Waiblingen

Ja oder Nein zum Steg

Sieben Linden in Kernen Stetten
Hier könnte bald der „Skywalk“ stehen. Eingefangen hat diese Morgenstimmung an den Sieben Linden der WKZ-Leser Dr. Joachim Kauffmann. © Dr. Joachim Kauffmann

Kernen. Steg oder kein Steg? Über diese Frage dürfen nun rund 12 500 Kernener entscheiden. Bei dem für Sonntag angesetzten Bürgerentscheid können sie in zwölf Wahllokalen für oder gegen den umstrittenen Aussichtssteg am Naturdenkmal Sieben Linden stimmen. Besonders knifflig: Wer für den Steg ist, muss dabei mit Nein stimmen, die Gegner mit Ja.

Seit 2014 hatten die Kernener Gemeinderäte über den für die Gartenschau 2019 geplanten Aussichtssteg am Naturdenkmal Sieben Linden diskutiert. Am Sonntag sollen nun nach langem Hin und Her die Kernener Bürger entscheiden, ob der vom Architekturbüro Schlaich, Bergermann und Partner entworfene „Skywalk“ gebaut werden soll oder nicht. Die luftige Stahlkonstruktion hatte sich bei einem internen Wettbewerb des Planungsbüros gegen vier andere Entwürfe durchgesetzt. Sie soll etwa 18 Meter lang und am unteren Ende 1,20 Meter breit werden. Die 3,50 Meter breite Aussichtsplattform soll sechs Meter weit über die Hangkante hinausragen.

Aus Sicht der Befürworter wäre die Aussichtsplattform ein Zugewinn für Kernen, insbesondere für den Ortsteil Stetten. Bürgermeister Stefan Altenberger und Bauamtschef Horst Schaal zeigten sich von Anfang an begeistert, auch die CDU-Fraktion sowie die Mehrheit der UFW- und SPD-Fraktionen sprechen sich für den Bau aus. Der Steg erhöhe nicht nur die touristische Attraktivität des Standortes, sondern setze auch einem berühmten Stettener Sohn – dem Architekten Jörg Schlaich – ein weiteres Denkmal in seinem Geburtsort. Zudem sei der Eingriff in die Natur gering: Weder die geschützten Felsformationen an der Südseite des Plateaus noch die Magerwiesen oberhalb der dortigen Hangkante würden beeinträchtigt. Auch würde das „filigrane und unauffällige Bauwerk“ sich gut in die Landschaft einfügen – ein anderer Standort sei daher nicht denkbar.

Die Gegner des Stegs

Ganz anders sehen das die Gegner des Stegs: Nabu und BUND hatten bereits vor Veröffentlichung der genauen Planung den Bau eines Aussichtspunktes am Naturdenkmal kritisiert. Und auch der aktuelle Entwurf des „Skywalks“ stößt bei ihnen, wie auch bei OGL- und PFB-Fraktion, auf Ablehnung. Sie sehen die Sieben Linden durch Verkehr, Müll und Trubel gefährdet – durch einen „Ganzjahrestourismus“ werde der abgeschiedene, besondere Charakter des Ortes zerstört. Der sei zudem doppelt schutzwürdig: einerseits als Naturdenkmal, andererseits als flächenhaftes Biotop. Ihr Tenor: „Man sieht nachher auch nicht mehr als vorher.“ Anstoß nehmen die Steg-Gegner auch am Vorgehen der Verwaltung. Die Meinung der Bevölkerung sei zu lange außen vor gelassen worden, Absprachen hätten hinter verschlossenen Türen stattgefunden. Damit stellen sie vor allem auf die für den Bau veranschlagten Kosten ab: Die ursprünglich angesetzten 200 000 Euro sollen laut Gemeinderatsbeschluss mit Unterstützung von sechs örtlichen Unternehmen auf 100 000 Euro gedeckelt werden.

Tatsächlich war wegen dieses Umstandes die Abstimmung über den Bau des Stegs einmal wiederholt worden – wegen möglicher Befangenheit dreier Gemeinderäte beim ersten Beschluss, die mit ihren eigenen Unternehmen den Bau unterstützen wollen. Aber auch im zweiten Anlauf stimmte der Gemeinderat dem Bau des Stegs zu. Die Namen der anderen drei Unternehmer allerdings blieben der Öffentlichkeit weiterhin unbekannt.

Bereits nach der ersten Abstimmung hatten BUND und Nabu ein Bürgerbegehren angestrengt und Unterschriften gesammelt, um einen Bürgerentscheid über den Steg zu erwirken. Ein zwischenzeitlich von der Verwaltung angesetztes Verfahren, um den Bürgerentscheid selbst einzuleiten, wurde auf Antrag der OGL-Fraktion zugunsten der Unterschriftensammlung wieder abgesetzt. In der Folge erhitzte sich das Klima im Gemeinderat, die Fronten verhärteten sich. Ende Juli dieses Jahres schließlich stimmten die Gemeinderäte ab, und der Bürgerentscheid wurde aufgrund der 1643 gesammelten gültigen Unterschriften für November angesetzt. Auch die Namen der Unternehmen, die das Projekt mit ihrer Arbeitsleistung ehrenamtlich unterstützen wollen, wurden preisgegeben: Es handele sich um die Unternehmen Lederer, Sibabo, Bayer, Suk & Müller, Henning und Würthele, so Bürgermeister Altenberger.

Heiße Phase des Wahlkampfs: Plakate und zerstörte Gerüste

Rund einen Monat vor der Abstimmung ging der „Wahlkampf“ dann in die heiße Phase: Ein Schaugerüst an den Sieben Linden sollte die Maße des Aussichtsstegs veranschaulichen, wurde allerdings kurze Zeit später beschädigt. Plakate am Ortseingang von Rommelshausen warben für und gegen den Steg, und beide Seiten hielten Info-Veranstaltungen ab, um für den Bürgerentscheid zu mobilisieren. Inzwischen hat auch das Landratsamt den Stegentwurf vorgeprüft und keine grundlegenden Bedenken gegen den Bau angemeldet. Einzig ein Baumgutachten über die Wurzeln der Linden- und Eichenbäume steht laut Bauamtsleiter Schaal noch aus.

So läuft der Bürgerentscheid

In zwölf Wahllokalen können am Sonntag, 27. November, 12 515 Kernener Wahlberechtigte ihre Stimme abgeben.

Die Wahllokale sind von 8 bis 18 Uhr geöffnet, im Anschluss werden die Stimmen ausgezählt. Von 18 Uhr an werden die Ergebnisse im Erdgeschoss des Rathauses auf einem Bildschirm zu sehen sein. Das vorläufige Ergebnis liegt um 19 Uhr vor.

Online gibt es die Ergebnisse unter www.kernen.de zu sehen. Und auf zvw.de im Liveticker.

Bislang haben 1156 Kernener Briefwahlunterlagen beantragt. Auch diese Stimmen müssen bis spätestens Sonntag, 18 Uhr, im Rathaus vorliegen.

Um 20 Uhr tagt der Gemeindewahlausschuss, der das Wahlergebnis prüft und feststellt. Danach ist es amtlich.

Aufgepasst bei der Fragestellung! Beantwortet werden muss die Frage: „Sind Sie dafür, dass kein Aussichtssteg auf dem Naturdenkmal ,Sieben Linden’ gebaut wird?“ Wer also gegen den Steg ist, muss hier mit Ja antworten, Befürworter sollten Nein ankreuzen.

Quorum: Für eine gültige Entscheidung für oder gegen den Steg müssen mindestens 20 Prozent der Wahlberechtigten mit Nein oder Ja stimmen. Falls dieser Stimmenanteil weder von Gegnern noch Befürwortern des Stegs erreicht wird, muss der Gemeinderat nochmals über den Bau entscheiden.

Die Kosten für den Bürgerentscheid belaufen sich auf etwa 20 000 Euro, die genaue Summe wird im Nachgang von der Verwaltung bekanntgegeben.