Waiblingen

Kein Ehe-Segen für alle

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Homosexuelle Paare Trauung Evangelische Landeskirche Ehe für Alle Homoehe_0
Zwei Männer heiraten: Nach weltlichem Recht ist das mittlerweile möglich. © Alexander Roth
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Ruth Bauer, Offene Kirche.
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Podiumsdiskussion zur Synodalwahl Christof Mosebach Lebendige Gemeinde
Christof Mosebach, Lebendige Gemeinde. © Gabriel Habermann

Waiblingen. „Eine Katastrophe“, sagt die Alfdorfer Kirchenpolitikerin Ruth Bauer – nicht mal eine „Trauung zweiter Klasse“ gestehe die evangelische Landeskirche Württemberg homosexuellen Paaren zu. So hat die „Landessynode“, das Kirchenparlament, am Mittwoch entschieden. Bei der Abstimmung taten sich schluchtentiefe Gräben zwischen Reform- und Pietisten-Lager auf.

In der evangelischen Landeskirche wird es auch künftig weder eine richtige kirchliche „Trauung“ für Homosexuelle geben noch eine Light-Version, eine öffentliche „Segnung“ im Rahmen eines Gottesdienstes.

Um zu verstehen, wie es zu dieser Entscheidung kam, muss man sich die Mehrheitsverhältnisse und Flügelkämpfe in der Synode vergegenwärtigen. Es gibt dort vier „Gesprächskreise“: Die größte Gruppe, die „Lebendige Gemeinde“, ist stark pietistisch geprägt; die zweite Kraft, die „Offene Kirche“, ist liberal orientiert; hinzu kommen die kleineren Formationen „Evangelium und Kirche“ und „Kirche für morgen“.

Zunächst brachte am Dienstag die „Offene Kirche“ einen Antrag ein: Sie forderte volle kirchliche Gleichberechtigung für Homosexuelle, eine „Trauung für alle“ – und fand dafür keine Mehrheit; 36 Ja-Stimmen, 59 Nein-, zwei Enthaltungen.

Auch ein Kompromissvorschlag wurde abgelehnt

Am Mittwoch unterbreitete der Oberkirchenrat einen Kompromissvorschlag, er versuchte, eine goldene Brücke zu bauen: keine „Trauung“ für homosexuelle Paare, aber immerhin eine „Segnung“ in öffentlichem Gottesdienst. Dieser Schamabstand zwischen der Ehe von Mann und Frau einerseits und einer gleichgeschlechtlichen Beziehung andererseits sollte den Konservativen die Zustimmung erleichtern.

Obendrein sollte auch eine „Segnung“ nicht zur Regel werden, sondern lediglich als Ausnahme zugelassen werden – nämlich nur dann, wenn ein Kirchengemeinderat vor Ort ausdrücklich beschließt, derlei hier bei sich zu wollen. Jede Gemeinde hätte also die Möglichkeit gehabt, weiterhin ganz bequem beim Nein zu bleiben.

„Wir von der Offenen Kirche hatten größte Mühe“ mit diesem Kompromiss, sagt die Alfdorfer Synodale Ruth Bauer – eigentlich „will ich nicht“, dass die Kirche Menschen, die sich lieben, nur eine „Trauung zweiter Klasse“ zugesteht. Aber gut, so würde sich “wenigstens ein Türle“ auftun, so käme man „einen kleinen Schritt“ voran.

Allein, nicht mal dafür fanden sich genug Stimmen in der Synode. Solch ein Kirchengesetz braucht nämlich eine Zwei-Drittel-Mehrheit – und die wurde hauchdünn verfehlt: 62 ja, 33 nein, eine Enthaltung.

Ruth Bauer: "Für mich ist das eine Katastrophe"

Auch wenn es sich um eine geheime Wahl handelte – es gilt als offenes Geheimnis, dass sich die Offene Kirche geschlossen und die beiden kleineren Gesprächskreise zumindest mehrheitlich auf die Ja-Seite gestellt haben, während die Lebendige Gemeinde mehrheitlich mit Nein votierte.

„Ich find’s schlimm“, kommentiert Ruth Bauer. An der Synode hätten als Besucher auch „Betroffene“ teilgenommen, und „die haben wirklich geheult. Für mich ist das eine Katastrophe. Es tut weh. Ich bin sehr enttäuscht, dass nicht einmal ein kleines Türle aufgegangen ist.“

Lebende Gemeinde stimmte dagegen

„Wir haben intensiv diskutiert in unserem Gesprächskreis“, sagt Christof Mosebach, Lebendige Gemeinde; er ist Synodaler für den Wahlkreis Waiblingen/Backnang. Am Ende habe „jeder nach seinem Gewissen abgestimmt“. Aber warum lehnten die meisten in der Lebendigen Gemeinde selbst den sehr entgegenkommenden Kompromissvorschlag des Oberkirchenrates ab?

Diese Lösung, antwortet Mosebach, hätte den „Gemeinden vor Ort“ die Entscheidung aufgebürdet, ob sie sich so oder anders positionieren wollen – und „da sehen wir Streitpotenzial“, das „zu Spannungen“ oder gar „zum Zerreißen“ führen könnte. Es wäre falsch, findet Mosebach, solch eine gewichtige und kontroverse Frage „in die Gemeinden hineinzudelegieren“.

Aber Moment, dann hätte doch die Lebendige Gemeinde einfach eine grundsätzlichere Lösung vorschlagen können: keine „Trauung“ – aber „Segnung“ als Regel; damit wäre die Entscheidungslast doch von den Gemeinden genommen.

„Nein“, sagt Mosebach – hätte so etwas zur Abstimmung gestanden, „wäre sicher das Votum der Lebendigen Gemeinde noch einmütiger dagegen ausgefallen“.

Letzte Hoffnung: Die Kirchgänger

Sprich: Der Graben, der durch die evangelische Landeskirche schneidet, ist – auch wenn in Sonntagspredigten immer mal wieder Einigkeit und Zusammenarbeit beschworen werden – schluchtentief. Hier die Offene Kirche, die für eine volle Gleichberechtigung Homosexueller eintritt. Da die Lebendige Gemeinde, die in dieser Frage zu keinem Kompromiss bereit ist – bereits ein öffentlicher Segen für gleichgeschlechtlich Liebende geht ihr zu weit, von einer kirchlichen Hochzeit ganz zu schweigen..

Für Ruth Bauer ist damit das Kirchen-Fußvolk die letzte Hoffnung – am Mittwochnachmittag versandte sie eine Pressemitteilung: „Die Offene Kirche ruft alle Gemeinden dazu auf, der ,Initiative Regenbogen’ beizutreten und ihre Offenheit für Schwule und Lesben zu bekunden.“


Wie's die anderen handhaben

20 evangelische Landeskirchen gibt es in Deutschland. Sechs von ihnen haben die Segnung homosexueller Paare der Mann-Frau-Ehe bereits mehr oder weniger gleichgestellt, wobei es Unterschiede im Detail gibt: Die Landeskirche Baden und andere bieten Trauungen für alle an. Die Landeskirche Hessen und Nassau unterscheidet dem Namen nach zwischen „Trauung“ und „Segnung“ – fast alles andere läuft im Prinzip gleich ab, vom Gottesdienst bis zum Eintrag ins Kirchenbuch.

Elf Landeskirchen betonen die Unterscheidung zwischen „Trauung“ und „Segnung“ deutlicher – auch die Segnung findet aber öffentlich im Gottesdienst statt. So handhaben es unter anderem die Landeskirchen Pfalz und Westfalen.

Die Landeskirche Braunschweig betont, die Segnung homosexueller Paare sei ein „Akt der Seelsorge als nicht-öffentlicher Event“, der „nicht mit einer Trauung verwechselbar“ sein dürfe. Auch in der Landeskirche Schaumburg-Lippe sind Segnungen nur nicht-öffentlich möglich, aber nicht als Gottesdienst mit Glockengeläut.

In der Württembergischen Landeskirche ist eine öffentliche Segnung gleichgeschlechtlicher Paare nicht möglich – und selbst bei nicht-öffentlichen Segnungen werden nur „die Menschen gesegnet, nicht die Partnerschaft“, wie es auf der Homepage der Landeskirche heißt.