Waiblingen

Kitas vor der nächsten Streikwelle

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Zwei Jungs im Kinderhaus Sämann spielen vergnügt mit der Holzeisenbahn. © Alexandra Palmizi/ZVW

Waiblingen. Bundesweit finden Kindergärten immer schwerer geeignetes Personal. In Fellbach wurden deshalb kürzlich an zwei Einrichtungen die Öffnungszeiten verkürzt. In Waiblingen sei der Personalnotstand noch nicht angekommen, versichert die Stadtverwaltung. Derweil droht eine ganz andere Art von Personalmangel: die nächste Streikwelle.

Gefühlt liegen die letzten Kitastreiks nicht lange zurück. Zum Tarifabschluss war es nach längerem Arbeitskampf 2016 gekommen, vergangenes Jahr stieg der Tarif wie vereinbart um eine weitere Stufe. Jetzt läuft eine neue Runde an: Voraussichtlich für Dienstag ruft die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi im Zuge der laufenden Tarifverhandlungen zum Warnstreik auf. Auch Kindertageseinrichtungen in Waiblingen werden wieder betroffen sein. Die Stadt richtet an mehreren Kitas Notgruppen ein. Sechs Prozent mehr Lohn fordert Verdi, mindestens aber 200 Euro mehr im Monat. Doch nicht nur während der Streikphasen herrscht Mangel. Überall müssen Kommunen, Kirchen und freie Träger ihre Bemühungen verstärken, damit die Personaldecke nicht zu dünn wird. Aber wo ansetzen? Vor einigen Jahren versuchte es die Stadt Waiblingen mit einer Treueprämie für Erzieherinnen und Erzieher – gebracht hat sie wenig bis gar nichts.

Trend geht klar zur bezahlten, dualen Ausbildung

„Geld ist nicht alles“, sagt Erste Bürgermeisterin Christiane Dürr zur Personalsuche. Nicht verwunderlich für eine Vertreterin der Arbeitgeberseite, doch tatsächlich hat die Stadt in den vergangenen Jahren einiges getan, um Arbeitsklima und Gesundheit der Belegschaft zu verbessern. Zwei Fachberaterinnen coachen und vermitteln, wenn es in den Teams knirscht, denn Dauerkonflikte verschlingen Unmengen von Energie und machen krank.

Wollen Erzieherinnen Arbeitszeit reduzieren, etwa um Zeit für die Familie zu haben, Angehörige zu pflegen oder um berufsbegleitend zu studieren, soll ihnen das, so gut es geht, ermöglicht werden. „Über die Dienstpläne kann man viel regeln“, weiß Erika Schwiertz, Fachbereichsleierin Bildung und Erziehung. Sich aufstauende Unzufriedenheit könne so vermieden werden. Kostenlose Gesundheitsangebote gibt es ebenso für Rathaus-Mitarbeiter wie für das Kita-Personal. Besonders beliebt sind Yoga, Zumba, Pilates und Selbstverteidigung für Frauen. Wer will, kann sich alternativ in der Kunstschule entspannen – beim Zeichnen in der Mittagspause.

Dazu kommt ein umfassendes Angebot von Fortbildungen. Erzieherinnen sollen je nach Neigung Schwerpunkte setzen dürfen, die bei der Arbeit den Kindern zugutekommen – sei’s Musik, Sport oder Kreatives. Da Unzufriedenheit oft daher rührt, dass Pädagogen mit fachfremden Aufgaben überfrachtet werden, bekommen Kitas zunehmend Hilfe bei der Verwaltung, in der Küche sowieso. Kita-Leiterinnen bekommen zwei Stellvertreterinnen zur Seite, damit Pflichten auf mehrere Schultern verteilt werden. Zugleich eröffnen sich dadurch Perspektiven für einen schrittweisen Aufstieg und fürs Hineinwachsen in eine Leitungsfunktion. Der Mix aus Fortbildung, Coaching und Gesundheitsvorsorge hilft nach Überzeugung von Christiane Dürr und Erika Schwiertz tatsächlich, Personal zu halten und greift dabei mehr als die alte Treue-Zulage. Zuletzt seien deutlich weniger Kräfte an freie Träger abgewandert.

Fremde Berufe als Bereicherung für Kita-Teams

Vielleicht der wichtigste Faktor im Kampf gegen den Personalmangel: Der Nachwuchs wird selbst herangezogen. Der Trend geht eindeutig weg von der klassischen Erzieherinnen-Ausbildung hin zur dualen, praxisintegrierte Ausbildung „Pia“ in Kooperation mit der Ludwig-Schlaich-Akademie oder anderen Partnern. Letztere Variante wurde anfangs vor allem von Quereinsteigern gewählt, inzwischen werden die Auszubildenden immer jünger. Denn im Gegensatz zur klassischen Erzieherinnen-Ausbildung bekommen die Berufsanfänger schon in den ersten drei Jahren ein Gehalt. Die Stadt beschäftigt derzeit 31 „Pia“-Auszubildende und 32 im klassischen Anerkennungsjahr.

Hebammen oder Grundschullehrerinnen in Kindergärten? Für viele riecht das nach Notlösung, Christiane Dürr dagegen wird nicht müde, die Vorzüge der „multiprofessionellen Teams“ hochzuhalten. Grundschullehrerinnen könnten ihre Kompetenz für den Übergang in die Schule einbringen, Heilerziehungspfleger bei der Inklusion von Behinderten, Logopäden bei der Sprachförderung und so weiter. 14 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind in diesem Sinne Team-Mitglieder in städtischen Kitas. „Eine Bereicherung“, ist sich die Erste Bürgermeisterin sicher. Ebenso die Erzieher in der männlichen Form: Früher Exoten, heute eine erstarkende Minderheit von acht Fachkräften, zwölf Auszubildenden sowie acht jungen Männern im Bundesfreiwilligendienst und Freiwilligen Sozialen Jahr.

Aktuell beschäftigt die Stadt 187 pädagogische Fachkräfte. 20 Stellen sind unbesetzt. Das liege etwa zur Hälfte an „natürlichen“ Schwankungen wie durch Schwangerschaft – und eben an der schwierigen Personalsuche. Von Notstand könne deshalb aber keine Rede sein – „noch nicht“. Wegen des fortschreitenden Ausbaus der Kindertagesstätten und der Ganztagsschulen landauf, landab werde sich die Lage zweifellos noch verschärfen. Potenzial, darauf zu reagieren, sieht die Verwaltung noch im Ausbau der multiprofessionellen Teams und der Auslagerung nicht-pädagogischer Aufgaben. Öffnungszeiten zu kürzen, wäre für Christiane Dürr erst die „Ultima Ratio“.

Kita-Notgruppen am Dienstag

Kinderhaus Mitte: Notbetreuung für 30 Kleinkinder 6.30 bis 17 Uhr; keine Betreuung für Kindergartenkinder.
Kinderhaus Im Sämann: geschlossen. Notbetreuung für Kindergartenkinder in der Kita Beim Salierschulzentrum.    
Kita Beim Salierschulzentrum: Notbetreuung für 30 Kindergartenkinder 7 bis 15 Uhr.
Kita Beim Wasserturm: Notbetreuung für 30 Kindergartenkinder, Notbetreuung für alle Kleinkinder 7 bis 15 Uhr.
Kindergarten Salierstraße: geöffnet.
Kita Im Burgmäuerle: geschlossen.    
Waldgruppe Hegnach: geschlossen.
Kita Obsthalde: Notbetreuung für 25 Kindergartenkinder, Notbetreuung für fünf Kleinkinder 8 bis 15 Uhr.
Kita Bangertstraße: geöffnet.    
Kita Taubenstraße: Notbetreuung für 40 Kindergartenkinder, Notbetreuung für zehn Kleinkinder 7 bis 14 Uhr.
Kita Ringstraße: geschlossen.    
Kita Kirchäcker: Notbetreuung für 30 Kindergartenkinder, Notbetreuung für zehn Kleinkinder 7 bis 13 Uhr.
Kita Mühlweingärten: Notbetreuung für 25 Kindergartenkinder im Haupthaus 7 bis 14 Uhr; keine Kleinkindbetreuung.    
Kita Berg-Bürg: geöffnet.