Waiblingen

Jahresschau von Waiblinger Künstlergruppe

1/2
Eröffnung Kunstausstellung Zeitungsverlag_0
Der Maler Jan F. Welker vor seinem Jack Nicholson, der tief blicken lässt – in seine Augen. © Büttner/ZVW
2/2
_1
Michael Schützenberger beim Aufbau der Schau.

Waiblingen. Am Sonntagmittag ist im Zeitungshaus Waiblingen die Ausstellung der Waiblinger Künstlergruppe eröffnet worden. "Ohne die Ausstellung könnte es gar nicht Weihnachten werden", spielte der Waiblinger Oberbürgermeister Andreas Hesky auf die jahrzehntelange Tradition der Ausstellungen an, die am esten Advent eröffnet werden und so ein untrügliches Zeichen für das bevorstehende Weihnachtsfest seien. Eigentlich, so Hesky, sei Weihnachten in Waiblingen ohne die Vernissage der Künstlergruppe gar nicht vorstellbar.

Zur Tradition der Ausstellungseröffnungen gehören selbstverständlich die "Damenschenkel". Sie werden zum Wein gereicht.  Wer dabei frivole Gedanken hat, ist falsch gewickelt und entpuppt sich als Nicht-Einweihter der Waiblinger Ausstellungstradition. Es handelt es sich schlicht um ein Gebäck aus Mürbeteig. Doch die Damenschenkeln sind inzwischen so legendär wie die Ausstellung selbst, wie die Rede von Wolfgang Neuhaus zeigte. Er führte in die Ausstellung ein und widmete jedem der acht Künstler ein dreizeiliges Gedicht, dem japanischen Haiku angelehnt. Für Michael Schützenberger dichtete er:
"So groß auf der Leinwand von Schnipseln Papier.
Der Boxermotor hat Geburtstag
Damenschenkel."


Unser Redaktionsmitglied Jörg Nolle schrieb diesen Bericht über die neue Ausstellung, bei der nach Jahrzehnten erstmals Werke von Gehard Hezel, dem Mitbegründer der Waiblinger Künstlergruppe fehlten, wie auch Bilder von Klaus Hallermann. 

Der Bildhauer, der zeichnet und dabei nicht einfach eine Skizze macht. Dann die Malerin, die ein Objekt untersucht nach allen Regeln der Konzept-Kunst, um an akute gesellschaftliche Debatten anzuschließen. Die Waiblinger Künstlergruppe ist längst nicht auszurechnen, sie ist keine Lieferantin des Gewohnten. Das zeigt jetzt selten deutlich die Jahresschau im Zeitungshaus in Waiblingen.

Michael Schützenberger hatte sein Nebenbei-Auskommen als Lehrer an der Waldorfschule. Der brechen mitunter auch die Schülerzahlen weg, „ich bin jetzt wieder der Vollzeitkünstler“. Im guten wie im weniger gutverdienenden Sinne.

Aber es gibt dem 59 Jährigen Zeit, in seine eigene Schaffensgeschichte zu steigen. Dann kann er nicht anders, als eben doch begeistert zu sein von dem, was man im Akademieleben alles aufs Blatt und aufs Podest bringt. Alles lagert in seinem Bildhauerhof in Berglen-Streich. Jetzt holt er alte Mappen hervor. Studienarbeiten, die ihm zu denken geben. Weil sie gut sind. Weil sie seine Bandbreite zeigen. Der Bildhauer, als den man ihn nahezu ausschließlich wahrgenommen hat, ist ja nur eine Ausformung des komplexen Selbst.

Nichtzuletzt deshalb zeigt er neben neuen, halbabstrakten Köpfen aus Sandstein sehr Blockhaftes, aber eben beschränkt auf zwei Dimensionen. Was heißt das: beschränkt? Als Bildhauer kann er sich das Austoben eigentlich nicht leisten. Ein Schlag der unbedachten Art, und der Stein schrumpft schlagartig. Hier nun: Wie er das Hermetische eines mit Tusche geschwärzten „Quadratschädels“ oder „Blockkopfes“ durchbricht, erweitert, in den Raum des Papiers diffundieren lässt, das hat Kraft und Spannung. Wie kommt es, dass dem Blockkopf eine Kante ausfranst, diese sich als Linie verliert im Weiß des Bildraumes? Der Künstler spricht: „Ich denke an etwas Schönes, an etwas Schlimmes. Ich bete, bitte werde was.“ Bevor er den Stift ansetzt. So sucht er in sich den Moment für den „emotionalen Ausreißer“. „Das geht auch oft schief“. Aber es glückt immer wieder, hier sehen wir den Beweis.

An was sich Ertrinkende klammern

Monika Walter legt im Treppenaufgang fünf Tafeln vor. Signalrot, dazu, schwarz, technische Angaben in englischen Maßeinheiten. Weil alles Maritime auf die alte Seestreitmacht hört. Es sind die Angaben zu Schwimmwesten, wie wir sie auf Kreuzfahrtschiffen finden. Die Klassifizierung nach dem Lloyds-Register ist sehr genau. Je nach Gewicht und Größe der Schiffbrüchigen. Man kann diese Arbeit kaum anders lesen denn als Kommentar. Die Schiffbrüchigen, die bald Tag für Tag im Mittelmeer schwimmen, wären froh, sie könnten sich auch nur an eine Schweinsblase klammern. Ein zeitdiagnostisches Werk von klassischer Güte. Wie passend auch zur aktuellen Marcel Duchamps-Schau in der Staatsgalerie. Gewidmet dem Meister der Kunst, die sich im Kopf abspielt.

Klar ist es für Jan F. Welker auch ein nostalgisches Projekt, wenn er die Helden der Kinovergnügen seiner Jugend in groß zieht. Größer, weit größer als das Leben, wie die Amerikaner sagen. Aber jede prüfe sich selbst: „Das menschliche Gegenüber, das Porträt, das ist doch das, was uns fasziniert“, sagt er. Im Louvre müssen bald Stehplatzkarten ausgegeben werden, um hinter den Schatz-im-Silbersee-Blick von Mona Lisa zu kommen. Besondere Persönlichkeiten, hier sind es Jack Nicholson, Marilyn Monroe und Audrey Hepburn, ziehen uns auch besonders rein, ist er sich sicher. Er hat auch mal ein Jahr lang Kriegsbilder gemalt. Kein Käufer hat sich dafür entschieden, und unerwählte Bilder sind eher nicht existent.

Glanz, Glitzer, Grellheit

Man schaue den Porträtierten auf die Iris. Irritierend psychodramatisch gemalt. Sterne können eben auch verglühen. Was feststeht: Welker hat sein Handwerk, die Grundlage für die Menschenmalerei, gelernt. Aus seiner früheren Praxis als Restaurator kommt die Vorliebe für Eitempera und die Kunst, mit einer ganz und gar matten Peinture die Blicke aufzusaugen, in die Tiefe der Persönlichkeiten leiten.

Da überwältigt einer nicht auf die Schnelle mit Glanz, Glitzer, Grellheit.


Eröffnung

Die Ausstellung wird eröffnet diesen Sonntag, 2. Dezember, 11.15 Uhr im Zeitungshaus in Waiblingen, Albrecht Villinger Straße 10. Zu sehen bis zum 11. Januar montags bis donnerstags von 8 bis 17 Uhr, freitags bis 16.30 Uhr.

Die Ausstellenden: Sibylle Bross, Birgit Entenmann, Wolfgang Jaehrling, Albrecht Pfister, Michael Schützenberger, Diethart Verleger, Monika Walter, Jan F. Welker.