Waiblingen

Lilija Baumann malt den amerikanischen Traum

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Warum drängte da etwas zum Aufbruch? Blick aus einem amerikanischen Restaurant, gemalt von Lilija Baumann. © Joachim Mogck

Waiblingen. Es ist ein Versprechen, und das sollte man sich auch nicht von einem Donald Trump nehmen lassen. Das Streben nach Glück, das Recht auf einen Batzen Glückseligkeit, findet sich in der amerikanischen Verfassung. Was das heißen kann, hat schon immer Schriftsteller befeuert. Auch Maler. Die in Winnenden lebende studierte Grafikerin Lilija Baumann sucht auf ihre Art eine Näherung. Und bedient sich dabei des Fotorealismus. Strich für Strich. Zu besichtigen jetzt im Zeitungshaus.

Zur Bestückung der vier Etagen an der Waiblinger Albrecht-Villinger-Straße 10 hat die 46-Jährige ein ganzes Konvolut an Arbeiten aus ihrem Atelier gezogen. Eine umfassende Werkschau. Im Foyer zeigt sich die Spannweite ihrer Befassung mit feinsten Pinseln und delikat abgemischter Ölfarbe.

Schnell ist Sense

Da hängen gegenüber: ein Symbol der Vergänglichkeit und eine Metapher für die bedrohte Jungfräulichkeit. Zum Ersten: ein Stierschädel, drapiert apart auf eine Decke mit einem gemalten Faltenwurf, der das gewisse Altmeisterliche in sich trägt. Naturalismus pur mit einer Botschaft: Wir alle haben uns unser Leben nur geliehen. Schnell ist Sense. Und der Tod kann so unrühmlich sein. Selten ist es der Spieß des Toreros, eher der Bolzenschussapparat.

Oft macht sich Lilija Baumann Fotos von dem, was ihr ins Auge springt. Und was sich zu montieren lohnt mit einem zweiten Motiv. Dann wirft sie zu Hause den Beamer an und sucht Konstellationen. Den Tierschädel hat sie in der Auslage eines Winnender Präparators gefunden. Der Grusel ist nicht gelinde, er ist manifest. Aber wiederum auch apart. Es schillert, dies Stück gemordetes Leben, so wie das Tuch darunter in tiefste Tiefen der Textur weist.

Mächte von außen müssen im Spiel sein

Andere Seite gleich schieres Glück? Zwei Mädchen lassen von einem Stein aus ihre Beine im Wasser baumeln. Sie haben einen Stetson auf dem Kopf, die traditionelle Bedeckung derer, die das Land beim Marsch gen Westen unter ihre Füße nahmen. Lässt hier eine gestandene Frau zwei Mädchen ihre Füße in Unschuld waschen?

Die Kiesel im Fluss sind auf eine Art illuminiert in Baumanns Version, dass Mächte von außen im Spiel sein müssen. Sie richten ihre Scheinwerfer auf diese Szene. Ein frühes Bild der Befassung von Baumann mit einer Wirklichkeit, oft auch in Illustrierten gefunden, die umschlagen kann. In was? Tja, da kommt es auf die Gestimmtheit dessen an, der wiederum sein Auge darauf wirft.

Das Werkzeug zum Mord

Es geht die Stufen hoch im Baumannschen Kosmos, höher und höher. Am Schluss aber verdichtet sich ein Bild von der Malerin selbst. Da malt sich jemanden seinen amerikanischen Traum. Wenn man ihn wirklich träumen will, empfiehlt es sich, das Land des unendlichen Glücksversprechens lieber nicht aufzusuchen.

Es könnten sich Enttäuschungen einstellen. So ist es bei Lilija Baumann. Sie, die in der Ukraine geboren und aufgewachsen ist, angesichts der grauen Verhältnisse dort nur glühend träumen könnte, sie hält auf fast kluge Weise und doch vorbewusst räumliche Distanz zu ihrem Sehnsuchtsort. Sie malt sich das Verlangen aus dem Leib.

Mal nimmt sie sich einen Film-Still von Hitchcocks „Die Vögel“ vor. Ein schwarzes Federvieh hockt schon auf der Tasse. Nebenan ein Aschenbecher aus schwerem Kristall, stilbildend für die 50er Jahre. Da drängt etwas danach, in die Hand genommen zu werden. Das Werkzeug zum Mord.

Rückschlüsse auf die Verfasstheit der Gäste

Manchmal weisen gerade Kunstwerke über die Intention der Macher hinaus. Sie geben dann mehr her als gedacht. Bei Baumann scheint sich dieser Fall öfters einzustellen. Da findet sich im Werk, das Foto oben zeigt es, ein Blick von einem Diner raus auf die Straße. Also von einem typischen amerikanischen Restaurant, und uns springt eine gewisse Analogie an zum sehr amerikanischen Realismus des Edward Hopper. Sein berühmtes Nachtschwärmer-Bild.

Hier, bei Baumann, haben die Personen den Ort verlassen. Ganze Bücher und halbe Filme beschäftigen sich mit dem Hopper-Gemälde und der Frage, wer mit welchem Grad an entleertem Blick am anderen vorbeischaut. Hier, bei Baumann, müssen wir Rückschlüsse auf die Verfasstheit der Gäste machen aufgrund des Arrangements der Gegenstände der Verlassenheit. Die Gläser sind teils noch gut gefüllt.

Weggekratzt und übermalt

Formale und inhaltliche Tiefe dem Bild einschreiben, das sei reine Mühe. Sie hat ja ihre Jobs und ein Kind zu versorgen. Sie kann gar nicht ständig am Werk bleiben. So vergehen auch mal zwei Monate, bis die Szene steht. Schicht über Schicht, dann wieder weggekratzt und übermalt. Weggestellt und für nicht so gut befunden – oder doch für präsentabel.

Es ist harte Arbeit, gibt einem Lilija Baumann zu verstehen. Gleich muss sie los, rein ins Auto nach Höfen. Andere Menschen anleiten im Ausdruckfinden via Bildermacherei. Sie kooperiert mit den Kunstschulen in Waiblingen, Winnenden und Backnang. Gelernt ist gelernt. Oder studiert. Angefangen hat es erst mit einer Ausbildung als Grafikdesignerin. Ihre Mappe war dann so gut, dass es fürs Grafikdesign-Studium an der Stuttgarter Akademie reichte.

Pop Art und Pixel-Großziehen

Der Realismus, der mit einem Foto konkurrieren will, gilt bei wahren Künstlern und Künstlerausbildern zunächst nicht viel. Sie sagt das selber. Also finden sich auch freie Arbeiten jetzt in der Schau im Zeitungshaus. Pop Art und Pixel-Großziehen feiern nochmals bunte Urständ.

Aber man kann dann im Vergleich schon verstehen, was ihrer Lebensdramaturgie am nächsten ist: die Spannung einer realen, kriminellen, gewalttätigen Szenerie. Und sei’s zunächst eine fiktive, gefilmte. Und sei’s, dass das Sich-Anschweigen und das Aneinander-Vorbeischauen auch Akte sein können. Der Aggression.


Malerei und Grafik

  • Malerei und Grafik von Lilija Baumann ist zu sehen vom 8. Oktober bis zum 17. November in der Galerie im Druckhaus und Zeitungsverlag Waiblingen. Montags bis freitags von 8 bis 17.30 Uhr, freitags bis 16.30 Uhr.
  • Eröffnet wird die Ausstellung jetzt am Sonntag, 8. Oktober, 11 Uhr. Es spricht die Kunsthistorikerin Birgit Knolmayer.