Waiblingen

Letzte Ruhe im Tal von Bondo

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Grandiose Landschaft, katastrophale Zerstörung: Beim Bergsturz im Val Bondasca in der Schweiz kamen acht Menschen ums Leben. Einer davon war Reinhard Höbrink aus Korb. © Angelika Höbrink

Korb/Bondo. Am 23. August 2017 lösten sich im schweizerischen Kanton Graubünden rund drei Millionen Kubikmeter Fels und stürzten ins Tal. Der Bergsturz begrub acht Menschen unter sich. Einer davon kam aus Korb. Erst am 22. Mai 2018 ging der „Kriminalrapport“ über das Unglück bei der schweizerischen Staatsanwaltschaft ein, die jetzt angefangen hat zu ermitteln.

Erst jetzt ermittelt die schweizerische Staatsanwaltschaft. Fast ein Jahr nach dem großen Unglück. Die Recherchen und Berichte brauchten so viel Zeit. Am 23. August 2017 hatten sich von der Nordostflanke des Pizzo Cengalo in der Val Bondasca rund drei Millionen Kubikmeter Felsmasse und rund 0,6 Millionen Kubikmeter Gletschereis gelöst und stürzten nach unten ins Tal.

Der „Bergsturz von Bondo“

Der schweizerische Erdbebendienst hat die Erschütterungen aufgezeichnet: Die Erde bebte von 9 Uhr 30 Minuten und zwölf Sekunden bis 9 Uhr 31 Minuten und 42 Sekunden. Das Ereignis machte als der „Bergsturz von Bondo“ Schlagzeilen.

In der Schweiz kocht die Berichterstattung wegen des nahenden Jahrestags und wegen der erst jetzt beginnenden Suche nach möglichen Schuldigen wieder hoch. Denn bei dem Unglück verschwanden acht Menschen. Sie wurden nie gefunden. Längst geht man davon aus: Sie sind tot. Verschüttet unter einer 20 Meter hohen Schicht aus Gestein.

Angelika Höbrink fürchtet, dass auch hier die Medien wieder berichten werden. Fernsehen, Zeitungen, Internet. Denn unter den acht Vermissten waren auch Deutsche. Einer davon war ihr Mann.

Die Hütte ist seit dem Bergrutsch gesperrt

Reinhard Höbrink kam am 21. August zusammen mit einem Freund aus Heidelberg in Bondo an. Im „Kriminalrapport“ der Kantonspolizei Graubünden heißt es, die zwei Männer lösten ein Ticket für die Mautstraße, die zu einem Wanderparkplatz in der Val Bondasca, dem Bondasca-Tal, führt. Dort angekommen, stellten sie ihr Auto ab und stiegen „zu Fuß mit der nötigen Berg- und Kletterausrüstung für die Klettertour an der Fuori-Kante zur Sciora- Hütte hoch“.

Reinhard Höbrink kannte Berg und Hütte und hatte den Übernachtungsplatz online gebucht. Um das zu tun, muss man nicht die Homepage der Hütte besuchen und sich durchklicken, man kann direkt zur Reservierung gehen. Wer das heute versucht, liest für jedes Datum: „Reservation nicht möglich“. Die Hütte ist seit dem Bergrutsch gesperrt.

Damals konnte Reinhard Höbrink problemlos buchen. Und fand keinen Hinweis auf eine akute, neue Gefahr. Er wusste auch nicht, dass just an seinem Ankunftstag gegen 11.30 Uhr ein Felssturz mit rund 150 000 Kubikmetern abgegangen war. Das Tal, der Weg zum Wanderparkplatz, der Parkplatz selbst waren nicht gesperrt.

Am 10. August hatte ein Geologe eine E-Mail geschrieben, in der er dringend vor einem „größeren Sturz“ warnte. Seit 2015 werde der Berg mit Radar vermessen, das aktuelle Bild zeige eine instabile Masse von fünf bis sechs Millionen Kubikmetern. „Ich empfehle, die Val Bondasca vorläufig nicht mehr zu betreten. Für sämtliche Maiensässhütten wäre ein sofortiges Aufenthaltsverbot sinnvoll.“ Am 14. August kam ein Krisenstab zusammen. Die Schließung des Tals wurde „als nicht notwendig empfunden und somit abgelehnt“.

Zur Krisenabwehr dient ein kleines Schild

Der Krisenstab beschloss lediglich, ein kleines Schild anzubringen – zusätzlich zu jenem, was warnend seit einem Bergsturz im Jahr 2012 an der Sciora-Hütte und einer weiteren hing. Auf dem neuen Schild stand: „Ein weiterer Bergsturz kündigt sich an“. Es seien fünf Millionen Kubikmeter Fels in Bewegung und man gehe davon aus, dass diese instabile Masse in den kommenden Wochen und Monaten als Felssturz niedergehe. „Die ausgewiesenen Gefahrengebiete müssen unbedingt beachtet werden!“ Von einer Sperrung war nicht die Rede.

Reinhard Höbrink übernachtete in der Sciora-Hütte, machte am 22. August seine Klettertour, kehrte am Abend wieder zur Hütte zurück, um dort die zweite Nacht zu verbringen. Am frühen Morgen des 23. August rief er seine Frau an: Alles okay, bis heute Abend. Dann machte er sich wieder auf den Weg in Richtung Parkplatz.

Dieser Anruf war das letzte Gespräch, das Angelika Höbrink mit ihrem Mann führte. Es sei, sagt sie, so verletzend gewesen, was dann in den Nachrichten zu hören, zu sehen, zu lesen war. Die Vermissten seien auf gesperrten Wegen unterwegs gewesen, hieß es. Auf Karten wurden diese Wege gezeigt. Es waren ganz andere als jener, der zum Auto führte. Alle acht Vermissten waren aber auf jenem Weg zum Wanderparkplatz unterwegs. Sie konnten gar keinen anderen gehen. Es hieß auch, sagt Angelika Höbrink, dass so was passiere, wenn Leute sich selbst überschätzten.

Sie selbst möchte nicht mehr erzählen müssen

Reinhard Höbrink war Alpinist. Ein Mensch der Berge mit jahrzehntelanger Erfahrung. „Das war seine Welt“, sagt Angelika Höbrink. Es gibt von ihm ein Foto, aufgenommen wenige Wochen vor seinem Tod: ein athletischer Mann auf einem einsamen Felsen inmitten der Unendlichkeit der Bergwelt und des blauen Himmels.

Die Tour, die er mit seinem Freund am 22. August ohne Schwierigkeiten meisterte, war dem „Schwierigkeitsgrad 6 c“ zugeordnet. Im Kriminalrapport wird sie als „anspruchsvoll“ beschrieben. Der Weg, auf dem ihm der Bergrutsch das Leben nahm, war einfach nur ein Zugangs-, ein Wanderweg. Er hat sich nicht überschätzt. Doch die vom Gipfel des Bergs abgebrochene Felsmasse und die Druckwelle, die die Millionen von Kubikmetern Gestein vor sich herschoben, benötigten nur „wenige Sekunden, um die Talsohle zu erreichen“. Reinhard Höbrink und die anderen sieben Menschen hatten keine Chance.

Angelika Höbrink will den Stab nicht brechen über jenen, die das Tal nicht sperrten. Jahrelang war nichts passiert. Und die Region lebt von dem Geld, das die Bergtouristen bringen. „Es war ein schönes Tal“, sagt sie, „ist’s noch immer.“ Am 23. August wird es in Bondo eine Gedenkfeier für die Opfer geben. Sie fährt hin.

Doch ihre anwaltliche Vertretung hat sie der Opferhilfe des Kantons Graubünden übertragen. Sie will die Last abgeben. Und sie hat jetzt, dieses eine und einzige Mal, mit einer Zeitung gesprochen. Damit alle, die es wissen wollen, nachlesen können, was passiert ist. Sie selbst möchte nicht mehr erzählen müssen.

Dass die Toten nie gefunden wurden, niemals gefunden werden – es ist, wie es ist. Ein Bagger in der Val Bondasca? „Um Gottes willen, nein!“ Das Tal sei jetzt eine „letzte Ruhestätte“.


Steigende Temperaturen, mehr Bergstürze

Der Klimawandel ist nicht direkt für den Bergsturz von Bondo verantwortlich, sagen Geologen. Dennoch: Steigende Temperaturen sorgen dafür, dass die Berge instabil werden.

Denn steigt die Temperatur, taut der Permafrostboden auf, Wasser kann in den zerklüfteten Fels eindringen und Spannungen erzeugen. Der Fels bricht. Das jedoch ist ein sehr langsamer Prozess.

Gefährlicher ist das Abschmelzen der Gletscher. Denn das schwindende Eis lässt Schutthalden zurück. Die gesamten Druckverhältnisse innerhalb der Felsmassen verändern sich. Dadurch, und wenn die Schuttmassen an steilen Hängen liegen, drohen zunehmend mehr Lawinen.