolbild. © Sarah Utz

Waiblingen. Wir schaffen das ... Wie? Der Integrationsplan für den Rems-Murr-Kreis soll die Grundlage für die weitere Arbeit schaffen. Der Plan enthält auf über 150 Seiten 60 konkrete Handlungsempfehlungen. Dreh- und Angelpunkt der Integration ist die Sprache. Das zeigte einmal mehr der Bericht des Jobcenters, das sich inzwischen um mehr als die Hälfte der 5000 Flüchtlinge kümmert.

Der Beratungs- und Vermittlungsservice für geflüchtete Menschen, kurz IBA-Team genannt, betreut aktuell rund 2800 Personen. IBA steht für Integration, Beratung, Arbeit. Der Name ist Programm. „Wir sind ganz am Anfang“, sagte Robert Steinbock, Leiter des IBA-Teams im Kreistagsausschuss. Monat für Monat kämen 100 Personen hinzu: Flüchtlinge, die als asylberechtigt anerkannt sind und geduldet werden, wechseln vom Landratsamt beziehungsweise von den Kommunen zum Jobcenter.

Keine verwertbaren Sprachkenntnisse

Fast 2100 dieser Flüchtlinge haben derzeit keine verwertbaren Sprachkenntnisse, rund 450 können so weit Deutsch, dass sie aus dem Grundkurs A 1 in die weiteren Kurse (B 2, C 1) wechseln können. „Wir haben viele Wiederholer“, sagte Steinbock über die Probleme, die viele Flüchtlinge mit der deutschen Sprache haben. 300 Stunden seien für die meisten zu wenig, um auf das geforderte Niveau zu kommen. Lediglich 60 Flüchtlinge, schätzt das IBA-Team, seien so fit, dass sie vermittelt und die Bildungsangebote des Jobcenters nutzen könnten.

180 Flüchtlinge haben bereits einen Job

Das IBA-Team hat klare Ziele. Die rund 900 Flüchtlinge unter 25 sollen so weit gebracht werden, dass eine Ausbildung infrage kommt. Für die 25- bis 34-Jährigen, rund 1000 Leute, wird Arbeit mit Teilqualifikationen angestrebt. Je nach Blickwinkel ist bei der Integration in Arbeit und Ausbildung das Glas halb voll oder halb leer. 180 Flüchtlingen haben einen Job, viele bereits seit über einem Jahr und zumeist als Helfer im Handwerk, auf dem Bau oder im Lager.

50 Flüchtlinge eingestellt

150 Flüchtlinge hat das Jobcenter in Probearbeit vermittelt, ein Drittel von ihnen wurde daraufhin eingestellt, sagte Robert Steinbock über den „Klebeeffekt“. Der ist seines Erachtens das erfolgreichste Mittel für die Integration in den Arbeitsmarkt. Eine qualifizierte Ausbildung im Blick haben fast 100 Flüchtlinge, exakt 52 sind in einem Ausbildungsverhältnis und rund 40 in Einstiegsqualifikationen (Pflege, Handwerk, Gastro, Büro oder Zahntechnik).


Enormer bürokratischer Aufwand für wenig beliebte Maßnahmen

Wenig begehrt sind „Flüchtlingsintegrationsmaßnahmen“, kurz FIM, mit denen nicht anerkannte Flüchtlinge die Wartezeit mit gemeinwohlorientierten Beschäftigungen überbrücken können. 80 Cent pro Stunde, wenig mehr als ein Zubrot, sind jedoch nicht sehr attraktiv und der bürokratische Aufwand ist enorm. Seit September 2016 wurden in Gemeinschaftsunterkünften 255 Plätze beantragt („interne FIM“). Nur 135 sind davon besetzt. Von den 104 externen Plätzen, wie zur Landschaftspflege in Rudersberg, Jobs in Tafelläden oder auf den Bauhöfen, sind 84 belegt.

"Viele Flüchtlinge werden längere Zeit oder sogar dauerhaft bleiben"

Dem Vorwort des Integrationsplans ist ein Zitat der Suaheli aus Ostafrika vorangestellt: „Behandle deinen Gast zwei Tage lang als Gast, aber am dritten Tag gib ihm eine Hacke.“ Landrat Richard Sigel betont, dass Flüchtlinge oft schon seit Jahren da sind und viele längere Zeit oder sogar dauerhaft bleiben werden. Nach der Ausnahmesituation, als im Herbst 2015 mehr als 5000 Menschen binnen weniger Monate aufgenommen wurden, richtet sich der Blick nach vorn. „Wir wollen und wir müssen uns mit diesen Männern, Frauen und Kindern beschäftigen, müssen uns die Frage stellen, wie wir künftig zusammenleben wollen und können, und wir müssen die Chancen ergreifen, die sich uns jetzt, fast zwei Jahre danach, bieten.“

Die Aufgaben des Landkreises haben sich geändert

Stand zunächst die oft notdürftige Unterbringung im Vordergrund, so zieht sich das Landratsamt als Akteur zurück und versteht sich als Koordinator, will Informationen bündeln und zur Verfügung stellen: „In den 31 Städten und Gemeinden des Rems-Murr-Kreises wird Integration täglich gelebt und die haupt- und ehrenamtlichen Initiativen haben bereits kleine und große Erfolgsgeschichten geschrieben“, heißt es über die Ziele des Integrationsplanes. „Auf diese regionalen Erfolge gilt es nun aufzubauen, sie miteinander zu vernetzen, zu koordinieren und in eine Gesamtstrategie zu überführen, die eine nachhaltige und zielgerichtete Wirkung der Integrationsbemühungen aller beteiligten Akteure ermöglicht.“

Integrationsbeauftragte Christina Reimling. Foto: privatProvokativen Thesen vor dem Sozial- und Verwaltungsaussschuss

Die Integrationsbeauftragte Christina Reimling stellte den Kreisräten des gemeinsam tagenden Sozial- und Verwaltungsaussschusses mit provokativen Thesen den Integrationsplan vor, der in acht Workshops mit 45 Teilnehmern erarbeitet worden ist.„Vieles wiederholt sich“: Informationen haben nur begrenzte Reichweiten, war eine der Erfahrungen. Jede Kommune und jede Initiative musste das Rad oft neu erfinden. Doch die Informationen seien allenthalben vorhanden und müssten nur gut strukturiert, zentral zugänglich und dort platziert werden, wo sie benötigt werden. (Foto: Integrationsbeauftragte Christina Reimling. Quelle: privat)

Hilfsbereitschaft für die Flüchtlinge nicht übertreiben

„Zu viel Welpenschutz“, lautete eine weitere These. Sie zielt darauf ab, dass die Hilfsbereitschaft für die Flüchtlinge nicht übertrieben werden dürfe, so dass sie sich bevormundet fühlen. Ohne Ehrenamt hätte die Aufnahme von mehr als 5000 Menschen zwar nicht geklappt. Nach wie vor kümmern sich Tausende Bürger in 31 Arbeits- und Freundeskreisen Asyl um die Neuankömmlinge. Der Integrationsplan gibt aber auch den Impuls zu fragen: Müssen Flüchtlinge nur Empfänger von ehrenamtlicher Unterstützung sein? Ausdrücklich werden Flüchtlinge aufgefordert, auch Eigeninitiative zu ergreifen. Dies sei ein Ausdruck von Verantwortungsbereitschaft, wie sie in Deutschland gewünscht werde und zu einer gelingenden Integration beitrage. „Befähigen Sie die Menschen, sich selbst zu organisieren, zum Beispiel durch mehrsprachige Formulare“, nennt der Integrationsplan konkret ein Beispiel, wie die Eigeninitiative unterstützt werden kann.

Vier Handlungsfelder

Der Integrationsplan nennt vier Handlungsfelder, auf denen Integration stattfindet: Sprache und Bildung, Arbeitsmarkt, Wohnen und Freizeit. Die jeweiligen Bereiche werden auf über 150 Seiten ausführlich dargestellt, die Probleme benannt und daraus Handlungsempfehlungen und Maßnahmen abgeleitet. Kernthesen und Kapitelüberschriften sind:

Sprache und Bildung: „Sprache ist der Schlüssel zur Verständigung, berufliche Grundkompetenzen sind die Voraussetzung zur Teilhabe am Erwerbsleben. Wer in Deutschland lebt, muss Deutsch sprechen und verstehen, lesen, schreiben und rechnen können.“

Arbeitsmarkt: „Wer Aussicht auf einen dauerhaften Aufenthalt hat, muss sich und seine Familie langfristig selbst finanzieren können. Die erfolgreiche Integration in den Arbeitsmarkt ist dafür unabdingbar.“

Wohnen: „Solange Wohnraum knapp ist, Personen in schwierigen Lebensverhältnissen auf dem freien Wohnungsmarkt kaum Chancen haben und Landkreis wie Städte und Gemeinden verhindern müssen, dass Menschen obdachlos werden, gibt es zu staatlich organisierter „Unterbringung“ keine Alternative. Je länger diese andauert, desto deutlicher werden indes die Defizite provisorischer Einrichtungen.“

Freizeit: „Sport, Musik, Kunst und Kultur, ehrenamtliches Engagement oder die Ausübung der eigenen Religion sind nur einige von unzähligen Möglichkeiten, die eigene Freizeit aktiv und sinnvoll zu gestalten ... Damit kann der Freizeitbereich im Kleinen vormachen, was die Politik im Großen erreichen möchte: dass alle an einem Strang ziehen.“