Waiblingen

Jana Daur ist Deutsche Meisterin im Diskutieren

Mit der Kraft des guten Arguments_0
Jonathan Schackert (15) und Jana Daur (17) wissen mit Sachverständnis und Fairness zu überzeugen. © Schneider / ZVW

Waiblingen. 200 000 Schüler aus der ganzen Republik nehmen jährlich am Wettbewerb „Jugend debattiert“ teil. Zu den Siegern gehören gleich zwei junge Leute aus dem Remstal: Die 17-jährige Jana Daur aus Waiblingen schaffte den ersten Platz und der 15-jährige Jonathan Schackert vom Remstal-Gymnasium wurde in seiner Altersstufe Zweiter.

Auf Fakten und überzeugende Argumente zu bauen statt auf dumpfes Bauchgefühl und polternde Lautstärke – das ist eine Tugend, die besonders in der heutigen Zeit gepflegt sein will. Als eine Art deutsche Meisterin in der Kunst des fairen Streitgesprächs darf sich Abiturientin Jana Daur aus Waiblingen verstehen.

Beim baden-württembergischen Landesfinale in Stuttgart war sie noch auf Platz zwei gelandet (wir berichteten), beim Bundesfinale in Berlin gelang ihr nun der Sprung an die Spitze. Niemand hätte damit weniger gerechnet als sie selbst.

Denn zwar waren den Teilnehmern die möglichen Themen seit zwei Wochen bekannt, mit der ernsthaften Vorbereitung begann die 17-Jährige jedoch erst bei der Zugfahrt. Der verständliche Grund: „Das Englisch-Abi hatte Priorität.“ Trotzdem konnte sie die Jury um TV-Moderatorin Sandra Maischberger überzeugen. Und das, obwohl laut Jana „viele gut waren und den ersten Platz verdient hätten“.

Schulfeste verschieben wegen des Fastenmonats Ramadan?

„Soll der Fastenmonat Ramadan bei der Planung von Schulveranstaltungen berücksichtigt werden?“ – über diese Fragen hatte die Salier-Gymnasiastin zu debattieren. Der Clou am Wettbewerb: Die Teilnehmer dürfen nicht selbst entscheiden, ob sie die Pro- oder Contra-Seite vertreten. Nur der Zufall wollte es, dass sie mit „Nein“ ihre tatsächliche Ansicht vertrat: Eine bloße Verschiebung von Schulveranstaltungen helfe niemandem weiter.

Da Integration ein langfristiger Prozess sei, sollten Schulen viel mehr über unterschiedliche religiöse Hintergründe aufklären. Das Problem eines möglichen Leistungsabfalls von Schülern in der Fastenzeit werde durch solche Maßnahmen ohnehin nicht berührt.

Der Islam erlaube überdies ein Aussetzen des Fastens für eine bestimmte Zeit. Grundsätzlich argumentiert Jana übrigens lieber für die Gerenseite: „Man muss versuchen, sich selbst zu überzeugen.“ In vorhergehenden Runden stritt sie für ein Verbot von Wegwerf-Plastik wegen der Verunreinigung der Weltmeere und - mit Rücksicht auf die „postmortale Selbstbestimmung“ – gegen das schwedische Organspendermodell, wonach zum Spender werden kann, wer zu Lebzeiten nicht widerspricht.

Informationen aus zuverlässigen Quellen

Wenn sie am Montag ihre Abi-Ergebnisse erfährt, wird das Thema Schule für die Siegerin erledigt sein. Zwar will sie sich später in Richtung Journalismus orientieren, peilt zunächst aber ein Jurastudium an. Wie Jonathan Schackert darf sie am Alumni-Programm von „Jugend debattiert“ mitmachen und verschiedene Jobs rund um den Wettbewerb annehmen.

Zusätzlich besucht sie das internationale „Jugend debattiert“ mit Deutsch als Fremdsprache in Bratislava – und sitzt 2019 beim Bundesfinale in Berlin in der Jury. Die begleitenden Rhetorikkurse haben ihr Argumentationsvermögen und besonders ihr Selbstbewusstsein gestärkt.

„Man lernt, sich über zuverlässige Quellen zu informieren.“ Wikipedia und soziale Netzwerke gehören nicht dazu. „Ich traue mich jetzt, eine eigene Meinung zu haben und diese auch zu äußern.“ Von plumpen Laut-Sprechern lässt sie sich nicht mehr so leicht in die Tasche stecken.

„Sollen Kinderrechte ins Grundgesetz aufgenommen werden?“ – Das war die Frage im Schlussduell der Klassenstufen acht bis zehn, in dem Jonathan Schackert aus Beutelsbach nach Jury-Votum der Brandenburgerin Johanna Liebe unterlag. Der 15-Jährige verwies auf die UNO-Menschenrechtskonvention und auf erschütternde Zahlen, wonach in Deutschland jede Woche drei Kinder durch Gewalt oder Vernachlässigung sterben.

In den Runden davor sprach sich der Remstal-Gymnasiast, der geschliffen formulieren kann, gegen den Boykott der Fußball-WM durch westliche Politiker aus. Sie sollten die Chance nutzen, um die russische Opposition zu stärken. Mit Platz zwei ist Jonathan nach eigenem Bekunden zufrieden, Jana hingegen insistiert: „Er hätte den ersten verdient.“


Jugend debattiert

Debattiert wird auf verschiedenen Ebenen: Vom Schul- über den Regional- und Landeswettbewerb bis hin zum Bundeswettbewerb, bei dem jedes Jahr die besten Debattanten in Berlin aufeinandertreffen. Bewertet wird nach vier Kriterien: Sachkenntnis, Ausdrucksvermögen, Gesprächsfähigkeit, Überzeugungskraft.

Was das Ganze soll? Dazu die Veranstalter von der Hertie-Stiftung: „Gute Debatten sind eine Voraussetzung lebendiger Demokratie und eines gelingenden Zusammenlebens in unserer vielfältigen Gesellschaft.“ Debattanten müssen sich präzise ausdrücken können und einander zuhören.