Waiblingen

Lernbrücken: Rektor der Staufer-Realschule kritisiert Unterricht in Ferien

Axel Rybak
Axel Rybak ist Rektor der Staufer-Realschule und geschäftsführender Schulleiter in Waiblingen. © ZVW/Benjamin Büttner

Die Schulen in Baden-Württemberg sollen nach dem Willen des Kultusministeriums in den Sommerferien wie im Jahr 2020 wieder zwei Wochen lang Schüler unterrichten, die besonderen Förderbedarf haben oder während des Fernunterrichts schlecht erreichbar waren. Lernbrücken nennt sich das Ganze. Was auf dem Papier gut klingt, sieht der Waiblinger Schulleiter Axel Rybak mittlerweile kritisch.

Der Rektor der Staufer-Realschule ist Vorstandsmitglied in der Arbeitsgemeinschaft der Realschulrektorinnen und Realschulrektoren in Baden-Württemberg und weiß, dass im Gegensatz zum vergangenen Jahr die Zahl der interessierten Lehrkräfte stark nachgelassen hat. „An der Staufer-Realschule hat sich dieses Jahr bis heute keine Lehrkraft gemeldet. Im vergangenen Jahr waren es sechs Lehrkräfte von 40. Von anderen Schulen höre ich Ähnliches.“

Ohne Freiwillige aber funktionieren die Lernbrücken nicht. Wenn sich an der Staufer-Realschule weiter keine Lehrkraft meldet, müssten die Schüler, deren Eltern eine Teilnahme wünschen, an einer anderen Schule unterkommen. Aber da die geringe Bereitschaft der Lehrer nicht nur die Staufer-Realschule betrifft, könnte es insgesamt eng werden – und das, befürchtet Axel Rybak, könnte bei den Eltern für Unmut sorgen. Schließlich hat das Land ja zugesagt, dass es das Angebot wieder geben soll.

Referendare bekommen weniger

Der Hauptgrund für die mangelnde Bereitschaft der Lehrer in diesem Jahr ist laut Rybak, dass nach mehr als einem Jahr Pandemie und dem ständigen Wechsel bei den Stundenplänen und Unterrichtsformen viele Lehrer sehr urlaubsreif sind. Dazu kommt, dass aus seiner Sicht der Anreiz für die Lehrer nicht groß ist. Lehrer, die an den Lernbrücken teilnehmen, sollen 40 Euro pro Zeitstunde erhalten, Referendare, die eher motiviert sind, mit einem Zuverdienst ihr Einkommen aufzubessern, erhalten nur 25 Euro und Lehramtsstudenten gar nur 15 Euro. Maximal kann ein Lehrer, der zwei Wochen Lernbrücke absolviert, auf 1600 Euro Zusatzeinkommen kommen – immerhin unversteuert, weil das Ganze laut Axel Rybak als Übungsleiterpauschale abgerechnet wird. Referendare und Studenten kriegen deutlich weniger.

Kein Kind wollte 2020 freiwillig ein Schuljahr wiederholen

Aus Rybaks Sicht rächt sich jetzt auch, dass wegen des ersten Lockdowns im Frühjahr 2020 kein Schüler durchfallen konnte. So durften an allen Schulen die Lehrer Eltern nur den Rat geben, das Kind ein Jahr wiederholen zu lassen. Bilanz davon an der Staufer-Realschule: „Von circa 20 Beratungsgesprächen verlief aus unserer Sicht kein einziges erfolgreich im Sinne des Kindes. Alle sind in ihren Klassen geblieben und haben auf der nächsten Klassenstufe weitergemacht, obwohl sie das vorherige Niveau nicht erreicht hatten.“

Wer denkt, dass wegen Corona im Schuljahr 2019/2020 besonders viele Kinder an der Staufer-Realschule Probleme hatten, irrt: Der Prozentsatz derjenigen, die das Klassenziel nicht erreichten, war laut dem Rektor auf dem gleichen Niveau wie vor Corona.

Alternatividee für förderbedürftige Schüler 

Axel Rybak hätte eine Alternatividee, wie förderbedürftigen Schülern auch ohne Lernbrücke in den Sommerferien geholfen werden könnte – und zwar ganzjährig. Möglich wäre das, wenn bestimmte Lehrer, die mehr arbeiten wollen, ganzjährig zwei Stunden pro Woche mehr arbeiten dürfen und dafür natürlich normal entlohnt werden. Umsetzen könnte man das Ganze etwa alle 14 Tage an Samstagen. „Es ist nämlich ein Irrtum, dass grundsätzlich Samstag kein Unterrichtstag ist“, betont Rybak.

Kultusministerium gibt sich wegen der Lernbrücken zuversichtlich

Das Kultusministerium des Landes sieht das indes anders. Laut Julian Benedikt Burgert, Referent für Öffentlichkeitsarbeit, sind zum jetzigen Zeitpunkt noch keine belastbaren Aussagen über die Anzahl von Lehrkräften möglich, die für die Lernbrücken zur Verfügung stehen. „Zudem werden dieses Mal auch Lehramtsstudierende bei den Lernbrücken eingesetzt, so dass zusätzliches Personal zur Verfügung steht. Daher sind wir zuversichtlich, zumal die Resonanz im Jahr 2020 sehr groß war.“

Plan für ganzjährige Förderung

Eine ganzjährige Förderung, wie sie Axel Rybak fordert, ist laut dem Kultusministerium ebenfalls möglich. „Um Lernlücken zu schließen und Schülern, die im Stoff Nachholbedarf haben, zu helfen, sind mehrere Förderprogramme aufgesetzt worden“, versichert Pressereferent Julian Benedikt Burgert. Unter anderem hätten der Bund und die Länder ein Zwei-Milliarden-Euro-Programm ins Leben gerufen, das in Baden-Württemberg unter dem Titel „Rückenwind“ läuft. „Hier sind wir bereits in die ersten Planungen eingestiegen, die Ausarbeitung läuft gerade.“

Bei „Rückenwind“ sollen die Schüler nach Angaben des Kultusministeriums sowohl innerhalb als auch außerhalb des Unterrichts von zusätzlichen Mentoren gefördert werden, das Programm soll sich über die kommenden beiden Schuljahre erstrecken. „Erfahrungen und Erkenntnisse aus anderen Programmen sollen einfließen“, betont Julian Benedikt Burgert. Auch spiele der sozial-emotionale Bereich eine wichtige Rolle. Denn Kinder und Jugendliche müssten neben dem Verringern von Lernlücken auch auf offene Ohren in der Schule treffen, um Lernblockaden lösen zu können.

Chance für schnellere Verbeamtung

Was die Bezahlung der Lehrer für die Lernbrücken angeht, verteidigt sich das Kultusministerium gegen den Vorwurf, dass diese einen zu geringen Anreiz biete. „Das Honorar der teilnehmenden Lehrkräfte und Unterrichtskräfte ist entsprechend der Qualifikation gestaffelt“, teilt Pressereferent Julian Benedikt Burgert mit. Darüber hinaus besteht für Referendarinnen und Referendare wieder die nach seiner Darstellung attraktive Möglichkeit einer vorzeitigen Aufnahme in ein Beamtenverhältnis, wenn diese an den Lernbrücken teilnehmen – nämlich bereits zum 31. August 2021. Ob der Plan des Ministeriums aufgeht, werden die nächsten Wochen zeigen.

Die Schulen in Baden-Württemberg sollen nach dem Willen des Kultusministeriums in den Sommerferien wie im Jahr 2020 wieder zwei Wochen lang Schüler unterrichten, die besonderen Förderbedarf haben oder während des Fernunterrichts schlecht erreichbar waren. Lernbrücken nennt sich das Ganze. Was auf dem Papier gut klingt, sieht der Waiblinger Schulleiter Axel Rybak mittlerweile kritisch.

Der Rektor der Staufer-Realschule ist Vorstandsmitglied in der Arbeitsgemeinschaft der

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