Waiblingen

Kirchenstreit: Mehr Fragen als Antworten

Kirche Hegnach_0
Die evangelische Nikolauskirche Hegnach © Joachim Mogck

Waiblingen.
Zwölf Wochen, ausführliche Gespräche mit mehr als 80 Menschen: Niemand wird Prälatin Gabriele Wulz und Kirchenrat Georg Ottmar vorwerfen können, sie hätten sich nicht Mühe gegeben, sich nicht eingegraben in die Tiefen und Untiefen des Kirchenstreits in Hegnach. Nun ist die außerordentliche Visitation in der evangelischen Gemeinde beendet, die Vertreter der Landeskirche sind wieder fort. Das Ergebnis stimmt nicht alle zufrieden, und die offizielle Mitteilung dazu wirft mehr Fragen auf, als sie beantwortet. Etliche Mitglieder haben sich in den vergangenen Jahren umgemeinden lassen – nach Neustadt, Hohenacker oder in die Kernstadt. Andere überlegen jetzt ebenfalls. „Was das für mich und meine Familie bedeutet, haben wir noch nicht abschließend entschieden“, sagt Bernd Linsenmaier. „Der Gemeinde in Hegnach fühlen wir uns nicht mehr zugehörig, aber wohin wir gehen sollen, wissen wir auch nicht.“

Offene Diskussionen waren nicht mehr möglich

Was ist passiert in Hegnach? Eine Vielzahl einzelner Streitpunkte habe zu Zerwürfnissen innerhalb der Gemeinde geführt, sagt Prälatin Gabriele Wulz aus Ulm. Diese hätten teils eine lange Geschichte, die viele Jahre weiter zurückreiche als die Amtszeit des Pfarrers Bernhard Elser. Im ganzen Konflikt spielten persönliche Befindlichkeiten, die sich im Lauf vieler Jahre aufschaukelten, eine große Rolle. Was die Theologin und Mit-Stellvertreterin des Landesbischofs nicht erkennen kann, sind eindeutige Konfliktlinien, etwa zwischen Liberalen und Evangelikalen oder zwischen Evangelikalen und Ultraevangelikalen. Die von Kritikern aufgeworfene Frage, die Frage, ob in Hegnach eine Richtungsgemeinde entsteht, sei „nicht zielführend“. Schon allein deshalb, weil es Richtungsgemeinden innerhalb der Landeskirche gar nicht gebe. Jedoch herrsche in Hegnach eine „geprägte Frömmigkeit“ vor – und zwar eine stark pietistische. Für viele sei genau diese – bibeltreue und konservative – Ausprägung eine geistige Heimat. Sie habe „im landeskirchlichen Spektrum ihren Platz“. Zur Wirklichkeit der Landeskirche gehören eben „unterschiedlichste Frömmigkeitsstile und theologische Grundüberzeugungen“. Was aus den Worten der Prälatin jedoch mit deutlich wird: Diese Pluralität gibt es nicht innerhalb jeder Gemeinde, vielmehr haben Gemeinden verschiedene Ausprägungen. Tatsächlich gilt die Waiblinger Kernstadt, obwohl im pietistischen Remstal gelegen, als liberal. In der Konsequenz suchen sich die Christen ihre Gemeinde aus, die Identität von Wohnort- und Herzensgemeinden entspreche nicht mehr der vollen Realität – und Umgemeindungen gehören zur Normalität. Die finden innerhalb Waiblingens statt, aber auch – wegen der Haltung der Versöhnungskirche zur Homosexualität – auch innerhalb Schorndorfs.

Andere, liberaler Gesinnte, finden sich in der geistlichen Ausrichtung der Gemeinde nicht wieder. Mitglied Bernd Linsenmaier sieht die Entwicklung kritisch: „Einerseits, weil sich Gemeinden so auseinanderbewegen und voneinander abgrenzen. Anderseits geht die Freiheit des einzelnen Gemeindemitglieds verloren, das Wort Gottes zu lesen, auf sich wirken zu lassen und mit anderen in der Gemeinde unbekümmert zu diskutieren.“ Diese wünschenswerte Fähigkeit zur offenen Diskussion, das bestätigt auch Gabriele Wulz, habe in Hegnach nicht mehr bestanden. Dennoch seien die Hegnacher Christen „keine Unmenschen“, sie habe viele tolle Leute kennengelernt. Respekt und gegenseitige Achtung lauteten die Aufgaben für die Zukunft.

Vorwürfe gegen Pfarrer Bernhard Elser, was von ihm geleitete Taufen oder Bestattungen anbelangt, gebe es „durch die Bank“ nicht. Hinsichtlich theologischer Diskussionen pflege er allerdings „dezidiert Position“ zu beziehen. Offensiv bekennt er sich zu Ulrich Parzanys (ultra-) evangelikalem Netzwerk Bibel und Bekenntnis, das sich ausdrücklich gegen Pluralität in der Kirche wendet. Die Prälatin sieht das Netzwerk, das sich die Chance offenen Austauschs verbaue, kritisch.

Waiblingen.
Zwölf Wochen, ausführliche Gespräche mit mehr als 80 Menschen: Niemand wird Prälatin Gabriele Wulz und Kirchenrat Georg Ottmar vorwerfen können, sie hätten sich nicht Mühe gegeben, sich nicht eingegraben in die Tiefen und Untiefen des Kirchenstreits in Hegnach. Nun ist die außerordentliche Visitation in der evangelischen Gemeinde beendet, die Vertreter der Landeskirche sind wieder fort. Das Ergebnis stimmt nicht alle zufrieden, und die

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