Waiblingen

Lesung von Peter Stamm: Was wäre wenn man einfach ginge

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Peter Stamm in der Buchhandlung Osiander. © Schlegel

Waiblingen. Mit der Lesung des Schweizer Autors Peter Stamm hat die Buchhandlung Osiander in Waiblingen ihren offiziellen Einstand gefeiert. „Wir sind stolz darauf, ein Ort der Begegnung zu sein“, sagte Bereichsleiterin Sabrina Palmizi, bevor Peter Stamm seine Zuhörer im Untergeschoss der Buchhandlung auf die Flucht seines Protagonisten „weit über das Land“ mitnahm.

Was wäre, wenn? Wenn man einfach gehen, alles hinter sich lassen würde? Ohne Worte, ohne Erklärung, ohne Plan und Absicherung? Peter Stamms Protagonist Thomas tut genau das. An einem Abend im Spätsommer stellt er sein Weinglas ab, steht auf und geht. Und geht. Und geht. Durch die Straßen, über die Brücke, raus aus dem Dorf, über die Wiese, durch den Wald, über die einsamen Berge. Einfach immer weiter.

In „Weit über das Land“ beschreibt Peter Stamm einen Mann, der seine Frau verlässt, mit der er offenbar keine schlechte Ehe hatte, seine beiden netten Kinder, sein Häuschen, seinen Job – sein Leben. Gerade ist die Familie aus dem Sommerurlaub in Spanien heimgekommen. Am nächsten Tag soll der Alltag wieder beginnen, mit Schule und Job. Warum auch nicht? Es ist kein schlechtes Leben, das Peter Stamm skizziert und aus dem sein Protagonist plötzlich und für ihn selbst überraschend ausbricht: „Thomas stand auf und ging auf dem schmalen Kiesweg am Haus entlang. An der Ecke angelangt, zögerte er einen Augenblick, dann bog er mit einem erstaunten Lächeln, das er mehr wahrnahm als empfand, zum Gartentor ab.“

Peter Stamm erklärt nicht, er beschreibt

Warum Thomas geht, erfährt der Leser nicht. Peter Stamm erklärt nicht, er beschreibt. Neutral, ernsthaft, detailliert. Die Straßen, die menschenleeren Landschaften, die Städte, die Thomas schnell wieder verlässt. Wovor er sich versteckt, warum er flieht, bleibt unklar. Auch seine Frau Astrid ist nicht zu greifen. Zunächst scheint sie merkwürdig unbeteiligt, als sie das Verschwinden ihres Mannes bemerkt. Für die Kinder und die Sekretärin erfindet sie Ausreden, kleine Lügen. Später geht sie zur Polizei und meldet ihn vermisst. Sie wartet.

Thomas wird nicht gefunden, und er kehrt nicht zurück. Astrid richtet sich mit den Kindern in ihrem neuen Leben ein, bleibt ihrem verschwundenen Mann aber merkwürdig eng verbunden. „Das Seltsame: Sie bleiben sich immer nah, kommen sich sogar näher, je weiter er weggeht“, so Peter Stamm bei seiner Lesung. Thomas und Astrid erinnern sich daran zurück, wie sie sich kennengelernt haben. Beide Perspektiven erfährt der Leser, wie auch der ganze Roman aus beiden Perspektiven erzählt wird. Der Wechsel erzeugt Spannung, bringt aber keine Erklärungen. Schon gar nicht dafür, weshalb die verlassene Astrid nicht wütend wird, ihrem abgetauchten Ehemann viele Jahre treu bleibt und nie daran zweifelt, dass er zurückkommen wird. Das Ende kommt dann überraschend versöhnlich. Jedenfalls für die, die sich darauf einlassen können. Für die anderen bleiben viele Fragen offen.

Peter Stamm selbst kennt die Motive seines Protagonisten nicht genau, erfahren die Zuhörer bei seiner Lesung bei Osiander. „Nicht alles hat seinen Grund“, antwortete er einer Leserin, die eine Erklärung für Thomas’ Ausbruch verlangt. An der Beziehung mit Astrid habe es jedenfalls nicht gelegen, sagt Stamm. „Man bleibt doch nicht grundlos so lange weg“, insistiert die Leserin. „Vielleicht doch“, meint er. Thomas gehe jedenfalls nicht, weil er unglücklich ist. Sondern eher deshalb, weil er nicht ertragen könne, dass die Zeit vergeht. Peter Stamm, der Autor, hat und will nicht die Deutungshoheit über das Seelenleben seines Protagonisten. Ganz ernsthaft und auf Augenhöhe diskutiert er mit seinen Lesern über Thomas und dessen Motive. Das macht Stamm sympathisch. Und Thomas eigentümlich lebendig.

Er habe die Geschichte eines Mannes schreiben wollen, der flieht und sich versteckt, sagt Stamm auf die Frage, was ihn inspiriert habe. Und nein, von ihm selbst stecke nichts in Thomas. Andererseits seien alle seine Figuren miteinander verwandt – und vielleicht auch mit ihm. In ihrem Umfeld haben Thomas und sein Autor jedenfalls vieles gemeinsam – „schon aus Bequemlichkeit“, sagt Stamm. Das Dorf, die Straße, die Polizeistation: All das kennt er aus eigener Anschauung. Und das Haus gibt es auch: Es ist Peter Stamms Elternhaus, das er in seinen Büchern schon mehrfach verwendet habe. Er halte nichts davon, exotische Figuren zu erfinden: „Es reicht, die Welt zu beschreiben, wie sie ist.“

Agnes

Peter Stamm, geboren 1963, ist seit 1990 freier Autor. Mit drei Geschwistern wuchs er in Weinfelden im Kanton Thurgau auf. Sein Romandebüt 1998 war „Agnes“, die viele Abiturienten als Prüfungsthema kennen.