Waiblingen

Lernen und Nachhilfe in den Ferien: Sinnvoll oder nicht?

Nachhilfe
Nachhilfe ist nur in Ausnahmefällen geboten. Ansonsten sollte Lernen in den Ferien freiwillig und spielerisch sein. © Gabriel Habermann

Für viele Eltern ist der Ferienstart eine willkommene Gelegenheit, nachzuarbeiten: Jetzt ist endlich Zeit, mit den Kindern das Einmaleins zu wiederholen oder die Englisch-Vokabeln zu pauken. Zumal die Corona-Zeit mit Home-Schooling und digitalem Lernen nachwirkt. Oder? Brauchen die Kinder, Teenies und Jugendlichen nicht eben die Zeit zur Erholung und für neue Erfahrungen? Eine Mutter aus Weinstadt und eine Schulleiterin aus Waiblingen erzählen, worauf es aus ihrer Sicht ankommt.

Über weite Strecken der Corona-Pandemie ist vieles auf der Strecke geblieben - nicht nur Unterrichtsstoff. Klassenfahrten, Schulfeste, Schülerdisco, Vereinssport, Spielen und Quatschen auf dem Pausenhof – vieles davon konnte nicht oder nur eingeschränkt stattfinden. Aus eigener Erfahrung weiß jeder und jede Erwachsene, wie wichtig Freunde vor allem für Jugendliche in der Pubertät sind, sagt eine Mutter von zwei Jungs mit zehn und 13 Jahren aus Weinstadt. „Das ist viel auf dem Rücken der Kinder ausgetragen worden. Daher gönne ich ihnen jedes Event, das jetzt stattfinden kann.“

Bei großen Defiziten möglichst Hilfe von Verwandten oder Profis suchen

Seit sich der Unterricht weitgehend normalisiert habe, hätten die Kinder viel aufgearbeitet und nachgeschrieben. „Ich habe den Eindruck, sie brauchen die Pause jetzt.“ Also dürfen die Jungs die Ferien genießen, an Freizeiten wie dem Waldheim in Fellbach und der Spowo des VfL Waiblingen teilnehmen, „chillen“ – und sich vielleicht auch mal ein bisschen langweilen und dabei auf kreative Ideen kommen. Der Mutter ist aber auch bewusst, dass ihre Kinder die Pandemie und ihre Folgen gut überstanden haben und in der Schule gut klarkommen. „Wenn wir Kinder hätten, die total abgerutscht wären, würde ich bestimmt eine andere Meinung vertreten.“

Lernen unter Zwang ist von zweifelhaftem Erfolg

„Grundsätzlich sind die Ferien zum Erholen da, weil das Gehirn auch ein bisschen Ruhe braucht“, bestätigt Gabriele Gollnick, Leiterin der Friedensschule Neustadt, die Weinstädter Mutter. Und tatsächlich gebe es auch Ausnahmen: wenn Kinder von sich aus lernen wollen oder wenn sie große Defizite haben. Eigenmotivation ist allemal besser, als ein Kind zum Lernen zu zwingen – zumal der Lernerfolg unter Zwang oft zweifelhaft ist. Um die Motivation zu erhalten, braucht ein Kind Erfolge, weshalb es sich stets vom Leichten zum Schweren vorarbeiten sollte.

Spielerisch und praktisch in den Alltag einbauen

Wenn ein Kind zum Beispiel Schwierigkeiten beim Schreiben habe, sei es nicht ratsam, es täglich mit Schreibübungen zu quälen. Besser beraten sind Eltern, die ansprechende Materialien suchen, die Lust machen. „Es kann auch mal das Tablet sein, da gibt es ganz tolle Lernprogramme.“ Leistungsdruck wäre fehl am Platz – gerade in den Ferien. Als weitere Methode empfehlen sich Rollenspiele nach dem Motto „Wir machen Schule und du bist die Lehrerin“. Nicht zuletzt lohnt es sich, Lernen und Wissensvermittlung in den Familienalltag zu integrieren. Gerade bei Urlaubsreisen bietet sich das an: Wo fahren wir eigentlich hin? In welchem Bundesland liegt das und wie viele Kilometer sind es bis dahin? Eltern und Kinder können miteinander lesen, was man vor Ort alles unternehmen kann. Beim Einkaufen im Laden können Kinder selbst bezahlen. Je nach Fantasie lassen sich Spiele erfinden, bei denen man etwas berechnen muss. Je mehr bei solchen Spielen und praktischen Anwendungen die Selbstständigkeit und Entscheidungsfähigkeit von Kindern berücksichtigt wird, umso besser. So versucht es auch die besagte Familie aus Weinstadt – sei’s beim Backen, bei einer Radtour oder beim Ausflug nach Straßburg. Einen Brief an Oma und Opa zu schreiben liegt ähnlich nahe wie bei „Stadt, Land, Fluss“ Wissen zu testen.

Förderprogramm "Rückenwind"

Hat ein Kind hingegen ausgeprägte Defizite, vielleicht durch Krankheit oder psychische Belastungen wie Trennung der Eltern bedient, sollte die Aufarbeitung nach Ansicht von Gabriele Gollnick ausgelagert werden. Entweder an ältere Schüler oder an Verwandte - oder in schwierigeren Fällen an professionelle Stellen. Stress, Druck und Konflikte mit den Eltern sollten sich nicht in die Ferien hinein fortsetzen. Für Probleme wie Dyskalkulie oder Leserechtschreibschwäche gebe es gute Fachleute, zum Beispiel auch in Waiblingen.

Das Förderprogramm ,,Lernen mit Rückenwind“ zum Aufholen nach Corona für Kinder und Jugendliche wurde an der Friedensschule als zusätzliche Unterrichtsstunde integriert und läuft im kommenden Schuljahr weiter.

Es bleibt dabei: Die Ferien dienen vor allem der Erholung, denn: „Schule ist für Kinder anstrengend.“ Das fängt mit dem frühen Aufstehen an und setzt sich den Tag über mit geballter Wissensvermittlung fort. In den großen Ferien sich im Freibad oder auf dem Sportplatz zu tummeln, neue Freundschaften zu knüpfen – für Kinder und Jugendliche unersetzbar. „Ferien sind wichtig, um einfach mal man selbst zu sein.“ Das neue Schuljahr kommt bestimmt – und zu Beginn wird sowieso erst einmal wiederholt.

Für viele Eltern ist der Ferienstart eine willkommene Gelegenheit, nachzuarbeiten: Jetzt ist endlich Zeit, mit den Kindern das Einmaleins zu wiederholen oder die Englisch-Vokabeln zu pauken. Zumal die Corona-Zeit mit Home-Schooling und digitalem Lernen nachwirkt. Oder? Brauchen die Kinder, Teenies und Jugendlichen nicht eben die Zeit zur Erholung und für neue Erfahrungen? Eine Mutter aus Weinstadt und eine Schulleiterin aus Waiblingen erzählen, worauf es aus ihrer Sicht ankommt.

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