Waiblingen

Lehrkräfte „am Anschlag“: Warum jüngere Kinder Schulen häufiger Sorgen machen

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Schon am letzten Ferientag in der Schule: Axel Rybak, Rektor der Staufer-Realschule und geschäftsführender Waiblinger Schulleiter. © Gaby Schneider

Die Pfingstferien sind vorbei, noch knapp sechs Wochen bis zu den Sommerferien - und die Lehrkräfte sind „am Anschlag“, sagt ein Waiblinger Schulleiter. Gleichzeitig macht er sich Sorgen, dass verstärkt jüngere Schüler verhaltensauffällig werden. „Früher waren Pubertierende in der 8. und 9. Klasse typische Fälle für Schulausschlüsse wegen Disziplinarmaßnahmen, wegen Schlägereien oder Streit mit Lehrkräften. Heute findet das in der 6. Klasse statt. Schüler stehen auf und sagen den Lehrern, sie hätten keine Ahnung. Das sind Einzelfälle, aber das Miteinander wird schwierig“, berichtet Axel Rybak.

Er ist seit 15 Jahren Rektor der Staufer-Realschule, außerdem geschäftsführender Waiblinger Schulleiter. Der Schwerpunkt dieses Problems liege derzeit in den sechsten Klassen, so seine Beobachtung - und das nicht nur an seiner Realschule, sondern seiner Meinung nach landesweit. Die Folge sind mehr Disziplinarmaßnahmen: In diesem Jahr wurden an der Staufer-Realschule ein Schulausschluss und circa zehn Unterrichtsausschlüsse ausgesprochen. „Das ist deutlich mehr als früher“, sagt der Rektor.

Er sieht eine Veränderung nach den schwierigen Corona-Schuljahren, in denen manche Klassen längere Zeit im Fernunterricht waren, um Ansteckungen in der Schule zu vermeiden. „Es gibt ein paar Schüler, die die Zeit, die sie nicht in der Schule waren, nur sehr schwer verkraftet haben“, meint Rybak.

„Wenn einer dermaßen sabotiert, dass keiner unterrichtet werden kann“

Der Schulleiter betont, dass zunächst Gespräche stattfinden und viel versucht wird, um die Probleme zu lindern. Es müsse schon einiges passiert sein, dass es zu einem Unterrichtsausschluss kommt, so Rybak. Mit einer solchen Maßnahme solle gezeigt werden: „Dieses Verhalten wollen wir auf keinen Fall.“ Der Schulausschluss als „Ultima Ratio“ könne vorkommen, „wenn einer dermaßen sabotiert, dass alle anderen nicht mehr unterrichtet werden können“. Geregelt sind diese „Erziehungs- und Ordnungsmaßnahmen“ im Schulgesetz, Paragraf 90. Demnach können Lehrkräfte bis zu zwei Unterrichtsstunden Nachsitzen anordnen. Für schärfere Maßnahmen ist die Schulleitung zuständig: vom längeren Nachsitzen über die Überweisung in eine Parallelklasse bis hin zum Ausschluss aus der Schule.

Das staatliche Schulamt in Backnang hat im April alle Schulleiter zu einer Online-Konferenz bestellt. Thema waren eben diese Disziplinarmaßnahmen. Die Veranstaltung, die Schulleitern eine praktische Anleitung für „rechtlich saubere“ Schulausschlüsse (da Eltern oft juristisch dagegen vorgehen) liefern sollte, sei aber schon länger geplant gewesen, sagt der stellvertretende Amtsleiter Roland Jeck. Corona sei dazwischengekommen. Also kein Indiz für eine Verschärfung eines Problems.

Aber: Auch Roland Jeck macht sich Sorgen. Teilweise sogar „extreme Sorgen“, sagt er. Denn das frühere Auftreten bestimmter Probleme, das der Waiblinger Realschulrektor Rybak schildert, sieht man auch beim Schulamt. Jeck hat hier aber nicht so sehr Fünft- und Sechstklässler im Blick, sondern Grundschüler. Vor allem Erst- und Zweitklässler, die unter Corona-Bedingungen eingeschult wurden. Es gebe viele Erst- und Zweitklässler, die „psychische Auffälligkeiten“ zeigen, „mehr als vor Corona“, so der stellvertretende Amtsleiter. „Das kann man sagen, dass sich das abzeichnet.“

"Eine Art Trend": Respektlosigkeit gegenüber Lehrern

Zum Teil zeigten diese Kinder aggressives Verhalten, gegen sich selbst und andere. Es gebe „massivste Unterrichtsstörungen“ sowie „Respektlosigkeit gegenüber Lehrern“. „Letzteres ist eine Art Trend“, so Roland Jeck, es sei aber schwierig zu beurteilen, woher das komme. Bei manchen Schülern müssten wegen der Auffälligkeiten die „Beschulungszeiten“ eingeschränkt werden, zum Beispiel haben sie dann nur noch Kernfächer wie Deutsch oder Mathematik oder besuchen nur Unterrichtsstunden der Klassenlehrkraft. Ziel: den Unterricht für die übrigen Kinder zu gewährleisten. Aber auch das Kind, „das die Problematik in sich trägt“, müsse man im Blick haben und ihm helfen, am besten in vielen Gesprächen und in Kooperation mit den Eltern.

Jeck sagt: „Es sind Gott sei Dank Einzelne, aber es gibt eine Häufung.“ Als „Alarmzeichen“ sieht man ihm zufolge beim Schulamt, dass die Probleme flächendeckend auftreten, also nicht nur in größeren Städten, sondern auch in kleinen Grundschulen auf dem Land. „Es gibt keinen Unterschied, von Fellbach bis Murrhardt, an kleinen und großen Grundschulen: Überall gibt es einzelne Kinder, die uns extreme Sorgen machen“, so der stellvertretende Amtsleiter. „Das hatten wir vorher in der Art nicht“, sagt er mit Bezug auf die Pandemie. Er hält es für wahrscheinlich, dass nun Folgen von Fernunterricht und Daheimsein sichtbar werden, auch von „Computerkonsum und Medienmissbrauch“. „Wir hoffen, dass sich das verbessert, und dass wir keine Phase mehr kriegen, in der Kinder so lange daheim sind.“

Das hofft auch Staufer-Realschulrektor Axel Rybak. Schwierigkeiten gibt es in den sechsten Klassen seiner Schule bei etwa jedem vierten Kind, sagt er. Mit dieser Gruppe habe es schon vor Corona Probleme gegeben, „aber nicht in diesem Maße“. Rybak zufolge sind das Schüler, die mit dem Realschulniveau eigentlich überfordert sind und für die die Lockdowns besonders nachteilig waren. Sie bräuchten viel Betreuung und „klare Ansagen“. Im Fernunterricht war das aber kaum möglich.

Der Rektor baut darauf, dass sich die Lage mit der Zeit „stabilisiert“: „Die Klassen sind bei uns relativ klein, da ist ein guter Zugriff da. Aber es ist eine schwierige Zeit.“ Und ein weiterer Lockdown sollte für die Schulen möglichst nicht kommen.

„Für die Kollegen kann ich unisono sagen, dass sie gestresst sind“

Rybak sagt auch: „Es liegt nicht nur an den Schülern, sondern daran, dass Lehrkräfte überlastet sind - die sind auch nicht mehr so resilient wie erholte Lehrer.“ Eine Forsa-Befragung von über 1000 Lehrkräften im Auftrag der Robert-Bosch-Stiftung hat kürzlich ergeben: 84 Prozent sehen sich selbst als stark oder sehr stark belastet, das Kollegium beschreiben sogar 92 Prozent so.

Rybak wundert das nicht. „Für die Kollegen kann ich unisono sagen, dass sie gestresst sind.“ Viele seien „am Anschlag“, und der Lehrermangel werde im kommenden Jahr „ein Riesenproblem“, glaubt er. Vom Land fordert der Rektor Unterstützung statt zusätzlicher Aufgaben. Und von den Eltern? „Dass sie mit uns kommunizieren, bevor sie sich über irgendwas aufregen, wenn ihnen die Kinder mal wieder irgendwas erzählt haben. Wir machen nichts grundlos.“

Die Pfingstferien sind vorbei, noch knapp sechs Wochen bis zu den Sommerferien - und die Lehrkräfte sind „am Anschlag“, sagt ein Waiblinger Schulleiter. Gleichzeitig macht er sich Sorgen, dass verstärkt jüngere Schüler verhaltensauffällig werden. „Früher waren Pubertierende in der 8. und 9. Klasse typische Fälle für Schulausschlüsse wegen Disziplinarmaßnahmen, wegen Schlägereien oder Streit mit Lehrkräften. Heute findet das in der 6. Klasse statt. Schüler stehen auf und sagen den Lehrern,

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