Waiblingen

Künstliche Intelligenz im Produktionsbetrieb bei Syntegon

Syntegon
Über eine Cloud-Lösung können ganze Produktionslinien überwacht werden, um mögliche Performance-Defizite zu erkennen. © Gabriel Habermann

Abfüllen, inspizieren, verpacken – seit über 50 Jahren produziert das Waiblinger Unternehmen Syntegon Maschinen für die Pharma- und Nahrungsmittelindustrie. Künstliche Intelligenz ist dabei nicht mehr wegzudenken. Besonders bei Medikamenten und Lebensmitteln muss jeder Schritt sitzen, damit das Produkt auch wirklich beim Kunden ankommt - und nicht in den Müll wandert.

Wenn ein Schokoriegel verpackt wird, müssen viele Dinge beachtet werden: Hat der Riegel die Qualität, die der Kunde erwartet? Ist die Verpackung luftdicht verschlossen? Oder ist der Riegel doch Ausschuss? Damit die Produktion reibungslos verläuft, müssen alle Maschinen einwandfrei arbeiten. Aufgaben, für die Menschen mehrere Monate brauchen, können durch Digitalisierung innerhalb von Millisekunden gelöst werden.

Damit das funktioniert, rüstet Syntegon die Produktionen der Firmen um und hilft ihnen bei der Digitalisierung. Statt Maschinen von der Stange bekommen die Kunden eine auf sie zugeschnittene Gesamtlösung, die alle Produktionsschritte abdeckt.

Wenn Firmen digital produzieren wollen, mache es keinen Sinn, nur eine einzelne Maschine zu kaufen, sagt Claude Eisenmann. Für den Leiter des Bereichs „Digitale Lösungen“ ist klar, dass Digitalisierung nur funktioniert, wenn die gesamte Wertschöpfungskette – also jeder einzelne Produktionsschritt – angepasst wird. „Wenn ein Kunde eine Verpackungsmaschine für Riegel kaufen will, kann er auch direkt die Backöfen mit begutachten lassen“, erklärt er.

Weil Syntegon keine Küchengeräte herstellt, arbeiten die Waiblinger eng mit anderen Firmen zusammen – und können so alle Produktionsbereiche untersuchen. Die Expertise von Syntegon liegt nämlich im Maschinenbau. Das Wissen, das fehlt, wird durch Partnerfirmen eingeholt, sagt Eisenmann: „Damit hat der Kunde den größten Mehrwert.“ Das „Ökosystem an Partnern“ sei der beste Weg, um die ideale Lösung für die Produktionsumrüstung zu gewährleisten.

Maschinen-Know-how wichtiger als Software

Künstliche Intelligenz – genauer gesagt Machine and Deep Learning – soll die Produktivität der Kunden steigern. Zum einen kann durch die gelernten Prozesse erkannt und vorhergesagt werden, ob die Qualität eines Produkts weiterhin gut bleibt, wenn die Maschine so weiterläuft wie bisher. Zum anderen können auch Unregelmäßigkeiten in der Produktion erkannt werden. Ausschuss, also unnötiger Produktionsabfall, kann vermieden werden.

Die Modelle kommen meist von Start-ups. Diese haben kreative Ideen, die bereits erprobt sind, sagt Eisenmann. Denn für das Unternehmen selbst sei es wichtiger, das Maschinen-Know-how zu haben, um das gezielt in die Modelle einzuspeisen. Wie bei einem Baukasten werden diese KI-Modelle in die Geräte eingesetzt. Bevor die Maschinen dann an einen Kunden verkauft werden, finden Praxistests statt. Spezialisten untersuchen die Vorhersagen und prüfen, ob diese überhaupt der Wahrheit entsprechen.

Auch bei den zackigen Kanten von Schokoriegelverpackungen, den Siegelbacken, kommt Machine Learning zum Einsatz. Denn wenn das Messer, das die Verpackung schneidet, nicht mehr scharf genug ist, kann der Riegel nicht luftdicht verschlossen werden. Passiert das, verringert sich das Mindesthaltbarkeitsdatum. Das Produkt wird zum Ausschuss.

Kamera erkennt Schärfe des Messers

Ein Kamerasystem soll das verhindern: Es sagt vorher, wie lange das Messer noch scharf ist. Die Kameras werden in die Maschinen verbaut. Auf Basis dieser Aufnahmen kann dann die künstliche Intelligenz die Abnutzung berechnen. Zwar könne nie eine einhundertprozentig genaue Vorhersage getroffen werden, doch erleichtert es den weiteren Produktionsablauf, sagt Eisenmann.

Auch im Pharmabereich kommt ein Kamerasystem zum Einsatz: Wenn Impfstoff hergestellt wird, ist besondere Vorsicht geboten. Damit kein Impfstoff mit Mängeln in Umlauf kommt, wird mit der „Optical Inspection“ geschaut, ob die kleinen Gläser Risse haben oder verunreinigt sind.

Der persönliche Kontakt fehlt

Auch bei der Produktion geht der Trend zur Nachhaltigkeit. Statt lediglich den Ausschuss zu vermeiden, fragen immer mehr Kunden an, wie sie ihren Energieverbrauch ermitteln könnten, so Eisenmann. Mit Hilfe von künstlicher Intelligenz lässt sich die Produktivität der Maschinen erhöhen, es kommt zu weniger Stillständen, weniger Abfall.

Seit Corona arbeitet das Unternehmen noch digitaler: Da Treffen mit den Kunden nicht mehr so einfach möglich waren, wurden wichtige Termine umstrukturiert. Wenn eine Maschine fertig ist, findet die Endabnahme nun digital statt, wenn sie bereits beim Kunden steht. Davor kam dieser zu Syntegon. Für die Mitarbeiter wurden digitale Workspaces eingerichtet, in denen sie von zu Hause aus arbeiten können. Eisenmann selbst sitzt in der Schweiz, andere Teams in China oder an anderen Standorten. Doch nicht alles ist besser in digital: Eisenmann fehlt vor allem der persönliche Kontakt. „Das In-die-Augen-Schauen, einfach das Persönliche, fehlt bei Online-Terminen. Gerade bei Team-Meetings haben wir festgestellt, dass wir besser zusammen vor Ort arbeiten als online“, sagt er.

Syntegon bietet seit über 50 Jahren Prozess- und Verpackungstechnik für die Pharma- und die Nahrungsmittelindustrie an. Früher noch unter dem Namen Bosch Packaging bekannt, beschäftigt das Waiblinger Unternehmen heute rund 6000 Mitarbeiter an 30 Standorten in über 15 Ländern. Im vergangenen Jahr erzielte der Maschinenbauer einen Umsatz von 1,3 Milliarden Euro.

Abfüllen, inspizieren, verpacken – seit über 50 Jahren produziert das Waiblinger Unternehmen Syntegon Maschinen für die Pharma- und Nahrungsmittelindustrie. Künstliche Intelligenz ist dabei nicht mehr wegzudenken. Besonders bei Medikamenten und Lebensmitteln muss jeder Schritt sitzen, damit das Produkt auch wirklich beim Kunden ankommt - und nicht in den Müll wandert.

Wenn ein Schokoriegel verpackt wird, müssen viele Dinge beachtet werden: Hat der Riegel die Qualität, die der Kunde

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