Waiblingen

Keine Gnade für Dauer-Schwarzfahrer

Schwarzfahrer
Erwischt? Das kostet 60 Euro. Unverbesserliche Schwarzfahrer haben mit härteren Konsequenzen zu rechnen. © Kzenon/Fotolia

Waiblingen. Notorische Schwarzfahrer können im Gefängnis landen. Direkt vom Bahnsteig weg. Bezahlen sie in letzter Sekunde eine zwischenzeitlich angehäufte Geldstrafe doch noch, bleibt ihnen die Haft erspart. Sind sie nicht willens oder nicht in der Lage, unverzüglich das Geld aufzutreiben, greift Plan B: Freiheitsentzug.

Verkehrsunternehmen werden nicht beim ersten Mal Schwarzfahren gleich in die Vollen gehen. Doch wer glaubt, wiederholt ohne Ticket auf Kosten der Allgemeinheit fahren zu dürfen, der muss unweigerlich mit Konsequenzen rechnen. „Prinzipiell droht Schwarzfahrern ab dem dritten Mal eine Anzeige“, so eine Sprecherin des Verkehrs- und Tarifverbunds Stuttgart (VVS).

Nach einer Anzeige erhält der Fahrgast einen Anhörungsbogen von der Polizei. Den Bogen reicht die Polizei an die Staatsanwaltschaft weiter. Kann sein, das Verfahren wird eingestellt, sofern der Schwarzfahrer ansonsten nie aufgefallen ist oder es sich nur um einen kleinen Betrag handelt, den er nicht bezahlt hat. „Viele Faktoren spielen eine Rolle“, sagt Jan Holzner, Sprecher der Staatsanwaltschaft Stuttgart. Hat der Beschuldigte Vorstrafen, ist er geständig und einsichtig oder nicht, zum wie vielten Mal tritt der Betreffende als Schwarzfahrer in Erscheinung – all das fließt in die Beurteilung mit ein.

Geldstrafe bemisst sich nach Tagessätzen

Im Regelfall droht nach einer Anzeige entweder Geldstrafe oder Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr, so sieht es § 265 a des Strafgesetzbuches vor. Geldstrafen werden in Form von Tagessätzen verhängt, damit Besser- und Geringverdienende gleich behandelt sind. Die Höhe eines Tagessatzes richtet sich nach der Höhe des Nettogehalts, umgerechnet auf einen Tag.

Drückt sich ein Beschuldigter wieder und wieder ums Bezahlen und lässt er jede Frist verstreichen, kann die zuständige Stelle einen Vollstreckungshaftbefehl erlassen. Dann wird’s wirklich ernst. Ein Haftbefehl befugt die Polizei, den Delinquenten vom Fleck weg in die nächste Justizvollzugsanstalt zu bringen, sofern er nicht auf der Stelle seine Schulden begleicht. Dass ein Delinquent direkt ins Gefängnis wandert, „das kommt vor“, sagt Jan Holzner. Wie lange der Betreffende in Haft bleibt, hängt von der Höhe der zuvor nicht bezahlten Geldstrafe ab. Die Zahl der offenen Tagessätze entspricht der Zahl der Hafttage.

Kontrolleur zu sein, ist kein einfacher Job

Benimmt sich ein Schwarzfahrer unflätig, kann es bereits beim ersten Erwischtwerden zu einer Anzeige kommen, so die VVS-Sprecherin. Das ist beispielsweise der Fall, wenn ein Fahrschein gefälscht oder manipuliert wurde oder ein Schwarzfahrer gegenüber dem Kontrolleur ausfällig oder handgreiflich geworden ist.

Auch das kommt immer wieder vor. Kürzlich hat in Stuttgart eine 14-jährige Schwarzfahrerin einen Kontrolleur in die Hand gebissen und ihn gekratzt. Ihr Begleiter schlug dem Prüfer einen Lautsprecher ins Gesicht.

Ein Vorfall wie dieser gilt als Ausnahmefall, so ein Sprecher der Bahn – wenngleich: Kontrolleur zu sein, „das ist kein einfacher Job. Die müssen was aushalten.“ Kontrolleure durchlaufen regelmäßig Deeskalationstrainings, damit eine brenzlige Situation während einer Prüfung möglichst nicht aus dem Ruder läuft. Die Prüfer lernen, Anfeindungen oder gar Aggressionen nicht persönlich zu nehmen, beruhigend auf wütende Schwarzfahrer einzuwirken. Zwar haben es die Prüfer zumeist „mit netten, zuvorkommenden Kunden“ zu tun. Flippt doch mal jemand aus und lässt sich jemand nicht bremsen, „dann muss die Polizei kommen“. In den späten Abendstunden sowie an Wochenenden frühmorgens begleiten Sicherheitsleute der Bahn die Prüfer. Sie sind immer mindestens zu zweit unterwegs.

Ticket nachträglich vorlegen

„Wenn jemand keine Fahrkarte hat, zahlt er 60 Euro. Ohne Wenn und Aber“, stellt der Bahnsprecher klar. Wer damit nicht einverstanden ist, konnte sich früher an die Einspruchsstelle der Bahn im Stuttgarter Hauptbahnhof wenden. Diese Stelle gibt es nicht mehr; stattdessen informiert heute ein „Beanstandungsbeleg“, wohin sich der Kunde wenden kann. Wer ein Monatsticket besitzt, dieses aber vergessen hat, kann das Ticket nachträglich vorlegen, zum Beispiel bei einer der VVS-Verkaufsstellen. Dann fallen nur sieben statt 60 Euro erhöhtes Beförderungsentgelt an.

Monatsticket vergessen – das kann mal passieren, und ob das wirklich stimmt, lässt sich leicht nachprüfen. Unterdessen kommen Schwarzfahrer auf allerlei Ideen, um sich rauszureden. Fahrkartenautomat war kaputt, Zeit reichte nicht mehr, kein Geld dabei. Einmal kramte, so erzählt der Bahnsprecher, ein sehr feiner Herr sehr lange in seiner sehr feinen Tasche, bevor er konsterniert feststellte: „Da muss ein Loch in der Jacke drin sein.“

Die Quoten

  • Die Schwarfahrerquote lag laut Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart (VVS) im ersten Halbjahr bei 2,7 Prozent.
  • Die Schwarzfahrerquoten in den Jahren davor: 2015: 2,5 Prozent 2014: 2,9 Prozent 2013: 3,2 Prozent 2012: 3,0 Prozent 2011: 2,9 Prozent