Waiblingen

Junge Männer am Steuer: Hohes Risiko

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Fahrschule absolviert, Führerschein in der Tasche: Nun folgen die sieben risikoreichsten Jahre in der Autofahrerkarriere. © Büttner / ZVW

Waiblingen. Junge Männer am Steuer gelten als Hochrisikogruppe. Sie alle als dem Alkohol zugeneigte Bleifuß-Fraktion zu verunglimpfen, wäre unfair. Dennoch: Fahranfänger sind vergleichsweise häufig in schwere Unfälle verwickelt. Obwohl sie den Führerschein zunächst nur auf Probe erhalten und für Anfänger die Nulltoleranz-Grenze bei Alkohol gilt. Ob’s was nützt?

Fakt ist: Die Zahl der Unfälle mit Fahranfängern geht seit Jahren deutlich zurück. „Die Probezeit hat sich bewährt“, heißt es beim Kraftfahrtbundesamt. Fakt ist laut der Behörde aber auch: 20 000 Fahranfänger verlieren in Deutschland pro Jahr ihre Fahrerlaubnis vor Ablauf der Probezeit.

Fahranfänger muss sich erst zwei Jahre bewähren

Mit welchen Konsequenzen ein 18-jähriger Golf-Fahrer rechnen muss, der kürzlich in Fellbach filmreife Szenen hingelegt hat, ist noch offen. Der junge Mann war in eine Verkehrskontrolle geraten, hielt aber nicht an. Er quetschte sich mit seinem Wagen an einem Metallpfosten vorbei, hängte die Polizei vorerst ab und blieb schließlich im Garten einer Kindertagesstätte stehen.

Von solchen Fällen erfährt prompt die Führerscheinstelle. Ein Fahranfänger muss sich erst zwei Jahre bewähren, bevor er wie alle anderen Autofahrer behandelt wird. Flucht vor der Polizei trägt während der Probezeit (und auch sonst) nicht zur Vertrauensbildung bei.

Auf Schwere und Anzahl der Verstöße kommt es an

Ob ein junger Fahrer seinen Führerschein gleich wieder abgeben muss, hängt von Schwere und Anzahl seiner Verstöße ab: Zur Nachschulung muss, wer sich eines schwerwiegenden Verstoßes schuldig macht. Handy am Steuer gilt als schwerwiegendes Fehlverhalten, ebenso Alkohol oder 20 Stundenkilometer zu schnell. Als weniger schwerwiegend gilt beispielsweise, wenn die Reifen abgefahren sind oder das Auto keinen Tüv mehr hat. Verstöße dieser Art darf sich ein Fahranfänger zweimal leisten, bevor er zum Aufbauseminar geladen wird. Leistet sich der junge Autofahrer danach noch mal einen schwerwiegenden oder zwei weniger schwer wiegende Verstöße, folgt eine Verwarnung samt Aufforderung, sich – freiwillig – einer psychologischen Beratung zu unterziehen.

385 Fahranfänger mussten 2017 zum Aufbauseminar

Wer sich danach erneut etwas zuschulden kommen lässt – verliert den Lappen. Frühestens nach drei Monaten gibt die Führerscheinstelle das Dokument wieder heraus. Zudem verlängert sich die Probezeit um weitere zwei Jahre.

Im Jahr 2017 mussten im Rems-Murr-Kreis laut Landratsamt 22 Fahranfänger ihren Führerschein abgeben (freiwilliger Verzicht mit eingerechnet). Im Jahr davor war’s einer mehr. Zum Aufbauseminar beordert wurden im vergangenen Jahr 385 Fahranfänger im Rems-Murr-Kreis, 17 weniger als 2016.

Die Aufbauseminare unterscheiden sich. Verkehrspsychologen leiten kleine Gruppen von Delinquenten, die unter Alkohol- oder Drogeneinfluss Auto gefahren sind. Drei mal drei Stunden sind zu absolvieren. Fahrlehrer diskutieren in den gewöhnlichen Aufbauseminaren Ursachen fürs Fehlverhalten, und die Teilnehmer müssen sich in einer Fahrprobe bewähren.

 

Laut Landratsamt wird die Art der Verstöße, deretwegen Fahranfänger zur Nachschulung müssen, nicht statistisch erfasst. Genaue Daten gibt’s zu den Ursachen, die zu Unfällen der Fahranfänger führen. Die ADAC-Unfallforschung nennt diese häufigsten Unfallursachen:

  • mangelnde Fahrpraxis bzw. fehlende Routine in Grenzsituationen
  • Fehleinschätzung der Verkehrssituation
  • unangepasste Geschwindigkeit

Typisch für Fahranfänger seien Alleinunfälle vor allem in Kurven. Das Risiko, als junger Verkehrsteilnehmer im Alter zwischen 18 und 25 Jahren getötet zu werden, sei mindestens doppelt so hoch, verglichen mit dem Risiko aller anderen Autofahrer. Nicht nur die Fahrer, auch die Fahrzeuge spielen eine Rolle: Laut Statistiken steuert ein Anfänger einen Wagen, der mehr als zehn Jahre alt und deshalb in Sachen Sicherheit nicht auf dem neuesten Stand ist. Dringend rät der ADAC, grade am Anfang der Autofahrerkarriere ein Fahrzeug mit ESP zu wählen. ESP steht für elektronisches Stabilitätsprogramm und soll verhindern, dass ein Auto ins Schleudern gerät und der Fahrer daraufhin die Kontrolle verliert. Front-, Seiten- und Kopfairbags sollten außerdem vorhanden sein.

Junge Männer sind laut Statistischem Bundesamt deutlich stärker gefährdet als junge Frauen, tödlich zu verunglücken: 73,2 Prozent der tödlich verletzten jungen Insassen in einem Auto waren 2016 Männer, knapp 27 Prozent Frauen.


Tödliche Unfälle: Starker Rückgang

4457 Personen haben im Jahr 2017 im Rems-Murr-Kreis einen Führerschein erstmals erhalten (2016: 4606).

Im Rems-Murr-Kreis ereigneten sich im Jahr 2016 genau 892 Unfälle mit Beteiligung junger Fahrer. Im Jahr davor waren es 924 Unfälle, wie aus der Jahresstatistik 2016 des Polizeipräsidiums Aalen hervorgeht.

Das Statistische Bundesamt widmet den Fahranfängern ein eigenes Kapitel. Einige Daten zu den Jahren 2016 und 2015:

18- bis 24-jährige Verkehrsteilnehmer haben demnach das mit Abstand höchste Unfallrisiko im Straßenverkehr. Im Jahr 2016 verunglückten in Deutschland insgesamt 65 908 junge Männer und Frauen dieser Altersgruppe. 435 junge Erwachsene wurden getötet, davon 343 männlich. Damit waren 16,5 Prozent aller Verletzten und 13,6 Prozent aller Getöteten im Straßenverkehr im Alter von 18 bis 24 Jahren, obwohl nur jeder 13. der Gesamtbevölkerung dazuzählte.

In den späten Abend- und Nachtstunden des Wochenendes, ab 22 bis 24 Uhr sowie samstags und sonntags zwischen 0 und 7 Uhr verunglückten 2016 sehr viele junge Leute tödlich. In diesen 18 Stunden des Wochenendes kam jeder Fünfte der 435 im Jahr 2016 bei Verkehrsunfällen getöteten 18- bis 24-Jährigen ums Leben.

Langfristig ist ein deutlicher Abwärtstrend zu beobachten: Seit 1991 ist die Zahl der verunglückten 18- bis 24-Jährigen um die Hälfte von 134 764 auf 65 908 Personen in 2016 zurückgegangen. Im Vergleich zum Jahr 1980 ist in Deutschland die Zahl der verunglückten 18- bis 24-Jährigen sogar um fast 60 Prozent, die der getöteten um fast 90 Prozent gesunken.

Bezogen auf die Einwohner ihrer Altersgruppe starben 2015 in Deutschland 76 Menschen im Alter von 18 bis 24 Jahren je eine Million Einwohner. Mit diesem Wert lag Deutschland an neunter Stelle innerhalb der Mitgliedstaaten der Europäischen Union: Schlusslicht ist Bulgarien, die wenigsten Toten hatte Schweden zu beklagen.