Waiblingen

Kein Urteil in Prügel-Prozess

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Symbolbild. © Joachim Mogck

Waiblingen/Weinstadt. Ein Vater und seine zwei Söhne haben im Waiblinger Amtsgericht auf der Anklagebank gesessen. Der Vorwurf: sie sollen dem Lebensgefährten der Tochter, beziehungsweise Schwester, eine brutale Abreibung verpasst haben. Doch das vermeintliche Opfer ist wenig glaubhaft – am Ende wurde das Verfahren gegen alle drei eingestellt.

Im April 2017 soll es in einer Wohnung in Beutelsbach zum Gewaltexzess gekommen sein: Drei Männer, der heute 49 Jahre alte Vater und seine beiden Söhne, 23 und 24 Jahre alt, umzingeln einen Mann.

Richterin Christel Dotzauer stellt das Verfahren ein

Erst sprühen sie ihm Pfefferspray in die Augen, dann knüppeln sie ihn mit Schlagstöcken nieder, treten auf ihn ein, als er bereits am Boden liegt. So steht es in der Anklageschrift, die der Staatsanwalt am Waiblinger Amtsgericht verliest. Die drei Männer albanischer Abstammung sitzen neben ihren Pflichtverteidigern und schütteln mit dem Kopf.

Am Ende werden sie den Gerichtssaal ohne Strafe verlassen. Richterin Christel Dotzauer stellt das Verfahren ein. Denn es ist höchst unwahrscheinlich, dass sich die eingangs beschriebene Szene wirklich so zugetragen hat.

Als gewalttätig waren die Männer bis dato noch nicht aufgefallen. Der Vater ist in Albanien geboren, kam 1992 mit seiner Frau nach Deutschland. Er ist krank, ohne Arbeit. Der jüngere Sohn, in Deutschland geboren und aufgewachsen, hat nach seinem Hauptschulabschluss eine Ausbildung gemacht, sucht derzeit eine feste Arbeitsstelle.

Vorstrafe wegen Betrugs

Der ältere Sohn, auch erst Mitte 20, arbeitet für ein Busunternehmen, ist verheiratet, hat drei Kinder. Der Vater hat eine Vorstrafe wegen Betrugs, der jüngere Sohn wurde einmal mit einer Schreckschusswaffe erwischt, die er nicht besitzen durfte.

Über das vermeintliche Prügelopfer wird in der Verhandlung wenig bekannt. Aber: Anders als die Angeklagten ist er zigfach vorbestraft wegen vieler unterschiedlicher Delikte. Zwischenzeitlich war er mit einer Schwester der Angeklagten verlobt, dann offenbar von ihr getrennt, heute leben sie wieder zusammen, einige Autostunden entfernt.

Zur Verhandlung ist er nicht angereist, allerlei Ausflüchte fielen ihm dafür ein. Das ist nachvollziehbar – schließlich hat der Mann gegenüber seinem Schwiegervater und den beiden Schwägern beteuert, nicht bei der Polizei gewesen zu sein.

Striemen auf dem Rücken

Dabei erstattete er noch am Abend des Vorfalls in der Beutelsbacher Wohnung Anzeige. Auf dem Weinstädter Revier wurden Fotos von den roten Striemen auf seinem Rücken gemacht. Seiner Aussage nach rührten sie von den Schlagstöcken der Söhne her.

Deren Version der Geschichte klingt freilich ganz anders. Über Jahre habe der Mann die Familie terrorisiert und an der Nase herumgeführt. Als dem jüngeren Sohn ein Kind starb, habe er selbst das zum Anlass für Beleidigungen genommen. Zwischen dem 23-Jährigen und dem Ex-Verlobten der Schwester sei es dann in deren Wohnung in Beutelsbach auch zu dem Streit gekommen. Der Weinstädter berichtet, der Mann habe ihn attackiert, sogar nach einem Messer gegriffen.

Er sei geflüchtet und habe eine Nachbarin in dem Mehrfamilienhaus um Hilfe gebeten, so der jüngere Sohn. Diese habe ihn aber nicht eingelassen – das deckt sich mit den Aussagen der Frau bei der Polizei.

Schläge mit dem Schlauch einer Wasserpfeife

Daraufhin sei er zurück in die Wohnung gegangen, berichtet der Angeklagte, habe das Pfefferspray aus der Schublade einer Kommode gezogen und den Gegner damit besprüht. Im Laufe des Kampfes habe er mit dem Schlauch einer Wasserpfeife auf den Schwager eingeprügelt – das erklärte die Striemen.

Erst als der Kampf vorüber war, seien sein Bruder, der Vater und kurz darauf die Polizei eingetroffen, die eine Tochter der Albaner-Familie gerufen hatte. Als sich die Gemüter vollends beruhigt hatten, sei die Streife wieder abgezogen.

Später fuhr der ungebetene Besucher mit einem Taxi davon – aber nicht etwa zum Bahnhof, sondern zur Polizei, wo er Anzeige erstattete. Noch in der selben Nacht soll er allerdings wieder zur Familie seiner Ex-Verlobten zurückgekehrt sein – man speiste gemeinsam, sprach sich aus.

„Bei 22 Voreintragungen – wem glaube ich eher?“

Wochen später kam es zu einem weiteren Treffen, das harmonisch verlaufen sei, berichten die Angeklagten übereinstimmend. Und plötzlich, quasi aus dem nichts, sei die Anzeige ins Haus geflattert gekommen.

Richterin Dotzauer hält den vermeintlichen Geschädigten für unglaubwürdig. Er ist ja nicht mal vor Gericht erschienen. „Bei 22 Voreintragungen – wem glaube ich eher?“, fragt sie rhetorisch. Das Verhalten des Mannes sei widersprüchlich. Auch auf weitere Anfragen der Polizei habe er nicht reagiert.

Sie schlägt vor, das Verfahren einzustellen, kündigt dem Staatsanwalt an: „Den Vater und den älteren Sohn würde ich auch aus dem Stand heraus freisprechen.“ Der Staatsanwalt sieht’s ähnlich, er stimmt einer Einstellung zu. Die Kosten des Verfahrens trägt die Staatskasse – nur der jüngere Sohn muss seine Auslagen selbst begleichen. Dass er in eine wilde Prügelei verwickelt war, ist schließlich unumstritten.


Paragraf 153

  • Eingestellt wurde das Verfahren nach Paragraf 153: Absehen von der Verfolgung bei Geringfügigkeit.
  • Darin heißt es, von der Verfolgung eines Vergehens könne abgesehen werden, „wenn die Schuld des Täters als gering anzusehen wäre und kein öffentliches Interesse an der Verfolgung besteht“.