Waiblingen

Jugendlicher wegen Ohrfeigen verurteilt

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Justitia in Waiblingen: Was ist gerecht? Symbolfoto. © Joachim Mogck

Waiblingen. Ein 19-Jähriger aus Kernen ist am Amtsgericht zu zwei Wochen Jugendarrest verurteilt worden, weil er zwei Jüngeren „Respektschellen“ gegeben hat, wie er es nennt. Helfen lassen will sich der junge Mann nicht, der täglich ein, zwei Gramm Gras raucht, keinen festen Job hat und schon mehrfach auf der Anklagebank saß.

Es gibt Angeklagte, die haben ihren Opfern weit Schlimmeres angetan als der 19-jährige Kernener und wandern nicht ins Gefängnis. Einen Schlag mit der flachen Hand, einen eher leichten mit der Faust mussten die 14 und 15 Jahre alten Jungen einstecken, von denen der junge Mann das Fahrrad seiner Mutter zurückforderte, beziehungsweise eine Entschädigung von 50 Euro. Die beiden hatten das Rad eine Zeit lang bei sich aufbewahrt, ehe es verschwand, wollten nicht dafür bezahlen und bekamen die Abreibung. Außerdem schnappte sich der Fellbacher, vorbestraft unter anderem wegen Diebstahls und Körperverletzung, die Tretroller der beiden, quasi als Pfand. Später bekamen die Jungs die Roller zurück.

Auf Hilfsangebote nicht reagiert

Das, was sich auf dem Fellbacher Spielplatz im März zugetragen hat, reicht normalerweise nicht aus für eine Verurteilung zu Jugendarrest. Das Jugendstrafrecht, das auf Erziehung, nicht nur auf Bestrafung abzielt, kennt viele Instrumente: Arbeitsstunden, Verhaltenstrainings, Beratungsgespräche, Sozialarbeiter als Alltagshelfer – all das wird Jugendlichen aufgebrummt, die sich falsch verhalten haben.

Beim 19-jährigen Kernener ist jedoch Ende der Fahnenstange. Nach seiner jüngsten Verurteilung im Januar wegen Körperverletzung hat er die ihm auferlegten Gesprächstermine beim Projekt „Chancensprung“ einfach verstreichen lassen. Deshalb wird er in zwei Wochen sieben Tage lang eingesperrt – Jugendarrest. Auch auf die Hilfsangebote der Jugendgerichtshelferin hat er nicht reagiert. Und nun kommen noch einmal zwei Wochen Arrest für die Schläge im März oben drauf.

„Keinen Bock“

„Warum waren Sie nicht bei den Gesprächen? Keine Lust?“, fragt die Richterin. „Keine Zeit“, antwortet der Angeklagte. Um dann auf Nachfrage, was er den ganzen Tag treibe, erst „Gar nichts“ und dann „Youtube, dies und das“ zu antworten. Und noch tiefer in seinem Stuhl zu versinken.

Nach der Hauptschule hatte der junge Mann, offenbar ein talentierter Action-Sportler, der mit Videos im Internet ein kleines Taschengeld verdient, versucht, eine Ausbildungsstelle zu finden, war aber gescheitert. An zwei Schulen brach er vorzeitig ab. Der plötzliche Tod seines Vaters warf ihn vollends aus der Bahn.

„Wie soll’s weitergehen, große Chancen können wir Ihnen nicht mehr anbieten“, fragt Richterin Bayer-Debak. Die Antwort: „Hab ich auch keinen Bock drauf.“

Angeklagter kifft täglich ein bis zwei Gramm

Eines muss man dem 19-Jährigen lassen, er ist augenscheinlich eine ehrliche Haut. Die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft räumt er ohne Umschweife ein. Reue lässt er allerdings nicht erkennen: „Respektschellen“ habe er den Jungs erteilt.

Ähnlich verhält es sich mit seinem Marihuana-Konsum. Auch wenn der Mann, der eher wirkt wie ein 15-, 16-Jähriger, offenbar eingesehen hat, dass er zu viel kifft: ein bis zwei Gramm, jeden Tag.

Urteilsspruch wird von trotzigem Gemurmel begleitet

„Trinken Sie Alkohol?“, fragt der Staatsanwalt. – „Nein, nur ganz wenig.“ – „Aber Sie kiffen?“ – „Ja.“ – „Das merkt man. Haben Sie heute schon was geraucht?“ – „Nein, gestern.“ Der Staatsanwalt bohrt weiter: „Sie sind gleichgültig, hängen nur rum, haben auf nichts Bock.“ – „Sie schätzen mich falsch ein.“ – „Ihnen ist es völlig egal, ob Sie in Arrest gehen ...“ – „Ja.“ – „Das meine ich.“ Vielleicht, sagt der junge, täte ihm Arrest sogar gut, quasi als Entzug.

Weil sich quasi keine andere Maßnahme vollstrecken lässt, beantragt der Staatsanwalt, auf den anstehenden einwöchigen „Entzug“ noch zwei Wochen Arrest draufzusetzen. Die Richterin geht mit, ihr Urteilsspruch wird von trotzigem Gemurmel begleitet. Vielleicht, hofft Bayer-Debak, öffne sich ja in den Wochen ohne Gras die „Blase an Gleichgültigkeit, die Sie umgibt.“