Waiblingen

Landesstraßen sind in üblem Zustand

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Strassenzustand
Rumpeldipumpel – die Straße ist schrundig und schepps, und sogar das Tempo-70-Schild hängt stilecht schief. Impression von der Landesstraße 1120 zwischen Rettichkreisel und Lutzenberg. © Schneider / ZVW
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Strassenzustand
Wumms – unter der Lkw-Belastung geht so eine Straße mit den Jahren in die Knie. © Schneider / ZVW

Althütte/Waiblingen. Die Landesstraßen im Rems-Murr-Kreis sind in üblem Zustand. Besteht Hoffnung auf baldige Besserung? Die Antwort lautet leider allenfalls: jein.

Video: Unsere kleine Reise auf den Landstraßen L 1120 und L 1119.

Unter rein ästhetischem Gesichtspunkt sind diese Fahrbahnränder durchaus auf der Höhe der zeitgenössischen Avantgardekunst: Das komplexe grafische Muster aus Rissen, Brüchen und Schrunden erinnert an die abstrakten Gemälde des Schorndorfer Pinselmeisters Andreas Heinrich Adler. Nur ist ein Straßenrand nicht dazu da, das Auge des Kunstsinnigen zu erquicken – weshalb selbst die heißesten Verehrer von Adlers schroffkühner Malerei die Landesstraßen L 1120 vom Stöckenhof über den Rettichkreisel Richtung Althütte und L 1119 von Althütte nach Sechselberg beim besten Willen nicht loben können.

Ein Flickwerk

Die Landschaft dort draußen ist wunderschön. Streuobstwiesen. Wildblumen. Wald. Sanft fließende Hügellinien. Das flirrende Spiel von Licht und Schatten, wenn die Sonne sich durchs Geäst ergießt. Die L 1119 und die L 1120 aber erinnern stellenweise arg an die Hippie-Zeit. Aus Stoffresten zusammengenähte Umhänge und Überwürfe waren damals groß in Mode, als starkes Statement gegen den Materialismus. So etwa sehen auch die beiden Straßen aus: Flickwerk.

Die L 1119 und L 1120 sind Beispiele für den Straßenverfall im Rems-Murr-Kreis und insofern besonders interessant, weil eine schnelle Verbesserung der Lage hier nicht in Sicht ist. Warum? Um das zu verstehen, müssen wir das Landesstraßen-Sanierungsprogramm des grün geführten Verkehrsministeriums genauer anschauen.

Das Sanierungsprogramm

Der grüne Verkehrsminister Winfried Hermann hat seit 2011 vieles richtig gemacht in Sachen Landesstraßen.

Früher nämlich lief das so: Die Regierung leierte gerne und vollmundig Neubauvorhaben an – beim Erhalt der bestehenden Strecken aber bildete sich ein Sanierungsstau. Hier und da wurde zwar durchaus was gerichtet, aber oft kamen nicht die Passagen zuerst dran, die sich in besonders traurigem Zustand befanden, sondern diejenigen, für die ein Bürgermeister, Landrat oder Landtagsabgeordneter mit dem richtigen Parteibuch und den besten Drähten nach Stuttgart besonders laut trommelte; das Vitamin-B-Prinzip.

Hermann setzte eine Zeitenwende durch

Erstens: Erhalt geht vor Neubau, verkündete der Minister. Zweitens: Er ließ den Zustand aller 9600 Landesstraßenkilometer systematisch mit Hilfe hochpräziser Messinstrumente erfassen. Drittens: Auf Grundlage dieser seriösen Erkenntnisse erstellte er eine Prioritätenliste, abzuarbeiten sauber von oben nach unten. Von nun an wurde nicht zuerst bedient, wer am cleversten seine Connections ins Ministerium ausspielte beziehungsweise am ausdauerndsten „Meine Straße ist die wichtigste!“ schrie; fortan galt das Motto: Die nachweislich schlechtesten Straßen haben Vorrang; bedarfsbezogener Mitteleinsatz nach transparenten und nachvollziehbaren Kriterien statt freihändiger Vergabe an genehme Provinzfürsten nach Gutsherrenart. Viertens: Hermann setzte für den Landesstraßenerhalt mehr Geld ein als früher Schwarz-Gelb.

Der Erhalt der Landstraßen kostet

Erstens bis viertens: alles super. Allein, es gäbe da noch ein „fünftens“: Man müsste so viele Euro reinbuttern, wie tatsächlich nötig sind. Und daran krankt es nach wie vor.

Derzeit wendet das Verkehrsministerium grob etwa 60 Millionen Euro pro Jahr für den Erhalt der Landesstraßen auf. Aber eine in ministerialen Kreisen kursierende Rechnung lautet: Eigentlich wären 2,10 Euro pro Quadratmeter und Jahr fällig. Bei 9600 Kilometern und einer durchschnittlichen Landesstraßenbreite von 6,50 Metern ergäbe das rund 130 Millionen.


Tausend Landesstraßenkilometer will das Verkehrsministerium bis 2020 sanieren – die dazugehörige Prioritätenliste umfasst 1174 Einzelprojekte.

Insgesamt 26 Abschnitte im Rems-Murr-Kreis finden sich auf dieser Liste. Ein einziger – die L 1153 bei Alfdorf (Platz 70) – ist bereits in Bau. Weit vorne stehen auch die L 1199 bei Stetten (Platz 95), die L 1140 bei Rohrbronn (Platz 96) und die L 1127 bei Winnenden (Platz 160). Mit der Sanierung dieser Rumpelpisten sollte es 2018 klappen.

15 der 26 Rems-Murr-Projekte aber sind auf den Priorisierungsrängen 500 und folgende gelandet. Die L 1120 ist mit zwei Teilabschnitten aufgeführt; der eine steht auf Rang 377, der andere – Tusch und Täterä – auf Rang 983. Wir spekulieren: Mit einer Sanierung 2018 könnte es eng werden.

Landstraße L 1119 noch nicht schlecht genug

Und die L 1119? Findet sich überhaupt nicht auf der Liste. Mit anderen Worten: Diese Straße mag zwar schlecht sein, aber sie ist nicht schlecht genug. Zur Sanierung dürfte es frühestens 2020 kommen, vermutlich eher noch später.

Bis dahin aber wird die L 1119 nicht schlecht bleiben – sie wird schlechter und schlechter werden; und die Reparatur teurer und teurer. Um diesen Mechanismus zu begreifen, muss man sich den Aufbau so einer Straße etwas näher anschauen.

Wie eine Straße aufgebaut ist

Viele Laien verstehen unter einer Straße das, was sie sehen: den Asphalt. Für Fachleute aber ist das nur die Deckschicht. Darunter kommt die Bindeschicht und noch weiter unten liegen bituminöse oder geschotterte Trageschichten. Die Deckschicht – auch Verschleißschicht genannt – hält in der Regel etwa 15 Jahre, dann sollte sie erneuert werden, weil Witterungseinflüsse und die Belastung durch den drüberbretternden Verkehr für Versprödung und Risse sorgen. Wasser dringt ein, im Winter gefriert es – und sprengt Stückchen aus dem Belag. Wird die Deckschicht nicht rechtzeitig saniert, werden aus Risslein Risse, aus Löchlein Löcher, das Wasser dringt tiefer, und setzt sich zwischen Deck- und Bindeschicht fest; zunächst nur an einzelnen Stellen. Aber wenn Lastwagen drüberrollen und Druck ausüben, wird das Wasser zur Seite verdrängt, weicht aus, sucht sich seinen Weg in die Breite. Regelrechte unterirdische Strömungen können entstehen. Am Ende kann es geschehen, dass auch die Bindeschicht zersetzt ist und gar die Trageschicht Schaden nimmt.

Ein rechtzeitige Sanierung würde viel Geld sparen

Es ist ein bisschen wie mit einem Haus: Ist das Dach undicht, muss man es reparieren. Tut man es nicht, sind irgendwann das Holzgebälk und die Wände feucht. Wer sich zu lange nicht um das Leck im Oberstübchen kümmert, muss eines unschönen Tages das ganze traute Eigenheim abreißen.

Der rechtzeitige Austausch der Deckschicht kostet etwa 20 bis 25 Euro pro Quadratmeter. Sind aber erst einmal auch die darunterliegenden Schichten so angegriffen, dass nur noch eine Komplettsanierung hilft, werden locker 70, 80 Euro pro Quadratmeter fällig.

Ein Teufelskreis

Das Geld aber, das man aufwenden muss für eine unverhältnismäßig teuer gewordene Reparatur an der einen Stelle, fehlt unausweichlich an einer anderen, wo aktuell vielleicht nur eine Oberflächensanierung anstünde. Sie wird nun vertagt – und womöglich hilft dann auch hier in ein paar Jahren nur noch die ganz große Lösung. Ein Teufelskreis.

Der ewige Kampf

Der antike Heroe Sisyphos musste einen Stein bergauf wälzen, und immer, wenn der Brocken oben war, rollte er wieder runter, die Maloche begann von vorn. Sisyphos kam aus dem Knechten nicht heraus, er war gefangen im ewigen Hamsterrad.

Genauso ist es mit den Straßen: In der Zeit, die benötigt wird, um die schlechtesten zu reparieren, schreitet bei den weniger schlechten der Verfall voran. Wer nicht genug Geld ins System pumpt, wird den Problemen immer nur hinterherrennen. Man macht und tut – und kann froh sein, wenn es gelingt, den Status quo zu erhalten; eine nachhaltige Verbesserung des notorisch üblen Zustandes ist so nicht zu erreichen.

So gut wie kein Fortschritt

Bei der systematischen Bestandsaufnahme der Landesstraßen vergeben die Experten auch Noten: Im Jahr 2012 lag die ermittelte Gesamtzensur bei einem Durchschnitt von 3,5. Das klingt nicht gut, erscheint aber gleich noch deutlich schlechter, wenn man bedenkt, dass die Straßen-Notenskala nicht wie in der Schule von 1 bis 6 reicht, sondern nur von 1 bis 5. Und 2016? Aktuelle Durchschnittsnote: 3,45. Vier Jahre Sanierungsmühen – und so gut wie kein Fortschritt.

Was aber, wenn eine Straße wie die L 1119, bei der sich in den nächsten drei, vier, fünf Jahren womöglich nichts tun wird, irgendwann einmal so runtergeritten, durchgenudelt und zusammengerammelt ist, dass jede Fahrt zum Risiko wird? Für die Verkehrssicherheit ist der Landkreis zuständig. Zunächst kann er die erlaubte Höchstgeschwindigkeit runtersetzen. Die Ultima Ratio aber wäre: Vollsperrung.


Der Erhalt der Landesstraßen ist chronisch unterfinanziert, das Verkehrsministerium erledigt seine Hausaufgaben nicht? Der Rems-Murr-Kreis ist gut beraten, dieses Klagelied nicht gar zu laut zu singen. Denn es gibt neben Landes- auch Kreisstraßen. Für deren Erhalt ist, der Name sagt es, der Landkreis zuständig. Und da sieht die Lage nicht viel besser aus.

Die letzte systematische Bestandsaufnahme ergab für unsere Kreisstraßen eine Durchschnittsnote von 3,2 auf einer Skala von 1 bis 5. Wie viel Geld pro Jahr nötig wäre, um wenigstens den Status quo zu halten oder gar eine Verbesserung des beklagenswerten Zustandes hinzukriegen, dazu gibt es verschiedene Berechnungen. Eine geht von 5,8 Millionen Euro pro Jahr aus, eine andere von 3,7; haushaltsfreundliche Kalkulationen legen nahe, dass man zur Not auch mit 2,5 oder 3,2 Millionen hinkommen könnte. Eines aber steht fest: Die 2,2 Millionen, die der Kreis im Haushaltsjahr 2016 einsetzte, sind zu wenig.

Fragen wir dazu einen Experten – Matthias Straus, Leiter des Straßenbauamtes beim Rems-Murr-Kreis, antwortet vorbildlich diplomatisch: „Als Straßenbauer wäre es für mich natürlich wünschenswert, dass wir auskömmliche Mittel haben“, sowohl bei den Landes- als auch den Kreisstraßen. Aber immerhin, er findet Trost: Wenn die Mittel schon „nicht auskömmlich“ sind, dann sei es doch immerhin sinnvoll, sie „da einzusetzen, wo sie am dringlichsten gebraucht werden“. Wir übersetzen das frei: Der Notstand wird vorbildlich klug verwaltet.