Waiblingen

Kirchengemeinde bekennt sich zu Schwulen und Lesben

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Thomas Grau, Vorsitzender des Kirchengemeinderats, und Dekan Timmo Hertneck bei der Diskussion. © Gabriel Habermann
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Vikarin Susanne Kreuser argumentiert kämpferisch für die Rechte der Schwulen und Lesben. © Gabriel Habermann

Waiblingen. Die evangelische Kirchengemeinde bekennt sich zu Schwulen und Lesben in der Kirchengemeinde, zur Segnung gleichgeschlechtlicher Paare und zu schwulen und lesbischen Paaren im Pfarrhaus: Mit überwältigender Mehrheit hat der Kirchengemeinderat diesen Grundsatz-Beschluss gefasst, der nun der Landeskirche und der Landessynode zugeschickt werden soll. Vor der Abstimmung hatten sich Kirchengemeinderäte nochmals grundsätzlich zum umstrittenen Thema geäußert.

Monate nach dem ersten Antrag hat der Kirchengemeinderat am Montagabend über den Antrag von Uli Stietz abgestimmt. Klar war nach den Diskussionen der vergangenen Monate: Ein inhaltlicher Kompromiss wird in dieser Frage nicht zu finden sein. „Wir sollten uns als Gremium deutlich positionieren“, forderte Stietz. Um den Gegnern der Initiative aber trotzdem entgegenzukommen, nahm er von seinem ursprünglichen Vorschlag Abstand, der Initiative Regenbogen beizutreten und damit am Label der Initiative festzuhalten.

Jugendreferent ist skeptisch

Als einer, der ganz große Probleme mit der Öffnung der Kirchengemeinde hat, outete sich Jugendreferent Daniel Paul. Paul selbst hat kein Stimmrecht im Kirchengemeinderat, forderte aber, „maximal die beiden ersten Punkte“ zu beschließen und den letzten Punkt – also die Offenheit für schwule und lesbische Paare im Pfarrhaus – zu streichen. Viele Kirchenmitglieder hätten sich mit diesem Punkt sehr schwer getan. Er selbst habe keine Probleme mit Lesben und Schwulen, wohl aber damit, wenn sie im Pfarrdienst tätig sind.

Uli Stietz: Bitte keinen Wischiwaschi-Antrag

„Bitte keinen Wischiwaschi-Antrag“, wies dies Uli Stietz zurück und warnte davor, von der Öffnung der Pfarrhäuser für gleichgeschlechtliche Paare abzurücken: „Er ist die logische Konsequenz aus den ersten beiden Punkte. Sonst muss man die ebenfalls ablehnen.“ Pfarrer Matthias Wagner sprang ihm zur Seite: Er habe keine Bedenken, den Punkt zur Abstimmung zu stellen. Einigen werde man sich wohl nie, doch die Diskussionen der vergangenen Monate zeichneten die Gemeinde aus. Mittlerweile habe sich mit der Ehe für alle auch die Gesetzeslage geändert. „Was wir jetzt machen, kann und wird perspektivisch für die ganze Landeskirche sein“, prognostizierte er. Ähnlich wie bei der Frauenordination werde diese Frage in 50 Jahren keine Rolle mehr spielen.

Kirchengemeinderat: Waiblingen ist noch nicht so weit

Man lebe aber nicht in 50 Jahren, konterte Kirchengemeinderat Joachim Seeger und klagte: „Waiblingen ist noch nicht so weit. Wir sind mitten durch die Gemeinde gespalten.“ Den Vorwurf der Spaltung wies Uli Stietz zurück: Auch durch die Haltung der Gegner würden vielen Menschen ausgegrenzt.

Auch Luther hat nicht daran gedacht, ob er andere verprellt

„Wen schließen wir aus? Die Leute, die die Öffnung nicht wollen, oder die Jungen?“, fragte Vikarin Susanne Kreuser in die Runde. Für sie sei es total normal, dass Leute schwul oder lesbisch sind. „Wir haben Bock auf Tradition, aber auf Dauer ist es nicht attraktiv, allem gesellschaftlichen Wandel hinterherzuhinken.“

Im Reformationsjahr erinnerte sie an Luther, der bei seinen Thesen auch nicht daran gedacht habe, ob er andere damit verprellen würde. 500 Jahre danach seien Frauen im Pfarramt nichts Besonderes mehr. „Ich kann mich auf jede Stelle bewerben, mein schwuler Kollege aber nicht“, sagte sie. Dem Gemeinderat wünschte sie bei der Abstimmung „eine gute Portion lutherischen Mutes“, während Daniel Paul nochmals davor warnte, Menschen mit konservativem Blick zu verlieren.

Niemand soll in Lüge leben müssen

„Kirche ist auch ein Raum für Lesben und Schwule“, betonte Dekan Timmo Hertneck. Er sei nicht nur der Seismograf seiner Gemeinde, sondern müsse sich auch vor Gott rechtfertigen. Hertneck warnte vor einer Sonderbehandlung von Pfarrern, die man mühsam überwunden habe: „Ich bitte, das Gewissen und die Erkenntnis des Glaubens hochzuhalten.“

Das letzte Argument vor der Abstimmung brachte Kirchenmusikdirektor Immanuel Rößler ins Spiel. Er kenne viele Pfarrer, auch homosexuelle: „Was mich am meisten mitnimmt, sind vertraute Menschen, die in Lüge leben und sich verstecken müssen.“ Sogar Ehen kenne er, die geschlossen wurden, um die Homosexualität zu verbergen. Und Leute, die eigentlich ins Pfarramt gehört hätten, aus Not aber Religionslehrer geworden seien.


Auch wenn die Auswirkungen im Alltag der Kirchengemeinde nicht unmittelbar spürbar sein werden: mit ihrem Bekenntnis zu Lesben und Schwulen in der Gemeinde und der Kirche hat die evangelische Kirchengemeinde ein starkes und wichtiges Zeichen gesetzt. Nach mehreren Gemeindeabenden, bei denen Betroffene, aber auch Gegner ausführlich zu Wort kamen, kann keiner sagen, dass sich die Gemeinde den Beschluss leicht gemacht hätte. Am Ende fiel die Entscheidung mit herausragender Mehrheit. Und das ist gut so. In Zeiten einer erschreckend starken AFD, die trotz ihrer lesbischen Spitzenkandidatin gegen die Homo-Ehe wettert und immer wieder offen homophob auftritt, braucht es Menschen, die klar für eine offene Kirche und Gesellschaft einstehen.

Der Beschluss im Wortlaut

  • Die ersten 16 Kirchengemeinden zwischen Heilbronn und Tuttlingen überreichten am 9. Juli 2016 dem Landesbischof und der Präsidentin der Württembergischen Evangelischen Landessynode in Heilbronn eine öffentliche Erklärung, die die evangelische Kirchengemeinde Waiblingen nun im Wortlaut übernommen hat. Sie lautet: „Wir sind offen für Lesben und Schwule in unserer Gemeinde: für die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare für Pfarrerinnen und Pfarrer, die mit ihrer Partnerin/ihrem Partner im Pfarrhaus leben wollen. Für uns ist es selbstverständlich, dass Lesben und Schwule zur Kirchengemeinde gehören. Menschen unterschiedlicher Lebensformen und sexueller Identitäten sind willkommen.“
  • Der Regenbogeninitiative selbst ist die Waiblinger Kirchengemeinde nicht beigetreten.