Waiblingen

Kernen plant auch Sozialwohnungen ein

ACHTUNG UNBEARBEITET Luftbilder 2011
Hangweide: Auf die Preisbildung bei den Kaufverhandlungen zwischen Gemeinde und Diakonie hat die Sozialquote einen Einfluss. © Habermann/ZVW (Archiv)

Kernen. Sollte der Kaufvertrag für die Hangweide bis Juli unterschrieben sein, ließe sich einschließlich zweier Containerplätze im Ort die Unterbringung zugewiesener Flüchtlinge in Kernen bis 2020/21 gewährleisten. Danach benötigt die Gemeinde neuen Wohnraum für mehr als 160 Personen. Gleichzeitig wächst der Bedarf an bezahlbaren Wohnungen für Durchschnittsverdiener. Kernen will den kommunalen Bestand von 242 im Jahr 2020 auf 400 in 2030 erhöhen, um gegenzusteuern.

Der Druck auf dem Wohnungsmarkt steigt. Auch in Kernen. Wer nach bezahlbarem Wohnraum im Speckgürtel der Landeshauptstadt sucht, muss sich bei dem schwindenden Angebot ganz hinten anstellen. Die Unterbringung von Flüchtlingen und Obdachlosen verstärkt das Problem für Gering- und Durchschnittsverdiener mit Anspruch auf einen Wohnberechtigungsschein, denn inzwischen hat bereits eine vierköpfige Familie mit einem Haushaltseinkommen von 66 450 Euro Anspruch auf eine Sozialwohnung. „Das Thema sozialer Mietwohnungsraum ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen“, sagt der Kernener Beigeordnete Peter Mauch.

Zudem nimmt auch in Kernen die Zahl der Einwohner zu. Nach der Hochrechnung des Statistischen Landersamtes wächst die Wohnbevölkerung bei kontinuierlichem Zuzug bis zum Stichjahr 2035 von derzeit rund 15 150 auf dann knapp 15 700 Personen – wählt man die statistische Durchschnittsvariante. Die Maximalvariante geht von verstärkter Zuwanderung aus und erwartet fürs Jahr 2035 16 800 Einwohner. Irgendwo dazwischen dürfte der tatsächliche Zuwachs an Einwohnern liegen. Dafür reichen die heute 7273 Wohnungen in Kernen (Stand Ende 2016) trotz des Neubaugebiets Tulpenstraße und baulicher Verdichtung in den zwei Ortskernen bei weitem nicht aus. Schon zählt die Warteliste für Sozialwohnungen rund 400 Bewerber.

Die Hangweide ist das erste Quartier, in dem die neue Sozialquote gilt

Wo und in welchem Ausmaß kann Kernen bis zum Jahr 2035 neben den laufenden und projektierten Bauvorhaben der Kreisbau (Dinkelstraße, Beinsteiner Straße, Robert-Bosch-Straße, Weihergraben I) zusätzlichen geförderten Wohnraum schaffen? Der Gemeinderat beschloss in seiner jüngsten Sitzung, in jedem neuen Wohnquartier für eine angemessene soziale Durchmischung zu sorgen. Dabei wird die durchschnittliche Quote an Sozialwohnungen in jedem Neubaugebiet auf 15 bis 20 Prozent fixiert. Ziel ist es, bis 2035 den kommunalen Wohnungsbestand von derzeit 128 auf rund 400 Wohnungen zu steigern, zu denen, wie schon heute, nicht nur Wohnplätze in Gemeindeeigentum zählen, sondern garantierte Belegungsrechte in den oben zitierten Wohnbauprojekten der Kreisbaugesellschaft plus einige angemietete Privatwohnungen. Aktuell sind es von letzteren elf. Die derzeit 128 kommunalen Wohnungen entsprechen einem Anteil von 1,8 Prozent in Relation zur Gesamt-Wohnungszahl. In das neu angemietete Wohnhaus Jägerstraße 21 werden Flüchtlingsfamlien einziehen.

800 bis 1000 künftige Bewohner

Dass die Gemeindeverwaltung den Gemeinderäten ein kommunales Wohnraumkonzept vorlegte, ist den Kaufverhandlungen mit der Diakonie in Sachen Hangweide geschuldet. Deshalb drängte BM Stefan Altenberger im Gemeinderat auf rasche Beschlussfassung. Die UFW-Fraktion hätte das komplexe Thema, für das sie seit Jahren auf eine detaillierte Vorlage gewartet hatte, gerne in Klausur eingehend vorberaten. Die Eckpunkte wurden nun einvernehmlich beschlossen. Eine vertiefende Beratung des Kernener Wohnraumkonzepts wird auf Beschluss des Gremiums nachgeholt.

Die Festlegung auf einen Anteil von 15 bis 20 Prozent für sozialen Wohnungsbau in jedem neuen Kernener Wohnquartier hat im konkreten Fall Hangweide Einfluss auf den Kaufpreis. 800 bis 1000 Bewohner werden dort mittelfristig einziehen. „Wir müssen das bei den Preisverhandlungen verbindlich machen“, begründete Altenberger seine Eile. „Die Sozialquote hat Einfluss auf die Preisvorstellungen. Bei unserem Beschluss geht es um die Ernsthaftigkeit, mit der wir das verfolgen.“ Beim Verhandeln des Preises möchte die Diakonie nämlich wissen, für welche bauliche Nutzung die Kommune das Gelände später vermarkten wird. Neben Marktwert, Dichte der Bebauung, Zahl der Geschosse, Rückbau, Anteil öffentlicher Verkehrsfläche und Infrastruktur spielt der geförderte Wohnraum bei der Preisbildung eine wichtige Rolle.

Obdachlose haben Vorrang

Sozialer Wohnungsbau in Kernen ist dringlich: Wegen der Wohnungsknappheit mussten gemeindliche Sozialwohnungen, die bisher an Familien mit Wohnberechtigungsschein vermietet werden konnten, verstärkt an Obdachlose vergeben werden. Für gering Verdienende stehen diese Wohnungen nun nicht mehr zur Verfügung.

160 vorübergehende Flüchtlingsunterkünfte

Sollte die Hangweide noch in diesem Sommer den Besitzer wechseln, könnte Kernen dort rund 100 Flüchtlinge vorübergehend unterbringen. Für weitere 60 Personen plant die Gemeinde Containerstandorte in Rom und Stetten. Ferner werden die Neubauprojekte der Kreisbaugesellschaft dauerhaften Wohnraum für 80 Flüchtlinge in der sogenannten Anschlussunterbringung schaffen, davon 30 Plätze für die der Gemeinde vom Landratsamt neu zugeteilten Personen.

Die Zwischenlösung läuft bis 2020/21. Dann fallen 160 Plätze wieder weg. Weitere Wohnkapazitäten müssten demnach bis spätestens 2012 fertiggestellt sein.