Waiblingen

Lieferketten-Probleme: Firma Kraus aus Waiblingen beantragt erstmals Kurzarbeit

Firma Kraus
Um weiter zu produzieren, fehlen Hans-Peter Kraus die Elektronik-Teile. © ALEXANDRA PALMIZI

Erstmals seit seiner Gründung vor knapp 30 Jahren hat das kleine Industrieunternehmen Kraus aus Waiblingen Kurzarbeit beantragt. Grund sind nicht etwa leere Auftragsbücher, sondern der Materialmangel durch seit Corona gestörte Lieferketten. Von einer Entspannung am Markt „merke ich nichts“, sagt Geschäftsführer Hans-Peter Kraus.

Mitte Dezember 2022 hat er eine Elektronikkomponente bestellt. „Termin ab Werk“ laut der Auftragsbestätigung: „circa“ Kalenderwoche 40, Anfang Oktober 2023. Die Wartezeit beträgt also mindestens ein Dreivierteljahr.

Bestellt hat Kraus, der im Ameisenbühl Schalt- und Automatisierungsanlagen für verschiedene Maschinen produziert, nicht bei irgendwem, sondern bei SEW-Eurodrive aus Bruchsal, einem nach eigenen Angaben „weltweit führenden Antriebstechnologie-Spezialisten“. Doch Hans-Peter Kraus aus Waiblingen hilft das gerade nicht. „Noch vor einem Jahr war das alles ‘Lagerware’ oder die Lieferzeit betrug 14 Tage“, sagt er.

Seit der Corona-Pandemie sind diese Selbstverständlichkeiten weg. Viele Branchen hatten oder haben mit Nachschubproblemen zu tun, besonders bei Mikrochips. Während der Pandemie wurde weniger produziert, außerdem brannte Anfang 2021 eine wichtige Fabrik in Japan ab. In einer global vernetzten Wirtschaft wirkt sich so etwas spürbar aus.

Zuletzt gab es zwar Anzeichen für eine Verbesserung. „Die Materialknappheit in der Industrie hat sich merklich entspannt“, so die Wissenschaftler des Ifo-Instituts Anfang Januar. „Im Dezember berichteten darüber 50,7 Prozent der befragten Firmen, nach 59,3 Prozent im November. Dies ist der dritte Rückgang in Folge.“ Bei Kraus in Waiblingen kommt davon aber noch nichts an.

Auch Teile vom Industriegiganten Siemens, die Kraus brauchen könnte, sind weiter schwer zu bekommen. Im Industriekunden-Shop gibt Siemens etwa für ein „Simatic“-Elektronikmodul die Lieferzeit unverändert mit 135 Tagen an - wie vor einigen Monaten, als Kraus nach seinen Angaben eine Wartezeit von zwei Jahren genannt worden war. Die Frage, wie Siemens die aktuelle Lage insbesondere bei Mikrochips und Steuerungselementen beurteilt, ob sich hier Entspannung abzeichnet, will der Konzern unter Verweis auf die „Quiet Period“, eine Art Schweigephase vor Veröffentlichung der Quartalsgeschäftszahlen am 9. Februar, nicht beantworten.

Warum ein Lager nicht helfen würde

Für Hans-Peter Kraus heißt es, wie schon vergangenes Jahr: weiter warten auf die benötigten Teile. Leider könne er kein großes Lager anlegen, weil jeder Auftraggeber sehr unterschiedliche, bindende Anforderungen stelle. „Das macht uns unfähig, im Voraus zu bestellen“, erklärt er seine Misere. Aufträge hat die kleine Firma eigentlich genug. Doch wegen des Materialmangels sei nun „absehbar, dass wir ab Februar nichts mehr zu produzieren haben“. Deswegen hat der Chef für die verbliebenen vier Angestellten - früher waren es acht - nun erstmals Kurzarbeit beantragt, sagt er.

Die soll zunächst bis 30. Juni laufen. Dann müsse man neu entscheiden. Hans-Peter Kraus hofft, dass sich die Lage bis dahin auch bei den Teilen, die er braucht, entspannt hat. Es bleibe viel Unsicherheit, „auch wegen China“. Die Lage dort sei „der Schlüssel“. „Diese Abhängigkeit ist entscheidend.“ Nach den Corona-Lockerungen Pekings sind die Infektionszahlen rapide angestiegen.

Auch der Umfragen-Leiter beim Ifo-Institut, Klaus Wohlrabe, der Anfang Januar gesagt hatte, dass sich eine „Auflösung der Engpässe“ in vielen Branchen abzuzeichnen scheine, hatte hinterhergeschoben: „Abhängig von der Entwicklung der Corona-Lage in China kann es aber auch wieder zu Rückschlägen bei den Engpässen kommen.“

Erstmals seit seiner Gründung vor knapp 30 Jahren hat das kleine Industrieunternehmen Kraus aus Waiblingen Kurzarbeit beantragt. Grund sind nicht etwa leere Auftragsbücher, sondern der Materialmangel durch seit Corona gestörte Lieferketten. Von einer Entspannung am Markt „merke ich nichts“, sagt Geschäftsführer Hans-Peter Kraus.

Mitte Dezember 2022 hat er eine Elektronikkomponente bestellt. „Termin ab Werk“ laut der Auftragsbestätigung: „circa“ Kalenderwoche 40, Anfang Oktober 2023.

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