Waiblingen

Keine schweren Mängel am Gewa-Tower

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In den fensterlosen oberen Etagen des Gewa-Towers ist es derzeit zugig. © Ralph Steinemann

Fellbach. Die Aufregung um angebliche Baumängel am Gewa-Tower entpuppt sich als überzogen. Entgegen anderslautenden Vorwürfen weist das halbfertige Hochhaus keine gravierenden Mängel auf, bekräftigt der vorläufige Insolvenzverwalter. Nach dem Scheitern des Verkaufs vorige Woche laufen Gespräche mit einem anderen Investor.

Ilkin Bananyarli, vorläufiger Insolvenzverwalter der Gewa 5 to 1 GmbH & Co. KG, tritt vereinzelten Medienberichten entgegen, wonach am Gewa-Tower gepfuscht worden sei. Er habe in den vergangenen Tagen intensive Gespräche mit Fachleuten über die ominöse Liste geführt, die angebliche Baumängel aufführen sollte. Der Rechtsanwalt von der renommierten Pluta-Kanzlei betont: „Es gibt keine Mängelliste, sondern eine sogenannte Hinweisliste.“ Diese habe der Generalunternehmer im Rahmen der geplanten Fertigstellung des Towers selbst erstellt. Aufgelistet wurden Dutzende Hinweise, um von Seiten des Generalunternehmers mögliche Haftungsrisiken auszuschließen.

Bekam der Investor wegen Haftungsrisiken kalte Füße?

Fakt ist, die Verkaufsgespräche mit dem favorisierten Investor sind vergangene Woche überraschend gescheitert. Die karge Begründung des abrupt abgesprungenen Interessenten: Er könne das Projekt nicht realisieren, kaufmännische Erwägungen hätten aber nicht den Ausschlag gegeben. Möglich, dass die Haftungsrisiken der Grund waren. Jedenfalls hatte die favorisierte Investorengruppe den Generalunternehmer Baresel im Boot – und damit den Adressaten etwaiger Forderungen. Nachfragen beim abgesprungenen Bieter sind nicht möglich, zumal die Beteiligten ihr Stillschweigen über dessen Identität vertraglich vereinbart haben.

Zahlreiche Sachverhalte schon erledigt

In der Liste heißt es beispielsweise, dass Fensterscheiben bei Verwendung von sogenanntem Einscheibensicherheitsglas möglicherweise zerspringen können und selbst bei ordnungsgemäß durchgeführten Heißlagerungstests noch ein Restrisiko besteht. Auch wird im Dokument auf den Brandschutz für das Hotel eingegangen. „Aufgrund möglicher neuer gesetzlicher Regelungen werden dabei Empfehlungen für die Zukunft ausgesprochen“, teilt Ilkin Bananyarli weiter mit, „zudem sind zahlreiche Sachverhalte aufgelistet, die schon erledigt wurden.“

Nach wie vor wird an Projekt geglaubt

Alle diese Sachverhalte seien den Wohnungskäufern bereits bekannt gewesen. Deren Sprecher bedauert, dass der Wirbel um die vermeintlichen Baumängel der baldigen Fertigstellung des Towers geschadet habe. „Bei all den derzeitigen Herausforderungen glauben wir nach wie vor fest an das Projekt und hoffen auf eine baldige Fertigstellung unserer Traumwohnungen. Dazu arbeiten wir eng mit dem vorläufigen Insolvenzverwalter zusammen und sind jederzeit offen für Gespräche mit Investoren.“

„Der Gewa-Tower hat keine wesentlichen Mängel“

Ilkin Bananyarli führte in dieser Woche Gespräche mit den Wohnungskäufern und Oberbürgermeisterin Gabriele Zull. Diese bestätigte, dass die Baugenehmigung an ein Brandschutzgutachten geknüpft ist und der Bau von Seiten der Stadt durch einen Brandschutzexperten und einen Statiker bis zum Baustopp begleitet wurde. Fazit des vorläufigen Insolvenzverwalters: „Der Gewa-Tower hat keine wesentlichen Mängel.“ Genau dies hatte bereits ein Gutachten des TÜV Süd ergeben. Im September hatten die Experten nach eingehender Prüfung festgestellt, dass beim Wohnturm keine Schäden oder Fehler bestünden, die einen wesentlichen Rückbau oder eine wesentliche Reparatur erforderlich machen. Das Gutachten umfasst mehrere Seiten.

Erste Gespräche mit dem Bieter gab es schon 

Erleichtert reagiert der Vertreter der Anleihegläubiger, der Düsseldorfer Gustav Meyer zu Schwabedissen: „Das ist eine gute Nachricht für die Anleihegläubiger. Wir werden den vorläufigen Insolvenzverwalter in den kommenden Wochen bestmöglich unterstützen, damit der Wohnturm verkauft werden kann.“ Ilkin Bananyarli will jetzt eine Lösung mit dem zweiten Investor vorantreiben, der bisher in der Warteschleife ausharrte. Erste Gespräche mit dem Bieter gab es schon. Außerdem lägen weitere Interessentenanfrage vor, zumindest eine davon soll auch recht konkret sein. „Ich bin optimistisch, dass wir den Gewa-Tower im kommenden Jahr veräußern werden“, sagt der Pluta-Anwalt.


Kommentiert von Redakteur Andreas Kölbl

Das Aus der bisherigen Kauf-Verhandlungen in der vergangenen Woche brachte einen herben Rückschlag für alle, die auf einen schnellen Weiterbau hoffen – etwa die Stadt Fellbach und die Fellbacher Bevölkerung. Wertvolle drei Monate wurden verschwendet. Denn kurz vor der Ziellinie macht der Investor einfach den Christian Lindner und verdünnisierte sich. Für die Wohnungskäufer bedeutet das zunächst, dass sie weiter warten müssen. Ebenso die Anleger, doch für sie kann das Aus sogar eine Chance sein. Wenn der neue Favorit den Zuschlag bekommt, könnten sie unter Umständen nämlich mehr von ihrem Geld zurückbekommen. Schließlich bietet der neue Favorit bis zu 16 Millionen Euro statt „nur“ 13,5 Millionen.

Knackpunkt ist das „bis zu“: Bereits erfolgte Zahlungen an den Generalunternehmer könnten theoretisch angefochten werden. Laut der Kanzlei Pluta des vorläufigen Insolvenzverwalters Ilkin Bananyarli sind 9,5 Millionen anfechtbar – in der Theorie. Hier kann es zu harten Auseinandersetzungen kommen, denn der jetzige Kauffavorit will eine Sicherungshypothek - Höhe: 3,6 Millionen – zugunsten des Generalunternehmers nicht übernehmen. Im schlechtesten Fall liegt der Kaufpreis also nur bei 12,4 Millionen. Es wird ein Poker – und wird ein Geduldsspiel bleiben.


Gewa und Pluta

Im November 2016 musste die Gewa 5 to 1 GmbH & Co. KG Insolvenz anmelden. Zum vorläufigen Insolvenzverwalter bestellte das Amtsgericht Esslingen Ilkin Bananyarli von der Pluta Rechtsanwalts GmbH.

Die Gewa 5 to 1 GmbH & Co. KG ist eine Projektgesellschaft zum Bau des Gewa-Towers in Fellbach, dessen Rohbau im Oktober 2016 fertiggestellt wurde.

Mit dem 107 Meter hohen Gewa-Tower soll das dritthöchste Wohngebäude in Deutschland errichtet werden. In dem Turm mit 34 Stockwerken sind 66 Eigentumswohnungen sowie ein Business-Hotel mit 123 Zimmern geplant.

Zur Finanzierung des Projekts hatte die Gesellschaft im Jahr 2014 eine Mittelstandsanleihe emittiert.

Pluta hilft Unternehmen in rechtlich und wirtschaftlich schwierigen Situationen. 1982 gegründet, beschäftigt Pluta heute mehr als 400 Mitarbeiter in Deutschland, Spanien, Italien und Polen. Über 90 Juristen und 40 Kaufleute, darunter viele Rechtsanwälte und Steuerberater mit Mehrfachqualifikationen als Wirtschaftsprüfer, Diplomkaufmann oder Buchprüfer. Pluta unterstützt insbesondere bei der Sanierung und Fortführung von Unternehmen in Krisen- oder Insolvenzsituationen und gehört zur Spitzengruppe der Sanierungs- und Restrukturierungsgesellschaften.