Waiblingen

Mädchen-Gefängnis wird Theaterbühne

1/4
d5d403d5-ed26-4210-920e-329101e58cb2.jpg_0
Leonie Friedel (22) vor den Toren des Mädchengefängnisses in Nairobi, in dem sie ein Theaterprojekt für 14- bis 18-Jährige angeboten hat. Das Bild ist an dem Tag entstanden, als sie mit zwölf Insassinnen die kleinen Theaterszenen aufgeführt hat, die sie mit ihnen zuvor wochenlang geprobt hat. Die Rosen in ihrer Hand sind ein Geschenk für die Mädchen. Im Gefängnis selbst durfte Leonie Friedel nicht fotografieren. © Leonie Friedel
2/4
_1
Leonie Friedel studiert an der Pädagogischen Hochschule in Ludwigsburg Kultur und Medienbildung. Sie wohnt derzeit bei ihren Eltern in Endersbach. © Gabriel Habermann
3/4
_2
Ein Markt in Kibera, einem riesigen Slum im Südwesten von Kenias Hauptstadt Nairobi.
4/4
_3
Leonie Friedel und Bob (ein sehr guter Freund) in einem Café. © siehe Bildtext

Weinstadt/Nairobi. Sie haben gestohlen, Drogen konsumiert und in ihren Familien Gewalt erlebt: Leonie Friedel hat in Kenias Hauptstadt mit jungen Straftäterinnen gearbeitet. Sie hat die 14- bis 18-Jährigen im Theaterspiel unterrichtet, mit ihnen Szenen für ein Stück erarbeitet – und dabei trotz aller Probleme viel Freude gehabt. „Ich habe so oft vergessen, dass ich in einem Gefängnis bin.“

Die 28 Mädchen waren unglaublich neugierig auf Leonie Friedel. Eine junge Frau mit heller Haut ist jenseits von Kenias Touristenzentren sehr selten zu sehen – erst recht nicht in einem Mädchengefängnis in der Hauptstadt Nairobi. „Die wollten alle meine Haare flechten und mir neue Zöpfe machen“, erzählt die 22-jährige Endersbacherin und lächelt.

Zweieinhalb Monate hatte die Studentin Zeit

Nur zum Reden war sie natürlich nicht gekommen: Leonie Friedel wollte die jungen Straftäterinnen im Schauspiel unterrichten, mit ihnen einfache Übungen machen und dann gemeinsam Szenen für ein richtiges Stück erarbeiten. Zweieinhalb Monate hatte die Studentin dafür Zeit – wobei sie ihre ambitionierten Pläne recht bald der Realität anpassen musste.

Vielen Mädchen fiel es schwer, sich zu konzentrieren und bis zum Ende durchzuhalten. Leonie Friedel fragte sich oft, ob es überhaupt was wird mit dem kleinen Theaterstück. Die Zeit rann ihr förmlich davon. „Es war echt schwierig.“

Das „Hope Theatre Nairobi“

Die Probleme fingen schon bei der Sprache an. Eigentlich ist Englisch in Kenia Amtssprache, aber viele Menschen beherrschen es nicht. Leonie Friedel hat das bei den Mädchen im Gefängnis mehrfach erlebt. Zwar nickten immer alle, als sie fragte, ob jeder verstanden habe, was sie meint – aber dann stellte sich bald heraus, dass fast keiner wusste, was sie zuvor gesagt hatte.

Zum Glück hatte sie in der Einheimischen Pauline Akinyi Otieno eine Übersetzerin, die sie zu ihren Übungsnachmittagen im Gefängnis begleitete. Dass sie überhaupt in Kenia mit jungen Straftäterinnen arbeiten konnte, liegt an Stephan Bruckmeier, der das „Hope Theatre Nairobi“ gegründet hat. Den Regisseur lernte die 22-Jährige während ihres Freiwilligen Sozialen Jahres bei den Schauspielbühnen Stuttgart kennen.

Insgesamt drei Monate verbrachte Leonie Friedel in Kenias Hauptstadt. Sie wohnte bei einer Gastfamilie am Rande des Kiberaslums und erlebte dort, mit welcher Härte die Polizei gegen Demonstrationen vorgeht.

„Die sind alle für drei Jahre verurteilt worden – das ist da Standard“

In den ersten zwei Wochen musste sie sich zudem erst mal durch die Bürokratie kämpfen, um mit ihrem Theaterkurs anfangen zu können. Leonie Friedel wollte ihre Arbeit auch mit Fotos dokumentieren – doch nach vier Wochen bekam sie von der für alle Gefängnisse zuständigen Behörde eine Absage.

Begründet wurde es mit dem Persönlichkeitsschutz: Den jungen Strafgefangenen soll nicht die Zukunft auf dem kenianischen Arbeitsmarkt verbaut werden, falls die Fotos auf irgendwelchen Wegen im Internet landen. Die 14- bis 18-jährigen Mädchen, mit denen die Studentin arbeitete, mussten meist eine Haftstrafe wegen Drogenkonsum oder Diebstahl absitzen

. „Die sind alle für drei Jahre verurteilt worden – das ist da Standard.“ Nach ein bis zwei Jahren können die Mädchen dann wegen guter Führung entlassen werden. Die Strafen sind jedenfalls härter als in Deutschland. „Das ist für manche der Mädchen aber nicht das Schlechteste“, findet Leonie Friedel.

Ihr gefällt an dem Gefängnis in Nairobi auch, dass die Mädchen dazu verpflichtet sind, die Schule zu besuchen. Früher, in ihrem Slumalltag, hätten sie natürlich auch zur Schule gehen sollen – taten es aber oft nicht.

Schwer war es für Leonie Friedel, den Mädchen nach einer Weile klarzumachen, dass 28 Personen zu viel sind, um ein Theaterstück zu entwickeln. Schließlich ließ sie die 14- bis 18-Jährigen selbst entscheiden, welche zwölf bei der Aufführung dabei sein dürfen – und das klappte. „Es waren Mädchen dabei, die mir vorher nie so aufgefallen sind. Zwei, drei, bei denen ich dachte, dass die sich nie durchsetzen.“

„Ich wollte, dass die Mädchen sich überlegen, wie sich die Frau fühlt“

Drei Szenen führte Leonie Friedel mit den Mädchen auf. In der einen ging es um eine Familie, in der sich der Vater nach der Scheidung aus dem Staub macht. Die zweite Szene handelte von Diebstahl: Zwei Mädchen wollen darin ihre Freundin dazu bringen, eine Frau, die selbst nicht viel hat, zu beklauen. Einfach so, aus Langeweile.

„Ich wollte, dass die Mädchen sich überlegen, wie sich die Frau fühlt.“ In der dritten Szene beobachten zwei Mütter, wie die eine Tochter die andere schlägt – und die eine Mutter ihre prügelnde Tochter selbst mit Gewalt bestraft, in dem sie diese mit ihren Flipflops schlägt. „Das ist so normal dort. Das ist dann lustig für die anderen, wenn die eine auf Mama macht und mit den Flipflops durch die Gegend rennt.“

Leonie Friedel ist mittlerweile wieder in Endersbach, aber wenn es nach ihr geht, würde sie gerne wieder nach Nairobi. Klar, manches ging ihr auf die Nerven, etwa die ständigen Heiratsanträge oder die Versuche der Mädchen aus dem Gefängnis, sie mit ihren Brüdern zu verkuppeln. Für viele gilt ein Leben in Deutschland immer noch als das große Los. „Das ist bei allen im Hinterkopf: Deutschland ist ein Schlaraffenland.“


Mitten im Tränengas

  • Leonie Friedel erlebte in Kenia die politischen Unruhen im Herbst hautnah – schließlich wohnte sie mitten im größten Slum der Hauptstadt. Rund um die Präsidentenwahl, die am 26. Oktober aufgrund eines Beschlusses des Obersten Gerichtshofs wiederholt werden musste, gab es Proteste, bei denen auch Menschen starben.
  • Die 22-Jährige sah von ihrer Wohnung aus das brutale Vorgehen der Polizei gegen Demonstranten und erlebte auch, was passiert, wenn man in eine Tränengaswolke gerät. „Ich hatte den ganzen Tag Kopfschmerzen.“ Was sie besonders betroffen machte: Auch viele unbeteiligte Familien mit kleinen Kindern, die gar nicht demonstrieren waren, litten unter der Polizei. „Die schießen das Tränengas einfach in den Slum hinein.“