Waiblingen

Luft für Angeklagten wird dünner

Amtsgericht Waiblingen
Am Amtsgericht Waiblingen wird derzeit gegen einen 24-Jährigen verhandelt, der zwei junge Frauen angegriffen haben soll. Er sitzt seit April dieses Jahres in U-Haft. © Büttner / ZVW

Waiblingen. Am zweiten Tag der Verhandlung gegen einen 24-Jährigen, der im April zwei Schülerinnen auf dem Salier-Schulgelände überfallen haben soll, haben die jungen Frauen ihre Vorwürfe bekräftigt. Die 18-jährige Nebenklägerin leidet bis heute unter den Folgen eines Rippenbruchs. Nach einem Streit der Verteidiger mit Richter Kärcher wurde die Verhandlung unterbrochen.

Tag zwei der Verhandlung gegen einen 24-jährigen Waiblinger beginnt mit dem Antrag der Nebenklägerin auf Schmerzensgeld: 5000 bis 8000 Euro hält ihr Anwalt für angemessen, die Verteidigung hingegen für indiskutabel. Die junge Frau und ihre Freundin sollen am Ostermontag von dem Waiblinger angegriffen worden sein (wir berichteten). Die heute 18-jährige Schülerin erlitt einen Rippenbruch und mehrere Prellungen am Oberkörper. Ärztliche Atteste belegen die Verletzungen. Der Mann war nach dem Angriff von einem Polizisten, der zufällig in der Nähe wohnt, dingfest gemacht worden. Seit seiner Festnahme sitzt er in Untersuchungshaft. Er bestreitet, gewalttätig geworden zu sein.

Tritte gegen die Frau am Boden

Die beiden Freundinnen waren zum Zeitpunkt der ersten Verhandlung noch im Urlaub gewesen, im Zeugenstand des Amtsgerichts bekräftigen sie nun ihre Vorwürfe. Sie seien in Begleitung einer kleinen Schwester auf den Schulhof spaziert, hatten sich unterhalten und auf dem Handy Musik gehört. Da sei der nach Alkohol riechende Angeklagte aufgetaucht, habe Geld und ihre Smartphones verlangt, berichten die beiden übereinstimmend. Schnell soll er handgreiflich geworden sein, stieß die Kleinere zunächst zu Boden, packte sie kurz darauf am Hals, drückte sie gegen einen Mast und nahm ihr die Brille von der Nase. Als ihre Freundin die Polizei anrufen wollte, ließ er von seinem ersten Opfer ab und brachte auch sie zu Fall. Die kleine Schwester habe wie unter Schock dabei gestanden, sei aber nicht behelligt worden.

Seit dem Vorfall im April in ärztlicher Behandlung

Mehrfach, berichten die beiden, soll der Fremde jedoch auf die am Boden liegende junge Frau eingetreten und ihr das Handy entrissen haben. Ihre Verletzungen, insbesondere die gebrochene Rippe, schmerzten erst am nächsten Morgen – seit dem Vorfall Anfang April ist sie nun in ärztlicher Behandlung. Das Handy habe er ihr wieder zurückgegeben, erinnert sich die Nebenklägerin. Dann tauchte der junge Polizist in Zivil auf und lenkte den Angreifer ab.

Staatsanwältin droht mit Ordnungsgeldstrafe

Als die Nebenklägerin den Prozessbeteiligten ein Foto zeigt, das der junge Mann im Schulhof aus Versehen mit ihrem Handy geschossen haben soll, schnaubt dieser: „Was ist das für eine Scheiße?“ Die Antwort Richter Kärchers: „Auf ihren Kommentar können wir verzichten.“ Die Staatsanwältin droht dem 24-Jährigen mit einer Ordnungsgeldstrafe, sollte er sich nicht benehmen.

Streit zwischen Verteidiger und Richter

Es bleibt nicht das einzige Mal, dass die Stimmung im Gerichtssaal kippt. Nach den Ausführungen eines Sachverständigen zur Schuldfähigkeit des Angeklagten geraten Verteidigung und Richter Kärcher so hart aneinander, dass Kärcher die Verhandlung für diesen Tag für beendet erklärt.

Gutachter: Nicht schuldunfähig

Der Stuttgarter Arzt war in seinem Gutachten zum Schluss gekommen, der Angeklagte zeige zwar ein „auffälliges Unbeteiligtsein gegenüber den Gefühlen anderer“, sei aber zum Tatzeitpunkt „weder schuldunfähig noch vermindert schuldfähig“ gewesen. Mehrmals haken die Verteidiger nach, ob Alkohol und Marihuana – beides hatte der Drogensüchtige an diesem Tag konsumiert – nicht doch eine größere Rolle für die Tat gespielt haben könnten. Aus ihrer Sicht ist das verständlich: Der Drogenmissbrauch könnte sich schließlich strafmindernd auswirken. Der Gutachter bleibt jedoch dabei: Alles spricht dafür, dass der Angeklagte zum Tatzeitpunkt unter keiner „tiefgreifenden Bewusstseinsstörung“ litt.

Kärcher: "Für heute ist's vorbei"

Als Richter Kärcher weitere Nachfragen der Verteidiger unterbinden möchte, protestieren die beiden Anwälte. Der Streit eskaliert, schließlich beantragt einer der Verteidiger eine Pause – er wolle mit seinem Kollegen einen Antrag zur Ablehnung Kärchers besprechen. Da hat der Richter endgültig die Faxen dicke. „Für heute ist’s vorbei“, sagt Kärcher, unter diesen Umständen werde er die Verhandlung nicht fortsetzen.

Luft für Angeklagten ist dünner geworden

So richtig ernst war’s dem Rechtsanwalt mit seiner Drohung wohl nicht, rasch versucht er zurückzurudern, doch Kärcher bleibt hart.

Ein Urteil steht deshalb nach wie vor aus. Nach dem zweiten Verhandlungstag und den Aussagen der beiden jungen Frauen ist die Luft für den Angeklagten allerdings deutlich dünner geworden. Fortgesetzt wird der Prozess in der kommenden Woche.