Waiblingen

Klimawandel: Was kommt auf Waiblingen zu und was können wir tun?

Brunnenbittenfeld
Der Löwenbrunnen in Bittenfeld war in manchen Sommern wegen der Trockenheit teilweise schon ohne Wasser. Im April 2020, aus dem dieses Bild stammt, lag es allerdings daran, dass der Betriebshof den Brunnen wegen des Corona-Schichtbetriebs noch nicht wieder aus dem Wintermodus holen konnte. © Gaby Schneider

Auch in Waiblingen wird es bald deutlich mehr heiße Tage geben, so Björn Schäfer, der Leiter des Fachbereichs Botanik der Wilhelma. Flächen entsiegeln, Fassaden begrünen und Straßen und Plätze in der Innenstadt mit mehr Schattenspendern ausrüsten, das ist Schäfers Rat bei einem Vortrag auf Einladung des Arbeitskreises „Waiblingen engagiert“ im gut besuchten Welfensaal des Bürgerzentrums. Aber auch: weniger Zuzug in den Ballungsraum.

Es gehe ihm nicht darum, politische Entscheidungen, die in der Vergangenheit aufgrund des damaligen Wissensstands getroffen wurden, im Nachhinein zu kritisieren, so Schäfer. Es gehe ihm als Wissenschaftler vielmehr darum, „die Fakten auf den Tisch zu legen“. Sie seien verfügbar. Was allerdings erstaune, sei die weit verbreitete Unkenntnis derjenigen, von denen die Entscheidungen für die Zukunft getroffen werden.

Dies stellte eine Replik auf das Grußwort von Oberbürgermeister Andreas Hesky dar, der erklärt hatte, diese Entscheidungen würden weder von den politischen Entscheidungsträgern in Land oder Stadt getroffen, sondern „wir alle treffen sie untereinander“. Die Kommunalpolitik sei aufgerufen, den Stadtentwicklungsplan für Waiblingen weiterzuentwickeln, „aber wir alle sind gefordert“, hatte Hesky die Verantwortung an die Bürger weitergegeben.

Höhere Temperaturen, mehr Starkregen

Die Auswirkungen des Klimawandels zeigten sich sowohl in den erhöhten Durchschnittstemperaturen des vergangenen Jahres wie auch in den Starkregenfällen und niedrigen Temperaturen in diesem Jahr, die auf den Zusammenbruch des „Polarwirbel-Splits“, also der West-Ost-Windströmung über der Arktis, zurückzuführen seien, die bisher den Transport der Kalt- und Warmluftströmungen geregelt hatte, so Björn Schäfer.

Die Waiblinger Innenstadt, erklärte Schäfer, weise ein gegenüber dem Umland stark verändertes Lokalklima auf. Dies werde verursacht durch die dichte Bebauung, die Versiegelung großer Flächen und die damit verbundene spärliche Vegetation sowie den vermehrten Ausstoß von Luftschadstoffen. Die Folgen seien höhere Durchschnittstemperaturen, schlechtere Durchlüftung und eine höhere Schadstoffkonzentration in der Luft sowie die Entstehung einer städtischen Wärmeinsel mit bodennah höheren Lufttemperaturen.

Immer mehr heiße Tage

In Großstädten würden bereits Unterschiede von mehr als zehn Grad Celsius in der Jahresmitteltemperatur im Vergleich zum Umland gemessen. In der Waiblinger Innenstadt wurden über den Zeitraum von 1971 bis 2000 durchschnittlich mehr als 32 Tage pro Jahr mit Temperaturen von über 25 Grad gemessen. Nach den wissenschaftlichen Vorhersagen bis 2040 geht Schäfer davon aus, dass Waiblingen dann 18 zusätzliche Sommertage pro Jahr mit über 25 Grad erleben könnte.

Damit einher gehe ein kontinuierliches Absinken des Grundwasserspiegels. Es sei darauf zurückzuführen, dass aufgrund der weiter fortschreitenden Bodenversiegelung Regenwasser nicht versickern und die Grundwasservorräte auffüllen könne. Bei starken Regenfällen können Kanalisation und Vorfluter die oberflächlich abfließenden Wassermassen nicht fassen und es könne so zu Überschwemmungen kommen. Im Gegenzug könnten versiegelte Böden kein Wasser verdunsten und daher im Sommer nicht zur Kühlung beitragen; sie seien als Standort für Pflanzen ungeeignet, die wiederum als Schattenspender und Wasserverdunster nicht zur Verfügung stünden.

Hinsichtlich der Versorgung der Waiblinger Innenstadt mit Frischluft habe sich die Situation gerade durch die Bebauung der Blütenäcker drastisch verschlechtert, die der zwischen Waiblingen und Fellbach gelegenen Luftleitbahn sei gerade in der Diskussion beziehungsweise im Gange. Deren Bebauung, so Schäfers Vorschlag, sollte mit einem angemessenen niedrigen Nutzungsmaß und mit großen Abständen zwischen den einzelnen Gebäuden erfolgen, wenn sie schon nicht ganz vermieden werden könne.

In der Stadt sollten Zisternen gebaut werden

Als Maßnahmen für den Erhalt eines gesunden Stadtklimas in Waiblingen, vor allem in den Brennpunkten Altstadt, Alter Postplatz, Querspange, Fronackerstraße und Industriegebiet Eisental, empfahl Schäfer die Erhaltung von Klimaschutzflächen, die Begrünung und Verschattung von Straßen und Plätzen, Entsiegelungsmaßnahmen, Dach und Fassadenbegrünung, die Anpassung der Stellung von Baukörpern bei Neubauten an die Richtung der Luftströmungen, den Wärmeschutz der Gebäude, Dach- und Fassadenbegrünung, den Schutz von bestehenden Parks und Grünflächen sowie den Bau von Zisternen, um das bei Starkregen anfallende Wasser für Trockenperioden zu sammeln. Den Bürgern empfahl er, sich in Stadtentwicklungs- und Bürgerbeteiligungsprojekte einzubringen.

„Es wird nicht möglich sein, alles zuzubauen“, so Schäfer. Da Menschen sowohl Wohnraum, Industrie, Infrastruktur, Landwirtschafts-, Natur- und Naherholungsflächen benötigten, und mehr Menschen noch mehr von alledem bräuchten, müsse einem die Vernunft sagen, dass Lebensqualität nur dadurch erhalten werden könne, wenn weitere Migrationsbewegungen in die Ballungsräume vermieden werden. „Es gibt keine perfekte Lösung“, räumte Schäfer ein, aber es könne nicht Ziel von Regionalentwicklung sein, „die Menschen hier endlos zu stapeln, während wir in den Gemeinden an den Grenzen angelangt sind“.

Auch in Waiblingen wird es bald deutlich mehr heiße Tage geben, so Björn Schäfer, der Leiter des Fachbereichs Botanik der Wilhelma. Flächen entsiegeln, Fassaden begrünen und Straßen und Plätze in der Innenstadt mit mehr Schattenspendern ausrüsten, das ist Schäfers Rat bei einem Vortrag auf Einladung des Arbeitskreises „Waiblingen engagiert“ im gut besuchten Welfensaal des Bürgerzentrums. Aber auch: weniger Zuzug in den Ballungsraum.

Es gehe ihm nicht darum, politische Entscheidungen,

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