Waiblingen

Jugendsprache: „Weißt du, was du da sagst?“

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Freundliches Kernen: Dieses Motto ist Mark Gutwinski in der Jugendarbeit wichtig. © Schneider / ZVW

Kernen. „Hurensohn“, „Fick dich“: Harte Worte fallen fortwährend unter Jugendlichen. Oft sind sie nicht so gemeint, wie es der Duden vermuten lassen würde. Mark Gutwinski und Kristina Bredow vom Mobilen Jugendreferat Kernen sind überzeugt: Jugendliche müssen und können lernen, was sie da eigentlich sagen. Bredow: „Manchmal ist ihnen gar nicht klar, wie’s ankommt.“

A: „Haha, verarscht!“ B: „Boah, du Hurensohn!“ – A: „Na, du hast gestern ‘ne ganz schöne Abfuhr kassiert, was?“ B: „Ach, fick dich.“ – A: „Hey, kennst du den: Rollt ‘ne Kugel um die Ecke und fällt um.“ B: „Alter, du bist so behindert.“

Drei Bruchstücke von Gesprächen, wie sie seit einigen Jahren unter vielen Jugendlichen gang und gäbe sind. Gespickt mit Worten, bei denen Eltern, Pädagogen und unbeteiligte Zuhörer bisweilen schmerzlich das Gesicht verziehen. Dieser routinierte Einsatz von Schimpfwörtern und Pöbeleien – muss der sein? Und: Müssen Zuhörer ihn einfach schlucken?

Das Gespräch suchen

Nicht unbedingt. „Man kann sagen: Da hast du jetzt eine Grenze überschritten“, findet der Sozialarbeiter Mark Gutwinski. Er begegnet in seiner Arbeit beim Mobilen Jugendreferat Kernen nicht ständig, aber doch immer wieder Pöbelklassikern wie „Hure“ und „Hurensohn“.

Gutwinskis Reaktion hängt von der Situation ab. Wenn unter Freunden neckisch solche Worte fallen, lässt er sie durchgehen. Er mischt sich erst ein, wenn Ausdrücke enervierend häufig fallen oder beleidigend aufgefasst werden könnten. Dann sucht er das Gespräch, um zu erklären, was ein Wort eigentlich heißt und warum sich andere dadurch angegriffen fühlen können. Wenn Ausdrücke gezielt beleidigen sollen oder im Streit fallen, setzt er kategorisch Grenzen.

Häufig reicht es schon, Rückmeldung zu geben, um Jugendliche zum Nachdenken anzuregen. „Ihnen ist manchmal gar nicht klar, wie’s ankommt“, erklärt Gutwinskis Kollegin Kristina Bredow. „Oft ergeben sich dann Missverständnisse.“ Während ihrer Zeit als Schulsozialarbeiterin hat sie erlebt, wie aus solchen Missverständnissen verbale Auseinandersetzungen wurden. Denn was unter Freunden akzeptabel sein mag, ist es noch lange nicht unter Fremden.

Gerade in der fünften und sechsten Klasse, wenn Schüler neu zusammengewürfelt werden, bietet die Sprache einigen Zündstoff. „Da müssen die Schüler noch einen gemeinsamen Nenner finden.“

Strafen verteilen

An Orten wie der Schule findet es Gutwinski richtig, auch Strafen zu geben, wenn Jugendliche über die Stränge schlagen. Zum einen, weil Lehrer nicht die Kapazitäten haben, jeden Schüler beiseitezunehmen, dem der angemessene Sprachfilter fehlt. Zum anderen, weil es Kontexte gibt, in denen so etwas einfach nicht geht, in denen niemandem ein lockeres „Alter, was geht?“ und erst recht kein genervtes „Verpiss dich!“ entgegengeschleudert gehört. Dazu gehört die Schule, später der Beruf.

Diese Grenze immer wieder aufzuzeigen, findet Gutwinski deshalb ungeheuer wichtig. In seiner Erfahrung sind unangemessene Worte häufig nicht so böse gemeint, wie sie klingen: „Oft wird einfach nicht nachgedacht und übers Ziel hinausgeschossen.“ Umso wichtiger, früh ein Gefühl dafür zu entwickeln, wann welches Verhalten angebracht oder unangebracht ist.

Orte wie das Milchhäusle sieht Gutwinski dafür als ein „soziales Übungsfeld“. Das Jugendhaus hat eine lockere Atmosphäre, die Mitarbeiter haben einen Draht zu ihren Schützlingen. Da können Jugendliche die Jugendarbeiter schon mal kumpelhaft als „Digga“ („Dicker“) ansprechen oder locker als „Babo“ bezeichnen, also als „Chef“ (von bosnisch „Babo“ und türkisch „Baba“, zu Deutsch: „Vater“). Doch sie lernen auch, dass manche Worte für Erwachsene kein Spaß sind. Und prägen es sich ein, da ihnen an einem guten Klima im Jugendhaus gelegen ist – mehr als an ihrem Jugendsprech.

Jugendwort 2016

Wie kreativ und harmlos Jugendsprache sein kann, zeigt die Vorabstimmung zur Langenscheidt-Initiative „Jugendwort des Jahres“. Am 18. November wählt die Jury aus den zehn meistgewählten Begriffen den Sieger.

In der Top zehn: „Bambusleitung“ als Begriff für eine schlechte Internetverbindung (Platz vier), „Hopfensmoothie“ für Bier (Platz drei) sowie „isso“, also ein zustimmendes, bekräftigendes „(Das) ist so“, auf Platz eins.