Waiblingen

Jugendlicher trickst Pädophilen aus Waiblingen aus - der landet vor Gericht

amtsgericht Waiblingen
Symbolfoto. © ZVW/Büttner

Wegen versuchten sexuellen Missbrauchs eines Jugendlichen und Besitzes kinder- und jugendpornografischer Schriften ist ein 61-Jähriger vom Amtsgericht Waiblingen zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und zehn Monaten verurteilt worden. Er muss außerdem eine Therapie machen, wenn das Urteil rechtskräftig wird.

Der Angeklagte aus Waiblingen hatte im Dezember 2019 auf einer Internetplattform einen damals 14-jährigen Jugendlichen kennengelernt, der sich als fünfzehn Jahre alt ausgab und Kontakt zu älteren Männern suchte. Die beiden verabredeten sich zu einem Stelldichein in den Korber Weinbergen, bei dem der Junge an dem Angeklagten gegen Zahlung von 20 Euro sexuelle Handlungen vornehmen sollte.

Jugendlicher rennt mit Geld davon

Der Angeklagte fuhr mit dem Auto zu dem vereinbarten Treffpunkt, der Jugendliche kam zu Fuß. Bevor er ins Auto stieg, verlangte er, das vereinbarte Geld zu sehen. Als der Angeklagte ihm einen 20-Euro-Schein entgegenhielt, griff er durchs offene Autofenster, krallte sich flugs den Schein und rannte davon.

Der Mann versuchte, ihn auf den geteerten Weinbergstraßen mit dem Auto zu verfolgen - ein Unterfangen, das er jedoch nach kurzer Zeit aufgab. Der flüchtende Jugendliche begegnete einer Spaziergängerin, der er aufgeregt sein Erlebnis beichtete, woraufhin sie die Polizei alarmierte.

Polizei findet Jugendlichen dank Zeugin

Anhand der genauen Beschreibung der Frau gelang es den zuständigen Beamten des Waiblinger Reviers, den Jugendlichen in kurzer Zeit zu ermitteln. In drei Gesprächen, in denen man sich, so einer der Beamten im Zeugenstand, von der „Räuberpistole“, die der Jugendliche zunächst präsentierte, nach und nach zur Wahrheit vortastete, kam heraus, dass er dieses Verfahren nicht zum ersten Mal praktizierte.

Die Polizei ermittelte den späteren Angeklagten über den Chatverlauf, dessen E-Mail-Adresse und Facebook-Profil.

Tausende Bilder und Filme

Bei der Vernehmung durch die Polizei zeigte sich der Angeklagte geständig. Er erklärte, dass er den Jugendlichen aufgrund eines Fotos allerdings auf sechzehn oder siebzehn Jahre geschätzt habe. Weiter räumte er ein, dass man bei ihm daheim „etwas“ finden werde, „normale Sachen“, die man im Internet frei herunterladen könne, ohne dafür bezahlen zu müssen. Nacktbilder, keine Bilder, auf denen sexuelle Handlungen dargestellt seien.

Tatsächlich fanden die Polizisten dann auf Handy, Laptop, Festplatte sowie 45 Sticks und Speicherkarten mehr als 3400 Bilder und Filme, darunter sehr wohl auch welche, auf denen sexuelle Handlungen von und an Kindern und Jugendlichen abgebildet waren.

Mann räumt Pädophilie ein

Er habe eine pädophile Neigung, räumte der Angeklagte dem Gericht gegenüber ein, aber er versuche, sie nicht in der Realität auszuleben, nur daheim am Computer. Seit der Sache mit dem Jungen lasse er die Finger davon, auf seinem Computer befinde sich nichts mehr.

Bei der Hausdurchsuchung habe seine Mutter einen Zusammenbruch erlitten. Er selbst lebe seit nun zweieinhalb Jahren unter der Last des drohenden Prozesses, leide unter massiven Schlafstörungen. Er habe sich mittlerweile an drei Sexualtherapeuten wegen einer Therapie gewandt, doch die hätten ihn alle abgewiesen, er solle in zwei Jahren wiederkommen.

Ähnlich ergehe es einem, wenn man einen Psychiater um Hilfe bitte. Hier bekomme man ein „Hoffnungslos überbelastet“ zur Antwort. Die einzigen Menschen, mit denen er darüber reden könne, seien Vater und Mutter.

Anwalt: Gefängnis hilft nicht

Mucksmäuschenstill wurde es dann für einen Moment im Gerichtssaal, als die Vertreterin der Staatsanwaltschaft in ihrem Plädoyer für den Angeklagten eine Gefängnisstrafe von zwei Jahren und sieben Monaten forderte. Ihrer Argumentation schlossen sich dann allerdings weder der Verteidiger des Angeklagten noch das Gericht an.

Der Rechtsanwalt des an dem Verfahren als Nebenkläger beteiligten Jugendlichen verzichtete auf ein Plädoyer.

Richter: „Bilder sofort löschen“

Er glaube nicht, dass Gefängnis dem Angeklagten helfen würde, begründete der Vorsitzende Richter Martin Luippold die Entscheidung des Gerichts, „aber Sie standen kurz davor! Sie müssen aktiv Ihren Neigungen entgegenwirken. Wenn Ihnen jemand ein Bild schickt, dann löschen Sie es sofort. Wenn Sie es laden, dann wird es auch gefunden werden“.

Für den Angeklagten spricht laut dem Richter, dass er geständig sei und bei der Wahrheitsfindung mitwirkte, auch in der Gerichtsverhandlung. Ihm wurde auch zugutegehalten, dass er so lange Zeit unter der Last des Verfahrens leben musste, therapiewillig sei und in einem stabilen sozialen Umfeld fest integriert, seit Jahrzehnten auch ehrenamtlich engagiert sei.

Zahlung an Kinderschutzbund

Deshalb sei es auch möglich, die Freiheitsstrafe für drei Jahre zur Bewährung auszusetzen.

Zwei Jahre lang werde der Angeklagte einem Bewährungshelfer unterstellt, er habe sich bei einer, vom Anwalt des Nebenklägers empfohlenen, Einrichtung um einen Therapieplatz zu bewerben. Außerdem muss der 61-Jährige 4000 Euro an den Kinderschutzbund zahlen, dazu die Kosten des Verfahrens, die eigenen Auslagen und die des Nebenklägers. „Das Wesentliche ist die Therapie“, so der Richter. „Uns ist wichtig, dass Sie eine Therapie antreten und sich helfen lassen.“

Der Verurteilte kann noch Rechtsmittel einlegen.

Wegen versuchten sexuellen Missbrauchs eines Jugendlichen und Besitzes kinder- und jugendpornografischer Schriften ist ein 61-Jähriger vom Amtsgericht Waiblingen zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und zehn Monaten verurteilt worden. Er muss außerdem eine Therapie machen, wenn das Urteil rechtskräftig wird.

Der Angeklagte aus Waiblingen hatte im Dezember 2019 auf einer Internetplattform einen damals 14-jährigen Jugendlichen kennengelernt, der sich als fünfzehn Jahre alt ausgab

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