Waiblingen

Kinder sind gefährdet, nicht gefährlich

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Initiative Sicherer Landkreis, Beitrag von Guenther nicht ue Gugel Diplom - Psychologe. © Ralph Steinemann Pressefoto

Waiblingen. Auf den Anfang kommt es an. Schulen haben schon länger Erfahrung mit Gewaltprävention, etwa durch das Programm „Faustlos“. Aber die Einübung friedlichen Zusammenlebens sollte bereits im Kindergarten geschehen. Wie wirkungsvoll das sein kann, das zeigt sich jetzt im dritten Jahr von „Kita 2020“, dem Projekt der Initiative Sicherer Landkreis.

Im Zeitungshaus Waiblingen sprachen Erzieherinnen über ihre Erfahrungen, Sozialpädagogen lieferten den wissenschaftlichen Rahmen. Angelegt ist das Projekt, mitgetragen von fünf Stiftungen und der AOK, auf fünf Jahre. Sich immer wieder gegenseitig des Erkenntnisfortschritts wie des Praxisnutzens zu versichern, gehört da zwingend zum Programm.

„Gewalt ist keine Lösung“

Zum dritten Fachtag brachte Landrat Richard Sigel in seinem Grußwort brandheiße Aktualität ein, und es steckt etwas mehr in dieser Analogie drin als nur ein Kalauer: G-20-Gipfel, die „Gewaltexzesse“ (Sigel) dort und eben „Kita 2020“, das Vorsorgeprojekt, hier. Allen in der Gesellschaft müsse klar sein: „Gewalt ist keine Lösung“. Und deshalb auch sei das Geld der Förderer gut angelegt.

Gutes Aufwachsen in der Gesellschaft, das heißt für den Diplom-Pädagogen Günther Gugel, der auch die Traumatisierten des Winnender Amoklaufs betreute, nachgerade ein „Recht auf eine gewaltfreie Erziehung“. Auch wenn wir wissen, dass Gewalt wohl nie ganz verschwinden wird.

Verletzungen, Demütigungen und Ängste

Wie also begrenzen? Umfragen zeigen, dass im Elementarbereich angefangen werden müsse, nicht „weil Kinder in diesem Alter besonders gewalttätig wären, sondern weil zu viele Kinder immer noch die Erfahrungen machen müssen, Opfer von Gewalt zu werden.“

Wer sie macht, der ist geprägt fürs Leben. Er wird das nachahmen, was ihm angetan wurde, wenn es eng wird. Das schreibe sich geradezu ins Gedächtnis ein. Prävention und Intervention sind wichtig, „weil Gewalterfahrungen und die damit verbundenen Verletzungen, Demütigungen und Ängste Lehren und Entwicklungen blockieren und somit Kindheit und das ganze Leben zerstören können.“

„Es geht um den Schutz der Kinder vor Gewalt“

Eine Zahl: Die Kinder- und Jugendpsychiatrie in Ulm spricht von 30 Prozent der 14- bis 94-Jährigen, die körperlich, sexuell oder emotional missbraucht wurden. Deshalb müsse sich der Fokus drehen. Wenn Jungs ausrasten, Mädchen fies werden, dann gehe es bei der gängigen Gewaltprävention immer noch darum, in ihnen kleine Täter zu sehen.

Aber richtigerweise müssten diese Kinder als Opfer wahrgenommen werden. „Es geht um den Schutz der Kinder vor Gewalt“, die von den Eltern ausgeht, von Einrichtungen, der Gesellschaft. Und noch so ein Merksatz: „Kinder sind also nicht gefährlich, sondern gefährdet.“ Kindliche Aggression ist demnach für Pädagogen „in den meisten Fällen ein Hinweis auf eigene innere Not.

Interkulturelle Kompetenzen der Erzieherinnen

„Kita 2020“ fragt danach, „was brauchen Kinder, damit sie Gewalt nicht brauchen“. Für das neue Kita-Jahr heißen die Themen denn, wie gewaltfreie Kommunikation gelingen kann. Wie mit Eltern Gespräche geführt werden, die dem Kinderschutz dienen. Wie gerade Kinder mit Migrationshintergrund etwa durch Bewegung zu Selbstausdruck und Selbstregulation kommen.

Dabei geht es um interkulturelle Kompetenzen der Erzieherinnen, um Alternativen zu Strafen, darum, dass einzelne Kinder nicht aus der Großgruppe ausgegrenzt werden. Und immer wieder um Selbstreflexion des Teams in den Einrichtungen.

Die Sozialpädagogik will den Blick umdrehen

Manchmal nerven Kinder ja auch einfach nur mit ihrem grenzenlosen Egoismus. Die Sozialpädagogik will den Blick umdrehen. An sich zu denken, sei eben ein wichtiger Entwicklungsschritt für das Einfühlen in andere. „Nur wenn ich mir meiner selbst bewusst und sicher bin, kann ich auch den anderen in seiner Andersartigkeit anerkennen“.

Rollenspiel können da helfen. – Und dann wurde der Referent persönlich. Ohne eine bessere Sozialpolitik, ohne am Dauerskandal von 15 Prozent Kinderarmut zu arbeiten, müsse jede Pädagogik an Grenzen kommen. – Sprecherinnen von verschiedenen Kitas kamen zu Wort und berichteten, wie gut es tut, wenn man sein eigenes Tun auch mal spiegeln kann.

Bei Kita 2020 kommt der Coach nicht erst, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist. Die Experten von außen fungieren als regelrechte Teamaufsteller und machen das pädagogische Personal selbst resilient gegen Rückfall in alte Muster.

„Viele Kinder, wenig Personal“

Manchmal reift dann aber auch die Erkenntnis, dass man viel zu schnell eingreift, so Bettina Landau, Leiterin des Kohläcker-Kindergartens in Haubersbronn. Das heißt dann, den Kindern genug Raum zu geben, selber kreative Lösungen zu finden, wie man besser miteinander auskommt. Die Situation sei ja so: „Viele Kinder, wenig Personal.“ Wer von den Großen will schon immer wissen, wer angefangen hat und wie es hernach weitergeht.

Diplom-Pädagoge Günther Gugel: „Recht auf eine gewaltfreie Erziehung.“ Foto: Steinemann


Konkrete Arbeit

Keine Arbeit mit Kindern ohne die Eltern. Das ist die Erkenntnis in der Schatzkiste in Schmiden. Einmal ist ein Vater schier selbst auf die Barrikaden gegangen, weil das Kita-Team eine Kampfarena fürs kontrollierte Kräftemessen aufbauen wollte. Hernach war er es dann, der den anderen Eltern die Absicht dahinter erklärte.

In Oeffingen gilt es, viele Flüchtlingskinder zu integrieren. Zunächst musste viel gelernt werden über verschiedene Kulturen, und auch die Unterschiede anzusprechen. Das habe sich das Team zuvor nicht getraut. Viel geht über gemeinsame Koch- und Backaktionen. Kinderbücher in verschiedenen Sprachen wurden angeschafft. Die syrische Mutter in den Kindergarten geholt, damit sie daraus vorliest. Es gelte, verschiedene Kulturen zu verknüpfen, dabei auch den christlichen Glauben vorzuleben. Von allen zu profitieren, aber niemandem etwas aufzudrängen, das sei die Losung.