Waiblingen

Iris Berben: Lesen gegen das Vergessen

faf3fe7d-d6e1-498d-bcbf-42a3dfed2b7e.jpg_0
Iris Berben im Bürgerzentrum Waiblingen. © Edgar Layher

Waiblingen. „Mit ihrer Sehnsucht nach Liebe und Zukunft wirft sie sich dem Hass entgegen. Sie klagt nicht an, sie nimmt wahr, aber sie resigniert nicht. Und sie hat den Wahnsinn ihrer Zeit damit besiegt“, stellte Iris Berben die junge Lyrikerin Selma Meerbaum-Eisinger ihrem Publikum im Waiblinger Bürgerzentrum vor.

Deren Lebenswerk „Ich bin in Sehnsucht eingehüllt“ war Bestandteil des Abends, den die Schauspielerin gemeinsam mit dem Pianisten Martin Stadtfeld gestaltete. Auf dem Lesepult vor ihr lag ein schmaler Buchband, der das gesamte literarische Schaffen eines besonderen, jungen Mädchens in wenigen Seiten fasst. 57 Gedichte an ihre große Liebe sind es, die vom kurzen Leben der deutschsprachigen Jüdin Selma Meerbaum-Eisinger blieben. Ein Vermächtnis, das sie kurz vor ihrem Abtransport ins KZ noch Freunden zustecken kann. Auf abenteuerlichen Wegen und von den unterschiedlichsten Menschen vor ihren Schergen in Sicherheit gebracht, erreichen ihre Verse jedoch niemals den geliebten Adressaten Lejser Fichmann. Er stirbt auf seiner Flucht nach Palästina.

Auch die Verfasserin konnte dem menschenfeindlichen 1000-jährigen Reich nicht entkommen. Mit nicht einmal 18 Jahren, als Jüdin aus dem Ghetto der rumänischen Stadt Czernowitz 1941 ins Arbeitslager deportiert, stirbt sie dort, kaum ein Jahr später, an den Folgen einer Fleckfiebererkrankung. Als 1980 der Gedichtband unter dem Titel „Ich bin in Sehnsucht eingehüllt“ auf dem deutschen Buchmarkt erscheint, ist es ein literarischer Paukenschlag. Seither formt Selma Meerbaum-Eisingers Name gemeinsam mit Paul Celan und Rose Ausländer das große lyrische Dreigestirn ihres Volkes.

„Vergessen Sie bitte nicht: Die Würde des Menschen ist unantastbar“

Die kurzen Lebensstationen der jüdischen Verfasserin gab Iris Berben ihrem Publikum an die Hand, bevor sie sich Selma Meerbaum-Eisingers Poesie widmete. „Diese Zeit“, fügte sie noch an, „bedroht uns heute immer noch mehr, als dass sie uns warnt. Lassen Sie uns ohne Hass, mit Verständnis, mit Menschlichkeit, Geduld und Liebe auf die Suche nach Lösungen gehen für all die schwierigen Aufgaben die sich uns heute stellen. Und vergessen Sie dabei bitte nicht: Die Würde des Menschen ist unantastbar“.

Und dann liest die Berben diese tiefen, kraftvollen Texte, die eine bebende Bereitschaft für das Leben zeichnen, die die jugendliche Sehnsucht nach dem einen Geheimnis in eine lebhafte und nachhallende Sprachmusik fassen. Jenes Geheimnis das dieses 18-jährige Mädchen in seiner direkten Bedrohung umfassender zu begreifen scheint als mancher satte Bürger unserer Breitengrade. Jede ihrer Textzeilen formuliert das Leben als forderndes, gestaltbares, Erfüllung versprechendes, Liebe umfassendes Geschenk. Das jeder gleichberechtigt erhält, um es füllen zu dürfen mit allem, was das Bewusstsein hergibt. Selma Meerbaum-Eisinger wird es, kaum in Händen gehalten, schon genommen. In großer Bedrohung und unter unwürdigsten Verhältnissen formuliert sie die Schönheit des Lebens und zeigt damit auf, was es zu bedeuten hat, den Menschen Würde zu gewähren.

„Ich möchte Leben. Schau, das Leben ist so bunt. Es sind so viele schöne Bälle drin. Und viele Lippen warten, lachen, glühn und tuen ihre Freude kund. Sieh nur die Straße, wie sie steigt: so breit und hell, als warte sie auf mich ...

Ich möchte leben. Ich möchte lachen und Lasten heben und möchte kämpfen und lieben und hassen und möchte den Himmel mit Händen fassen und möchte frei sein und atmen und schrein. Ich will nicht sterben. Nein! Nein.“

Ihre Stimme umscheichelt mit Wohlklang

Iris Berbens Stimme besitzt einen umschmeichelnden Wohlklang, der sich unaufdringlich aber beharrlich seinen Weg bahnt. Und tief eindringt, auch in jene Seelenregionen die doch eigentlich geschützt sein wollen vor dem Wahnsinn und der Kälte der Welt. Iris Berben öffnet gemeinsam mit Selma Meerbaums Worten die Falltüren der Verdrängung, arbeitet sich bis in die tiefen Katakomben vor, in denen wir den menschengemachten Irrsinn der Welt abschirmend untergebracht zu haben glauben.

Dabei wirbt die Berben nicht um Betroffenheit. „Ich will nicht schweigen“, meint Iris Berben jedoch zum wieder erstarkenden Rechtsextremismus und liest seit vielen Jahren deshalb unermüdlich gegen das Vergessen an. Sie hält die Erinnerung an verbrannte Literatur und ihre Verfasser wach, im festen Glauben daran, dass diese wertvollen literarischen Vermächtnisse nachfolgende Generationen klüger machen können.

Die zahlreichen und großartig eingeflochtenen Musikbeiträge - Martin Stadtfeld ist ein virtuoser und ein samtpfotener Meister unzähliger Pianoschattierungen, boten Raum für den Nachhall dieser leisen lyrischen Sprache.

Man folgt ihrer staunenswerten Lebenskraft, der tiefen Sprachmelodie und den reichen Harmonien von Sehnsucht und Gefühlsbefähigung. Und ahnt dabei, dass das Anliegen Iris Berbens Früchte tragen kann.

In jeder der Zeilen offenbart sich beklemmend, was diese Würde ist, deren Bewahrung wir heute propagieren, zu der aber eben mehr gehört als ein Bett, eine Suppe, eine Einreisegenehmigung oder ein Sprachkurs, aber auch mehr als ein sicheres Bankkonto oder ein nationales Bewusstsein. Sie umfasst das ganze kompakte Lebensrecht, sie gebührt jedem und ist im Ausschlussverfahren, der Zurückweisung einiger weniger, der Verteidigung eines gewohnten Territoriums und gewohnter Vorrechte auf keinen Fall zu wahren. Bequemlichkeit und Angst vor Veränderung lässt diese Würde nicht zu. Sie fordert Gestaltungswillen von jedem, egal, auf welcher Seite er steht.

Iris Berben

Iris Berben, 66, ist eine deutsche Schauspielerin. Als 18-Jährige spielte Iris Berben in Kurzfilmen der Hamburger Kunsthochschule, bald darauf dreht sie unter der Regie von Rudolf Thome ihren ersten Kinofilm „Detektive“. Nur ein Jahr später – 1969 – hat sie in Klaus Lemkes „Brandstifter“ ihr Fernsehdebüt.

Bekannt wurde „die Berben“ durch viele Film- und Fernsehproduktionen, darunter als Kommissarin Rosa Roth, in „Die Guldenburgs“, „Die Patriarchin“ oder zuletzt „Die Mauer“. Seit 2010 ist sie Präsidentin der Deutschen Filmakademie.

Seit vielen Jahren erinnert Iris Berben in Lesungen wie „Hitlers Tischgespräche aus dem Führerhauptquartier“ oder „Verbrannte Bücher, verfemte Komponisten“ an das Dritte Reich und den Holocaust, die grausamsten Kapitel der deutschen Geschichte. „Man kann bei allem, was wir derzeit weltweit beobachten, zynisch und hart werden“, sagte Iris Berben kürzlich in einem Interview mit unserer Zeitung über ihr Engagement. „Ich möchte mit meinen Mitteln weicher werden.“