Waiblingen

Leni Breymaier: Die Frau mit den „Glücksziegelsteinen“

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Tourt durchs Land, zeigt, wie sie fühlt und das volle Breitseite: Leni Breymaier, SPD-Landeschefin seit dem 22. Oktober, im Gespräch. © Habermann / ZVW

Waiblingen. Leni Breymaier, die neue SPD-Landes-Chefin, ist auf ihrer Tour durch Baden-Württemberg auch im Rems-Murr-Kreis vorbeigekommen. Sie hatte schweres Gepäck dabei und hat eine schwere Aufgabe vor sich.

Video: Die SPD-Landesvorsitzende Leni Breymaier im Gespräch.

Sie trägt schwer. Es seien ihre „Glücksziegelsteine“, sagt sie und wuchtet den Rucksack auf die Schulter. Aber wer ist sie eigentlich, diese Frau, die mit solchem Gepäck reist, so viel Glück braucht und einer Zwölf-Prozent-Partei vorstehen will? „12,7 Prozent“, sagt sie.

Leni Breymaier ist auf Tour durch Baden-Württemberg. Sie ist die Frau, die jene Partei wieder hochbringen soll, die bei der Landtagswahl vom Regierungsmitglied zur Randerscheinung mutierte. Hinter der AfD, weitab von jeder Chance, irgendwie mitmischen zu können. Leni Breymaier ist die neue SPD-Landesvorsitzende. Warum nur?

Sachthemen waren „unsexy“, die SPD braucht Emotionen

Weil, sagt sie, die Inhalte, die ihr wichtig seien, ohne die SPD keine Chance hätten. Die soziale Gerechtigkeit zum Beispiel. Und die SPD brauche mehr Emotion. Emotionen haben die SPD zu Fall gebracht. Bei der AfD nämlich, sagt Leni Breymaier, gehe es nicht um Inhalte. Die AfD bringe keine Lösungen. Meuthen zum Beispiel, der redegewandte AfD-Frontmann aus Backnang, wolle die Rentenversicherung abschaffen. Er wolle eine staatlich verordnete Privatvorsorge durchsetzen. Leni Breymaier gehen tatsächlich die Emotionen durch, wie sie das sagt. Bauchgrimmen nennt man das. Das Mittel der AfD: das Gefühl von „es denen mal zeigen“. Ha! Die AfD, sagt Leni Breymaier, ziele auf die Bäuche. Sie selbst „will nicht so tief sinken“. Aber so ganz außen vor will sie die Gefühle bei der Diskussion der Probleme nicht mehr lassen. Sachthemen, sagt sie, waren nämlich bei der Landtagswahl total „unsexy“.

Leni Breymaier kommt deftig daher

Nils Schmid, der kluge Mann für die Wirtschaft, Katrin Altpeter, die fleißige Frau fürs Soziale – kein Kribbeln im Wählerbauch? Leni Breymaier kann dafür sorgen, dass Pupillen sich weiten: Sie kommt deftig daher. Sind soziale Themen überhaupt noch wichtig? „Stellen Sie sich vor, Sie gehen jetzt da raus und laufen die Treppe runter und es haut Sie komplett auf die Fresse!“ Ein Plädoyer für gesellschaftliches Füreinandereinstehen frei von der Leber weg. Quasi direkt aus der Bauchregion. Ein wunderbares Zitat.

Zitate übrigens möchte ihr Mitarbeiter Andreas Reißig vor der Veröffentlichung noch gegenlesen. Autorisieren heißt das. Und bedeutet oft, dass die knackigsten Aussagen, die, die zeigen, für was der Mensch steht und wie er tickt, abgemildert, glattgefeilt, mehrheitstauglich gemacht werden. Nein, keine Autorisierung? Da wird die Stimmung kurz frostig.

Mit Altpeter gut zusammengearbeitet

Und wie sieht’s mit den Emotionen zwischen ihr und Katrin Altpeter aus? Jener Frau, die wie niemand anderes im Rems-Murr-Kreis für die Regierungsbeteiligung der SPD steht. Katrin Altpeter, die für den Kreis nach vielen Jahren endlich die Kinderpsychiatrie wahr gemacht hatte und die nach der Wahlniederlage erklärte, dass sie für das Amt der Landesvorsitzenden bereitstünde. Im Interview war das. Am 10. Juni wurde es in dieser Zeitung veröffentlicht. Leni Breymaier erklärte am 11. Juni offiziell, dass sie kandidieren wolle. Altpeter zog zwei Tage später zurück. Ja, sagt Leni Breymaier, das sei ihr „bis heute rätselhaft, wie das passieren konnte“. Sie habe mit Katrin Altpeter gut zusammengearbeitet und freue sich auf die kommende Zusammenarbeit. Katrin Altpeter ist immerhin mit einem hervorragenden Ergebnis zur Beisitzerin im Landesvorstand gewählt worden.

Die Grünen hatten den „Kretschmann-Hype“

Leni Breymaier denkt, dass sie ein gesundes Rechts- und Unrechtsbewusstsein habe. Sie war Gewerkschafterin, dort Jugendvertreterin, Betriebsrätin. Sie kennt die Probleme der Menschen. Sie will was ändern. Sie will, dass es den Leuten, „die nichts anderes zu verkaufen haben als ihre Hände, ihren Kopf und ihre Daten“, gutgeht. Auch, wenn sie alt sind oder schwach. Sie will solidarische Lösungen. „Zurzeit gefallen unsolidarische Antworten“, sagt sie. USA-Wahl, Landtagswahl – „die CDU ist auch abgeschmiert, und die Links-Fraktion hat keinen Stich gemacht.“ Ja, die Grünen hatten viele Stimmen. Das sei der „Kretschmann-Hype“. Aber warum hatte die SPD so gar keine Chance, obwohl sie in der letzten Landesregierung die Schlüsselressorts besetzt hatte? „Wenn ich das ganz genau wüsste ...“

„Es haben 85 Prozent nicht AfD gewählt!“

Es war die Flüchtlingspolitik, die der AfD die Wähler zugetrieben hat. „Es ist eine große Leistung, die vielen Flüchtlinge aufzunehmen“, sagt Leni Breymaier. Aber dass die Sprachkurse so „schleppend“ liefen, das sei schlecht. Und wie will sie die Wähler wieder von der AfD zurückholen? Sie müsste sagen: Flüchtlinge raus. Dann fühlten sich die Leute verstanden. Aber hallo, sagt ihr Tonfall: „Es haben 85 Prozent nicht AfD gewählt!“

Wie viel Prozent von diesen Prozent wird die SPD bei der Bundestagswahl holen? Mit einem Sigmar Gabriel als Kanzlerkandidat? „Wenn Sigmar Gabriel Kanzlerkandidat werden will, wird er das, und dann ist er der Richtige.“ Und Leni Breymaier kann sich mit allen eine Koalition vorstellen. Wirklich mit allen, auch mit den Linken. Nur nicht mit der AfD.

Den Rucksack mit den „Glücksziegelsteinen“ hat sich nach diesem Schlusssatz Andreas Reißig auf den Rücken geladen. Sie wiegen halt doch arg schwer. Und Leni Breymaier wird viele davon brauchen.

Leni Breymaier

Leni Breymaier ist am 26. April 1960 in Ulm geboren.

Sie ist gelernte Einzelhandelskauffrau, war Jugendvertreterin, Betriebsrätin, Mitglied des Gesamtbetriebsrats in ihrem Unternehmen, Gewerkschaftssekretärin bei DAG und ÖTV in Mannheim, Göppingen und Stuttgart, stellvertretende Vorsitzende des DGB Baden-Württemberg und seit Mai 2007 Verdi-Landesbezirksleiterin Baden-Württemberg.

Seit 1982 ist sie Mitglied der SPD. Seit 2009 war sie stellvertretende Landesvorsitzende, seit Oktober 2016 hat sie den Landesvorsitz von Nils Schmid übernommen.

Ehrenamtlich engagiert sie sich als Richterin am Staatsgerichtshof Baden-Württemberg, im Stiftungsrat Stiftung Energie- und Klimaschutz der EnBW, als Mitglied im Medienrat der Landesanstalt für Kommunikation, LfK, als Mitglied im Aufsichtsrat der Bausparkasse Schwäbisch Hall und als Mitglied im Beirat „Spitzenfrauen in die Gremien“.