Waiblingen

Kult-Pfarrer und "Supertyp" Klappenecker wird 75

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Vor dem Pfarrhaus in der Fuggerstraße kündigt sich Ostern an. © Palmizi / ZVW

Waiblingen. Wie gerne würde er bescheiden absehen von großem Brimborium um seine Person. Mit viel Mitgefühl und der gebotenen Zeit für die Menschen seinen Dienst als Pfarrer von Sankt Antonius zu verrichten und zu leben – das ist seine Sache. Doch ganz ohne Feier geht’s diesmal nicht: Franz Klappenecker wird am Ostermontag 75.

Als sein 60. Geburtstag anstand und auf Karfreitag fiel, gab Franz Klappenecker der Sekretärin seine Wunsch-Antwort auf Feier-Anfragen vor: „Sagen Sie den Leuten, am Karfreitag gibt’s nichts, und am Karsamstag ist es schon vorbei.“ Nicht, dass er die Menschen nicht sehen möchte, die ihm gratulieren wollen, ganz im Gegenteil. So ließ er diesmal zumindest eine kleine Feier zu.

Er möchte nicht herausragen

Nach dem normalen Gottesdienst am Ostermontag, den er selbst hält, gibt’s also einen Stehempfang mit Grußworten. Grund für die Zurückhaltung: Der Donautäler möchte nicht auf ein Podest gestellt werden. Jeder tue seinen Dienst an seiner Stelle. Der Familienvater, der täglich arbeitet, um seine Lieben zu ernähren, die alleinerziehende Mutter, die aufopfernd kämpft, um durchzukommen. „Da möchte ich nicht herausragen.“ Was sich nun doch nicht ganz vermeiden lässt nach 40 Jahren als Pfarrer einer großen Gemeinde, deren Gesicht er ist, nach innen wie nach außen.

Pole, die er als Seelsorger oft erlebt

Jetzt zwischen Karfreitag und Ostern verdichtet sich alles, was christlichen Glauben bewegt: Höhe und Tiefe, Trauer und Jubel, Zweifel und Klarheit. Pfarrer Franz Klappenecker erlebt diese Pole als Seelsorger oft. Bei Gesprächen mit Paaren vor der Trauung, wenn sich zwei das Versprechen fürs Leben geben, und bei Besuchen bei Angehörigen in Trauerfällen. Sterben nach einem langen Leben ist Normalität.

Trauer: „Ich kann und will dabei keine Routine entwickeln"

Aber es gibt auch die Fälle, in denen alles „durchkreuzt“ ist und das Leid wie am Kreuz unerträglich scheint, wenn Kinder sterben oder mitten im Leben stehende Menschen tödlich verunglücken. Franz Klappenecker besucht die Leute bewusst zu Hause, um ihre Lage ganz zu erfassen. Das nimmt auch einen Menschen mit, der nicht direkt betroffen ist, solche Schicksalschläge gehen mit ihm um, beschäftigen ihn noch lange, daran hat sich in all’ den Jahren nichts geändert. „Ich kann und will dabei keine Routine entwickeln wie in anderen Bereichen.“

„Hat das auch noch sein müssen?“

Selbst auf der Zielgeraden eines langen Berufslebens als Pfarrer sind längst nicht alle Fragen geklärt, vieles will einfach nicht aufgehen. Klappenecker hält es mit dem Theologen Romano Guardini, der einmal sagte, gerne beantworte er bei seinem Tod dem Herrgott alle seine Fragen – „aber dann hätte ich auch noch welche an ihn“. „Hat das auch noch sein müssen?“, lautet die schwäbisch-saloppe Wendung der alten Theodizee-Frage nach der Gerechtigkeit Gottes. Umso beglückender, wenn Menschen nach einem Leidensweg ihre Geschichte als sinnvoll erleben, wie Vertriebene – und es gibt in der katholischen Gemeinde viele davon –, die in der neuen Heimat ihr Glück finden konnten.

"Wunder der Versöhnung" zeigt sich an Ostern

Wenn eine Waiblingerin, die als junge Frau im russischen Bergwerk Zwangsarbeit leisten musste, Jahrzehnte später im Urlaub die Pracht Sankt Petersburg genießt. Wenn sich ehemalige Erzfeinde wie Deutschland und Frankreich die Hand reichen – Franz Klappenecker wohnte 1962 der Rede Charles des Gaulles an die deutsche Jugend in Ludwigsburg bei. Es ist das „Wunder der Versöhnung“, das sich besonders auch an Ostern zeigt.

Wie sieht sein eigenes Leben aus?

Und das eigene Leben, der private Franz Klappenecker? „Wenn ich hier bin, bin ich im Dienst“, sagte er ohne Klage. Abends klingelt oft munter das Telefon. Entspannung findet er bei Hochzeiten und Geburtstagen, richtig Privatmann ist er nur beim Wandern im Sommerurlaub. Da marschiert er immer noch tagelang über die Berge – ob als „Supertyp“ unter lauter jungen Leuten bei der internationalen Freizeit „Große Hütte“ oder aber allein. Das Tempo hat altersbedingt etwas nachgelassen, doch Schritt für Schritt macht der Jubilar seine Kilometer mit großer Ausdauer. Und gerne besucht er seine Geschwister im traumhaft schönen Donautal.

Wann er aufhört steht noch nicht fest

Seine Arbeit in der Gemeinde schafft er trotz seiner 75 Jahre ohne Einschränkung. „Mir wurde eine stabile Gesundheit geschenkt, es ist nicht mein Verdienst.“ In nicht allzu ferner Zukunft wird er aufhören, er macht sich natürlich seine Gedanken, ein Datum stehe jedoch noch nicht fest. Die Kirchenobrigkeit überlässt die Entscheidung vom 70. Geburtstag an den Pfarrern selbst.

Stelle wird auch nach ihm wieder besetzt

Jeder weiß: Katholische Pfarrer sind Mangelware. Dennoch wird die Stelle auch nach ihm besetzt werden, daran hat Klappenecker keinen Zweifel. Die Gemeinde ist einfach zu groß, um sie unbesetzt zu lassen. Angesichts der Personalknappheit, das betrachtet er mit Sorge, werden die Verantwortungsbereiche der Kollegen immer mehr erweitert. Zulasten dessen, was wichtig ist: Kontaktaufnahme, Beziehungen, Seelsorge. „Im PC kann man viele Kontakte speichern, im Menschen nicht unbeschränkt.“ Beziehungen brauchen gemeinsame Zeit.

Zölibat: „Ich habe es nie bereut“

Die Scheu, sich auf ewig zu binden, wächst allgemein. Seine eigene Lebensentscheidung, katholischer Pfarrer mit allen Konsequenzen zu werden, hat Franz Klappenecker nach eigenen Worten „nie bereut“. Wenngleich er nie den Stab breche über Kollegen, die angesichts des Zölibats aufgeben, sieht er doch die Vorzüge dieser vielen unzeitgemäß erscheinenden Lebensform: ein Zeichen, ganz und gar für die Aufgabe da zu sein, als ganzer Mensch in den Dienst gestellt zu sein.

Mit sehr vielen Menschen Freud' und Leid geteilt

Auf Dauer, glaubt er, werde die Kirche davon allerdings abrücken müssen vom Zwang zum Leben ohne eigene Familie. Für sich persönlich kann der Jubilar sagen: Im Pfarrerberuf begegnete und begegnet ihm das Leben in allen seinen Farben, den hellen wie den dunklen. Feste feiern verbindet, gemeinsame Trauer schafft mindestens ebenso starke Verbindungen. „Ich habe mit sehr vielen Menschen Freud’ und Leid geteilt, das kann man Lebenserfüllung nennen.“

Donau-Ursprung

Aufgewachsen ist Franz Klappenecker in Nendingen bei Tuttlingen. Die Eltern gingen so selbstverständlich jeden Sonntag in die Kirche wie alle in diesem durch und durch katholischen Dorf.

Im Herbst 1971 kam er nach Stationen in Kuchen und Oberkochen an die Rems, zunächst als Vikar unter Dekan Notheis. Seit 1977 ist er Pfarrer der Sankt-Antonius-Gemeinde.